Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1906)
- Date
- 1906-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228719--62750-3289920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
70. Jahrgang. No. 28. Allgemeine Berlin, 13. Juli 1906. eitung des Judentums. Gin unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) 'b zogen Vierteljahr!. 3 M. Re dakteuer Guftav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. VerlgL8-LrpMjoll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: vertag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße $6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Die Milchen Spielleulr. Berlin, 10. Juli, ahrhaftig, es wäre zum Lachen, wenn es nicht gar sv traurig wäre! Also die „jüdischen Spielleute" haben die Hauptrolle bei der Empörung des ältesten russischen Garderegiments gespielt. So drahtet die „Petersburger Telegraphenagentur" in alle Welt hinaus. Die Fürsten Trubetzkoi und Obokenski, die Flügeladjutanten des Kaisers und Regimentskommandeure, haben sich von jüdischen Spielleuten verführen lassen. Und die Mannschaften des Bataillons auch. O diese jüdischen Spielleute! Aber im Ernst gesprochen: Wie niedrig muß die „Petersburger Telegraphenagentur" den Geist und das Verständnis der europäischen Zeitungswelt einschützen, wenn sie es wagt, dieser solche Kost vorzusetzen! Seit Monaten kann man es beobachten: Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß eine telegraphische Nachricht aus Petersburg über revolutionäre Ereignisse käme, bei denen Juden nicht in irgendeiner Weise beteiligt sind. Und welchen Zweck hat dieses Vorgehen? Einfach den, Europa zu zeigen, daß nur die Juden die Revolution in Rußland machen. Es gilt, die öffentliche Meinung irrezuführen — und um diesen Preis blamiert sich der russische Tschinownik sogar gern jeden Tag mindestens viermal. Dieses Ziel werde«: aber jene Agentur und ihre Hintermänner in den russischen Ministerien nicht erreichen! Denn die öffentliche Meinung in Europa ist doch etwas ganz anderes als das sogenannte europäische Gewissen. Es gibt Minister in und außerhalb Rußlands, die mitunter über diese öffentliche Meinung die Achsel zucken. Aber ungestraft hat ihrer selten einer gespottet. Die öffentliche Meinung ist gemeinhin nichts als der kräftige Ausdruck vernüuftiger Erwägung und gesunden Gefühls. In der Uebereinstimmung der Meinung und Empfindungen aber ruht eine Macht, der sich auf die Dauer keine Regierung ohne Schaden widersetzen kann. Sie gehört zu jenen Imponderabilien, von denen Fürst Bismarck gesagt hat, daß sie mehr bedeuten als der Einfluß der Heere und der Gelder. Hin und wieder erhebt sich die öffentliche Meinung, nicht eines Volkes, sondern der ganzen zivilisierten Welt, gegen verrottete Mißwirtschaft. Die französische Revolution, ehe sie durch blutige Ausschreitungen befleckt war, erntete den Beifall und die Bewunderung der gesitteten Menschheit. Die Willkür- Herrschaft der Bourbonen in Neapel brach nicht unter den Schlägen der Tausend von Marsala zusammen, sondern unter dem Fluch der öffentlichen Meinung, deren Urteil.von Garibaldi nur vollstreckt wurde. Mit derselben Gewalt wendet sich die öffentliche Meinung gegenwärtig gegen das unverantwortliche Treiben der russischen Machthaber, die ihre Kraft inr Kampf gegen die Freiheit erschöpfen, statt in der Verhinderung schauerlicher Bluttaten und in der Bestrafung der Massenmörder. Fürst Urussvw, der frühere Ministergehilfe, hat jüngst in der Reichsduma Mitteilungen gemacht, die man ohne sein Zeugnis nicht für möglich halten sollte. Unter den Augen der Regierung, unter Mitwirkung ihrer Beamten sind die Blutbäder vorbereitet, die aufreizenden Flugblätter gedruckt worden. Kommen aus einem Ministerialbureau Warnungen an die Gouverneure, erlassen einzelne dieser Gouverneure Vorbeugungsbefehle, fo lachen die Beamten und behaupten, die wirklichen Absichten besser zu kennen. Aufforderungen zu Metzeleien sind in der Druckerei des Petersburger Stadthauptmanns hergestellt worden, genehmigt von der Zensur. Bürstenabzüge von Aufrufen, die Juden und Herrn Witte totzuschlagen, trugen die Unterschrift: „Drucksertig. Trepow." Provinzialbehörden und Gendarmeriechefs berichteten amtlich, die Ausrufe seien den Petersburger Weisungen gemäß verteilt worden, mit der gewünschten Wirkung auf die Masse der Bevölkerung. Alles belegte Fürst Urussow mit genauen Angaben, unter Nennung der beteiligten Beamten. Selbst der „Reichsbote" schrieb darüber: „Die Judenmassakers in Bialystok haben selbstverständlich in der ganzen christlichen Welt sittlichen Unwillen und Entrüstung hervorgerufen, die dadurch noch verstärkt werden, daß es sich zu bestätigen scheint, daß das Verhalten der Polizei und des Militärs ein sehr tadelnswertes gewesen ist. Gerade dieser Umstand, daß Behörden, die snr Ordnung, Frieden und Sicherheit der Bürger sorgen sollen, das Gegenteil tun und Aufruhr und Massakers Hervorrufen, ist ein Shniptom von tiefsten Schäden im russischen Reiche. Uns selbst ist vor mehreren Wochen bestätigt worden, daß der Gouverneur von Finland in Helsingsors zum Aufruhr aufreizende Flugblätter in der Staatsdruckerei habe drucken lassen. ' So unglaublich uns diese Nachrichten über diese Tätigkeit russischer Beamten erscheinen, so sind sie es doch leider nicht. Es ist vieles faul in Rußland, und aus diesen Sümpfen steigt die Revolution auf. Man denke nur an die Tätigkeit des russischen Beamtentums in den Ostseeprovinzen, ihre Unterdrückung des Deutschtums und Verhätschelung der Letten und Esten, und die Zerstörung der religiösen und sittlichen Grundsätze durch die jahrelangen Verfolgungen der Evangelischen durch allerlei Schikanen, welche Heuchelei und Unwahrhastigkeit großziehen mußten. Die Folge davon war der Ausbruch der Revolution gegen die Deutschen durch Mord und Brand, während auch hier die Beamten und Soldaten anfangs'ruhig zusahen. Das alles ivird überall, in Deutschland wie in England und Frankreich, verurteilt und bedauert. Niemand kann daran glauben, daß die Revolution durch eine mit verbrecherischen Banden hervor-