Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 16 (6.2.1838)
- Date
- 1838-02-06
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Lorresponderlzeri, Auszüge, Repliken. Paris, Januar. An merk, der Redaction. Die folgenden Artikel werden Zeugniß geben, wie ehrlich und offenherzig eö unö um die Erkenntniß unsres wahren Zustandes und die Befferung desselben zu thun ist. — Da unser pariser Correspondent nur in französischer Sprache seine Berichte einsenden kann, so bitten wir um Nachsicht, wenn der Glanz der Darstellung nicht dem Original gleich kommt. Wo es auf den Ausdruck ankommt, werden wir ihn franz. beifügen. Die französischen Israeliten. Erster Artikel. Einleitendes. Vor der Revolution von 89 wurden die Juden in Frankreich für Nichts geachtet; sie waren geduldet, aber sie bezahlten die Duldung, deren sie genossen, mit Abgaben, und nur durch viele Opfer erkauften sie die Ruhe, in deren Besitz sie unter den letzten Königen waren. Die Revolution überraschte sie in dieser Stellung; denn die Verbesserungen, die der tugendhafte Ludwig XIV., nach den Ansichten des nicht weniger tugendhaften Malesherbes, unternommen batte, waren nicht von der Art, um einen großen Einfluß auf sie zu üben; sie waren nur weniger unglücklich, denn das wahre Glück gibt allein die Gleichheit, und sie wurden nur als Fremdlinge angesehen in Frankreich. Der Terrorismus und die verschiedenen Staatsgewalten, welche auf einander folgten bis zum Kaiserreiche, haben die Juden in dem statu quo gelassen. Denn wenn die Erklärung der Menschenrechte auch die Gleichheit der Israeliten ausgesprochen hatte, so war dies der Ausspruch eines Factums, welchen die Masse der Israeliten jener Epoche zu fassen außer Stande war. Man bedurfte vermittelnder Maßregeln (<les inesures tran- »itoires,) aber man hatte damals ganz andere Dinge zu thun. Der Kaiser brauchte nur Conscribirte, und wenn er sich einen Augenblick mit den Juden beschäftigte, so geschah dies mit einem befangenen Geiste. Wenn es sich darum handelt, Menschen zu regeneriren, welche 18 Jahrhunderte voll Verfol. gungen außerhalb des gemeinen Rechts gestellt hatten, bedarf man mehr als der Proclamation eines Prinzips. Von Zeit zu Zeit erschienen einige Männer, welche, erfüllt von dem Geiste der Schule des berliner Philosophen, nach Frankreich zurückkehrten, mit dem Wunsche, wenn nicht mit der Hoffnung, ihre Glaubensgenossen aufzuklaren. An der Spitze dieserMannersteht Moses Ensheim, ein Greis, jetzt tvdt für die Wissenschaft, aber dessen Andenken in dem Geiste aller Derer lebt, die ihn ehemals kannten. Wir haben schon bemerkt, wie Napoleon sich mit den Israeliten beschäftigte: als Despot. Das Sanhedrin, daö er in Paris 1807 zusammen berief, hat auf die französischen Israeliten nicht den geringsten Einfluß geübt. AuS dieser Zeit datirt sich die Einrichtung der Consistorien her, eine Einrichtung, die viel Gutes hätte schaffen können,, aber bis jetzt nur daS Nebel regulirt hat. Man kann sagen, daß die Consistorial-Umkleidung die Fortschritte des Judenthums mehr gefesselt als begünstigt hat •). Diese vorgeschützten Organisationen .haben nur Eitelkeiten und persönliche Interessen organisirt. Die jüdischen Consistorial-Bezirke Frankreichs sind folgende; Paris, Metz, Nancy, Straßburg, Eolmar, Bordeaux und Marseille. Jedes Consistorium ist zusammengesetzt auS vier Laien und einem Grand-Rabbin. Paris hat außerdem ein Central-Consistorium, auS sieben Laien, einen für jeden Consistorial-Bezirk, und einem Grand-Rabbin. Anfänglich hatte das Central-Consistorium drei Grands-Rabbins; seitdem diese Zahl verringert werden, sieht man nicht, daß die Interessen des Cultus darunter gelitten hätten. Mit der Charte (1814) beginnt für die Israeliten Frankreichs erst die neue Zeitrechnung. Aber der Einfluß der Geistlichkeit, *) On peut dire que l'enveloppe Cousistoriale a entrave les progr«>8 da Jndai’sme plus qu’il ue les a favorises. konnte, besonders unter Karl X., von einer Zeit rur andern, diese von dem Lten Art. der^Charte anerkannte Gleichheit der Glaubenspartheien, in Frage setzen, da ihre sicherste Bürgschaft'in der Aufklärung des StaatsoberhauvteS besteht. Man kennt das Ende der Regierung Karl X. Seit der Revolution von 1830 haben sich die Consi'ftorial-Functionen sehr vereinfacht. Die Consistorien, ernannt von 25 israelitischen Notabcln, die sie ihrer Seits ernennen, entwarfen vor 1830 mit den Norabeln die VertheilungS-Rollen für die Kosten des Kultus. Diese Kosten trägt jetzt großen Theils der Staat. An verschiedenen Orten bezahlt der Staat auch, ganz oder theilweise, die Elementarschulen des ifrael. Kultus, deren Existenz sich von 1817 herschreibt, ein Jahr nach der Bekanntmachung des Gesetzes über den Primair-Unterricht. Es e.ristirt in Metz eine Central-Rabbiner-Schule. Von dieser werden wir in dem Artikel über Metz sprechen. Der Unterricht nach der Lancaster'schen Methode war in Frankreich. ein großes Glück für die israelitischen Schulen. Denn von Privatpersonen gegründet, und mit den geringfügigsten Hilfsquellen versehen, war die Ersparung für sie die Bedingung ihres Fortbestehens. Frankreich besitzt jetzt ausgezeichnete Israeliten in der Armee, im Advocatenstande, und in verschiedenen bürgerlichen Aemtern: aber diese Männer sind im Allgemeinen ohne Einfluß auf die Masse ihrer Glaubensgenossen. Wohlaufgenemmen in der großen Welt, wo man ihren Charakter und ihre Talente schätzt, ohne sich mit ihrem Glauben zu beschäftigen, zögern sie nicht, sich von ihren flehen gebliebenen Brüdern (kreres stationnairos) zu entfernen. Der CultuS ist gleicher Weise stehen geblieben, und befriedigt nicht mehr ihren europäisch gebildeten Geist (esprit europeen); er ist unvereinbar geworden mit ihrer bürgerlichen Enstenz. Die Mitglieder des Consistoriums sind, mit einiger Ausnahme, reiche Emporkömmlinge, welche nöthig hätten sich aufzuklären, ehe sie daran dachten, die Lindern aufzuklären, und oft sich zu überzeugen von ihrer Unfähigkeit, um lieber Anderen zu erlauben, das Gute zu thun, dessen sie selbst nicht fähig sind. Die aufgeklärten Männer, in der Administration in Minorität, verlieren daS Mittel und dann den Willen, nützlich zu fein. Wenn polnische Rabbinen die französischen Israeliten als irreligiös betrachten, sehen diese, weit entfernt, die lobenswerten Anstrengungen, welche die deutschen Juden an vielen Orten gemacht, um ihren Cultus zu regeneriren, nachzuahmen, ihrerseits die letzteren als Abgefallen an, und ihre Rabbinen, auSgegangen von gelehrten Universitäten, als Männer ohne Glauben. Es ist demnächst die Mittelklasse, wo sich die Mehrzahl aufgeklä rter Israeliten vorfindet. Hier finden sich die Männer von 30 bis 40 Jahren, von denen Mehre den Aufenthalt selbst auf den einfachen Jeschibot Deutschlands benutzt, und ihr fortgesetztes Studium seit ihrer Rückkehr in ihr Vaterland, nützlich anwenden: aher oft raubt ihnen ihre Stellung ihren ganzen Einfluß; — denn hier wie anderswo und mehr als anderswo ist der Einfluß des Geldes der mächtigste. Von diesen gingen mehre Schriften aus, oft abgefaßt in einem aufregenden Style; denn es gibt Männer, glühend vom Eifer des Herrn, welche schreiben — aber ihre Glaubensgenossen achten wenig auf daö Gute, was diese Schriften enthalten; überdies sind Schriften nur Hilfsmittel (fies auxiliaires) und ersehen nie Handlungen.. Die israelitische Kanzel, ein andres einflußreiches Mittel — ist stumm; um offenherzig zu fein, sie existirt in Frankreich noch gar'nichts Man hat wol in der Synagoge zu Paris ein hölzernes Gerüst erbaut, welches man Kanzel nennt; man hat nur eine einzige Sache vergessen, das ist, einen Predigcr darauf zu stellen; so ist es überall. Also, mit einem Worte, die französischen Juden mit der Gleichheit und Freiheit, sind noch nicht so weit vorgerückt, als die Israeliten des nördlichenEuropa's, ohne Gleichheit und Freiheit. Die Details im nachstenArtikel*). 000 *) Die folgenden Artikel werden behandeln: Die Israeliten des nnrtä'gigen Frankreichs; des Elsaß; Lothringens; Paris; und die hebräische und religiöse Literatur in Frankreich. D. Redact. Redakteur; vr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.i