Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 24. Allgemeine Berlin, 15. Juni 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonn einen ts-z)reis: durch Buchhandel oder Lost (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Hcbafteur: Gustav ^ttarz»eles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Lhilippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße Hö/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Die SeKsmpkuns der Lungenlchwindlucht. m Berlin, 12. Juni, it großem und begreiflichem Interesse folgten wir alle den Verhandlungen des letzten Kongresses über die Bekämpfung, der Tuberkulose. Aber was in aller Welt, so werden unsere Leser fragen, hat das Judentum mit dieser Angelegenheit zu tun? Nun, das Judentum wohl nicht, dagegen aber die vielverleumdete mosaische Gesetzgebung, von der ja auch auf diesem Kongresse die Rede gewesen. Und von neuem fragen unsere Leser: Was kann der Gesetzgeber von vor dreitausend Jahren uns, die wir ausgerüstet mit der ganzen wissenschaftlichen Bildung des zwanzigsten Jahrhunderts, uns, die wir uns der Entdeckungen eines Robert Koch erfreuen und einen großen Feldzug gegen die Tuberkulose eröffnet haben, groß lehren wollen? Gemach, gemach! Wir haben gar manches im Lause der Jahrtausende von dem weisen Gesetzgeber der Juden die Welt lernen sehen, und in leider nnr zu vielen Dingen werden seine Lehren nicht hinreichend und nicht allgemein genug befolgt. Wer hat zuerst Mitleid selbst mit den Tieren und sie zu schonen gelehrt? Die jetzigen Tierschutzfreunde, die seit gestern datieren und heute hie Juden lehren wollen, wie die für den Fleischbedarf erforderlichen Tiere getütet werden sollen, sind in Wirklichkeit nur Stümper, da sie die Grausamkeiten der Jagd, des Turfs und der Küchen dulden und fast ihre ganze Kraft gegen 'das im Vergleich zu den von ihnen begünstigten Tötungsmethoden humane Schächten wenden. Wer hat zuerst Und Jahrtausende vor Entdeckung der Finnen und Trichinen den Juden den Genuß des Schweinefleischs verwehrt? Wer ist unserer vor wenigen Jahren erst angeordneten und noch heute nur halb durchgeführten Fleischbeschau, gestützt auf die mosaische Gesetzgebung, viele, viele Jahrhunderte durch vorangegangen als die Inden? Und ist nicht durch diese von ungezählten Generationen auf das strengste durchgesührte Fleischbeschau, die bei den Juden den Genuß tuberkulösen Fleisches unmöglich machte, die Lungenschwindsucht tatsächlich schon lange bekämpft worden? Hat die Gesetzgebung Mosis nicht auch sonst hygienische und soziale Maßregeln vorgesehen, an die man bei uns eben erst zu denken anfängt? Also wäre es keineswegs so ganz unerhört, wenn man noch heute etwas von dem großen Gesetzgeber der Inden lernen würde. Doch zurück zur Bekämpfung der Lungenschwindsucht. Als nach den Entdeckungen Robert Kochs alle Welt aufjubelte und in der Hoffnung schwelgte, daß man nunmehr die Schwindsucht, diese furchtbarste Geißel der Menschheit, wie so manche andere Volkskrankheit, werde ganz überwinden können, sagte uns ein nainhafter Arzt: nach seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung und nach seinen ärztlichen Erfahrungen könne er nur erklären, die Lungenschwindsucht werde nur dann, dann aber wirklich anfhören, wenn mau sich entschließen kann, die Schwindsüchtigen streng zu isolieren. Die Isolierung sei das einzig wirksame Mittel. Wohl zwei Jahrzehnte sind darüber hingegangen. Man hat einen großartigen Kampf gegen die Lungenschwindsucht aufgenoimnen, zahlreiche Sanatorien gegründet, in welchen allein in Deutschland 30 000 Patienten ausgenommen werden. Aber vom Ziele sind wir, wie Staatssekretär Graf v. Posadowsky dieser Tage in der Generalversammlung des Deutschen Zentralkomitees .zur Errichtung vv n Heilstätten für Lungenkranke betonte, trotz aller großen und bedeutenden Leistungen noch weit entfernt. Allerdings, denn noch immer zehrt die furchtbare Krankheit am Marke des Volkes und rafft in Deutschland jährlich wohl 80 000 Menschen hin; das sind zweimal so viele, als der männermordende deutsch-französische Krieg vernichtet hat. Was aber noch schlimmer, als daß wir noch weit vom Ziele entfernt sind, das ist, daß wir dieses Ziel niemals erreichen werden, wenn man sich nicht zur mosaischen Kampf- Methode entschließt. Dr. C.D. Sp ivak, Sekretär der jüdischen Gesellschaft zur Unterstützung Schwindsüchtiger in Denver (Kolorado), erklärt die übliche Kampfmethode zur Bekämpfung der Lungenschwindsucht sogar für „absurd, praktisch zwecklos und moralisch brutal". Denn man baue Sanatorien für Lungenkranke in den ersten Stadien, die nicht anstecken und die Krankheit weiter verbreiten oder doch nur in der: äußerst seltenen Fällen, lasse dagegen die Kranken in vorgerücktem Stadium ihre Umgebung weiter vergiften. Da jede Erkrankung die Folge einer Ansteckung durch einen Kranken in vorgerücktem Stadium ist, so kommt diese Methode auf eine Bekämpfung der Folgen statt der Ursachen hinaus. Und genau wie der Berliner Sanitätsrat, kommt der räumlich und zeitlich von diesem getrennte amerikanische Arzt zu dem Schluffe, daß einzig und allein die vollständige Isolierung die Ausrottung der Krankheit, der weißen Pest, herbeiführen könne. Ob unser obenerwähnter Arzt seinerzeit an die Gesetzgebung Mosis gedacht hat, wissen wir nicht. Dr. Spivak aber denkt sehr wohl daran und erklärt, der jetzt von der „zivilisierten" Welt geführte Feldzug gegen die Lungenschwindsucht wird ein vergeblicher Versuch zur Ausrottung der Krankheit fein, solange man sich nicht entschließt, die von der mosaischen Gesetzgebung gegebenen Anordnungen wörtlich zu befolgen. Er beruft sich aus Levitieus Kapitel 13, wo es in der Hauptsache etwa heißt: Wenn einem Menschen an der