Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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mitzufördern» bet der Verein nur dann Erfolgreich arbeiten kann; bei Ausbleiben der nötigen Geldmittel tritt sofort eine Stockung ein und viele Hilfeleistungen müssen unterbleiben. — Der Verkehr der Durchreisenden in der Stadt war etwas kleiner als im Jahre 1904. Die Anzahl der jüdischen Emigranten (Russen) war auch nicht größer als sonst; da aber die Auswanderung im allgemeinen sehr stark war, so konnten die Schiffe häufig nicht alsbald alle befördern, so daß die Leute länger als sonst hier Aufenthalt nehmen muhten. Die Zahl der verabreichten Portionen koschern Mittagessens war weit größer als im Jahre 1904. Zur besonderen Genugtuung gereicht es dem Vorstand, daß die im Jahre 1904 bei der Hamburg-Amerika-Linie eingeführte Koscherverpflegung für die jüdischen Auswanderer sich so vorzüglich bewährt hat, daß sie jetzt mit Genehmigung des Oberrabbiners auf allen Zwischendecker befördernden Dampfern der Hamburg-Amerika-Linie (mit Ausnahme der „Deutschland" und einigen kleineren Dampfern) eingeführt ist, und sind zu diesem Zwecke besondere Küchen, mindestens aber abgeschlossene Dampfkessel, vorgesehen. Auch mit der Direktion der Hamburg-Südamerikanischen Dampfer- Aktien-Gesellfchaft sind die Verhandlungen bezüglich dieser Einrichtung zu einem erfreulichen Abschluß gelangt, so daß in diesem Jahre schon zwei Dampfer mit jüdischen Köchen und Koscherfleisch die Reise nach Argentinien angetreten haben. Was nun die Vereinstätigkeit im einzelnen anbelangt, so wurden im Jahre 1905 insgesamt 28 951 Personen mit 95 811 Portionen Koschermittagessen in den Auswandererhallen der Hamburg-Amerika-Linie verpflegt. Im Vereinsbureau in der Stadt erhielten 3700 Verpflegung. Außerdem wurde noch 2200 Durchreisenden eine Reiseunterstützung aus der Vereinskasse gewährt. Des weiteren wurden 2450 Personen mit Kleidern, Stiefeln und Wäsche versehen und aus dem Krankenfonds deS Vereins — aus dem Baronin Klara Hirsch-Fonds — wurden 670 Verpflegungstage im Hospital bestritten. An Mitgliedsbeiträgen erhielt der Verein im Jahre 1905 3115 Mark und an Legaten 1700 Mark. Vom „Hilfsverein deutscher Juden" wurden dem Verein ein einmaliger Betrag von 2000 Mark und vom Israelitisch-wissenschaftlichen Verein in Altona und einem ungenannten Spender je 1000 Mark überwiesen. Die Gesamteinnahme betrug 27 159 Mark, denen fast ebenso hohe Ausgaben gegenüberstehen. Die segensvolle Arbeit des Vereins findet weit über Hamburg hinaus immer mehr Anerkennung, haben doch schon heute 40 jüdische Gemeinden Mitgliedsrechte im Verein erworben. Möge es dem Verein auch fernerhin niemals an den nötigen Mitarbeitern und den nötigen Geldmitteln fehlen. Königstein im Taunus, 22. Juni. Unsere Gemeindemitglieder und die'Kurgäste unseres lieblichen Taunusstädtchens mußten bis jetzt, um ihren religiösen Pflichten zu genügen, die Synagoge in dem eine Stunde entfernten Falkenstein aufsuchen; dies wird nun nicht mehr nötig sein, denn der Tag ist nicht mehr fern, an dem unsere hier neu erbaute Synagoge eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben wird. Am Seilerbahnweg erhebt sich das im romanischen Styl und nach der althergebrachten Vorschrift von Westen nach Osten erbaute Gotteshaus, von beiden Seiten durch hohe'Türme flankiert. Durch das angewendete Steinmaterial und die schöne Farbenzusammenstellung, verbunden mit der Verwendung von grünen, glasierten Ziegeln, hat der ausführende Baumeister Münchhausen aus Köln meisterhaft verstanden, das Gebäude dem Gesamtbild unserer anmutig hügeligen Stadt anzupassen. So bildet es eine der schönsten Zierden unserer monumentalen Gebäude und wird stets die Aufmerksamkeit der hier weilenden Kurgäste aus sich lenken. Alles in allem ist das schöne neue Gotteshaus ein wahrer Schmuck für unsere Stadt; seine künstlerische Ausführung kommt durch Freilassen eines Vorgartens wirksam zur Geltung. Möge das schöne Gebäude zur Ehre der Gemeinde und zur Zierde "der Stadt bald vollendet werden! Gesterretch-Nnsarn. Wien, 25. Juni. Daß sowohl im Parlament wie in der Delegation die russischen Greuel zur Besprechung gelangt sind, haben Ihnen wohl schon die Tagesblätter gemeldet. Es ist das große Verdienst des Czernowitzer Abgeordneten Dr. Benno Straucher, alle diese Aktionen anzuregen. Dieser vortreffliche Mann läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sein Judentum zu bekennen und zu verteidigen. So hat er jetzt wieder an den Kultusminister eine Interpellation über die Zustände an dem k. k. Obergymnastum mit deutscher Unterrichtssprache in Brody gerichtet. Die an diesem Obergymnasium unter der Leitung des Direktors Eduard Schirmer herrschenden Zustände scheinen sehr bedauerlicher Art zu sein. In der Begründung seiner großen Rußland betreffenden Interpellation apellierte er an das Gewissen der Großmächte, angesichts der Judenverfolgungen in Rumänien und der blutigen Massakers in Rußland jenen Bestimmungen der konfessionellen Freiheit Geltung zu verschaffen, welche sie einst in den Berliner Vertrag selbst ausgenommen haben. Er bat den Minister des Aeußern, wenigstens einem auf dem Haager Kongresse angekündigten Anträge zum Schutze der Juden in Rußland nicht entgegenzutreten, wenn eine Intervention der Mächte ausgeschlossen sein sollte. Derselbe Delegierte besprach auch den Vorgang bei Kotierung der russischen Anleihe an der Wiener Börse. Er tadelte es, daß trotz des Einspruches des Finanzministers der Minister des Aeußern für die Zulassung der Kotierung seinen Einfluß geltend machte. Die Ereignisse haben denen Recht gegeben, die vor dieser Anleihe warnten. Es sei eine unerhörte Ausbeutung der kleinen Leute gestattet worden, um der russischen Despotie die Mittel zu bieten, ihre Massenmorde durchzuführen Dr. Straucher erhob gegen die Regierung auch den Vorwurf, daß man ja die „Bankjuden" zur Beteiligung an der Anleihe verleitete, und daß man das Ganze dann gegen die gesamte Judenschaft ausnützte. „Wir schenken Ihnen," sagte der Redner, „diese Bankjuden, die von der Regierung beeinflußt werden, bei der Aufnahme solcher Schandanleihen mitzuwirken." — Am 11. d. M. wurde Adolf Ritter v. Sonnenthal vom Kaiser in Audienz empfangen, um dem Monarchen den Dank für die ihm verliehene Auszeichnung abzusta.ten. Der Kaiser kam Sonnenthal überaus huldvoll entgegen und erwiderte auf die Dankesworte des Künstlers: „Ich habe mich sehr gefreut, Sie auszuzeichnen. Sie gehören zu den Stützen und pflichteifrigsten Mitgliedern des Burgtheaters."— Dem Ministerialrat im Eisenbahnministerium Dr. Camill Kuranda wurde das Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens mit dem Stern verliehen. — In Brünn ist Emanuel Oppenheimer, Fabrikbesitzer in Neu-Raußnitz, im Alter von 76 Jahren gestorben. Sein industrielles Unternehmen war eines der ältesten der Monarchie und besteht seit länger als hundert Jahren. Oppenheimer war ein Mann von strenger Pflichterfüllung, Gewissenhaftigkeit und großzügigem Wohltätigkeitssinn. Er erfreute sich großen Ansehens. In seiner Heimatgemeinde bekleidete er durch 20 Jahre das Amt des Bürgermeisters und Obmannes des Ortsschulrates, durch 18 Jahre war er Mitglied des k. k. Bezirksschulrates Wischau und seit 1869 Delegierter und Mitglied des Kuratoriums des mähriscb-jüdischen Landesmassefonds. Oppenheimer war ein Nachkomme jenes Samuel Oppenheimer aus Heidelberg, der 1677 als Faktor und Hofjude bestellt wurde, dem Kaiser Leopold 1703 in Anerkennung seiner Verdienste um die Reichsfinanzen das kaiserliche Bildnis mit der Gnadenkette verliehen und den Prinz Engen von Savoyen als „Retter in der Kriegsnot" bezeichnet hatte. — Die Repräsentanz der Pest er israelitischen Kultusgemeinde hielt eine Generalversammlung ab, deren Gegenstand die Wahl des Präsidenten war. Das Resultat der Wahl war ein überraschendest Beide Kandidaten erhielten je 85 Stimmen, so daß wieder eine Neuwahl notwendig ist. » VlM Aah und Lern. Frau Direktor Dr. Minden hat auch in diesem Jahre am 25. Mai dem von ihr begründeten „Albert Hirschland-Fonds für Rechtszwecke" des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger -jüdischen Glaubens" 1000 Mark überwiesen. — Der Landgerichtsrat Citron» der Amtsgerichtsrat Pollak und der Handelsrichter Heinrich Maas haben den Roten Adlerorden vierter Klasse, Justizrat Edwin Katz das Komturkreuz des österreichischen Franz Joseph-Ordens erhalten. — Der Kultusbeamte Hermann Rieß feierte am 19. d. M. seinen 70. Geburtstag. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde ließ in Anerkennung treuer Pflichterfüllung Herrn Rieß einen wertvollen