Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228710--62597-3289752- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
- - 70. Jahrgang. No. 19. Berlin, 11. Mai 1906. Eirr unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenients-j)reis: durch Buchhandel oder j)ost (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstkllen) b zogen vierteijährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig j)hilippson. VkiIr>Z8-Lxi>kMoll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr Zeitung des Judentums", Berlin SW-, Jerusalemer Straße Hb/49, zu richten. Verlag vou Rudolf rNoffe, Berlin. Wittes Abgang. Berlin, 8. Mai. as so oft angekündigt und ebenso oft dementiert wurde, ist numnehr Ereignis geworden. Graf Witte hat seine Entlassung vom Amt eines Ministerpräsidenten in Rußland erhalten, und sein Nachfolger ist Goremykin geworden, den alle Reaktionäre in Rußland seit Monaten laut gewünscht und gefordert haben. Witte galt ihnen noch immer als zu liberal, und zwar vielleicht deshalb, weil er die Reaktion nicht ans. Liebhaberei, sondern nur aus Opportunitätsgründen betrieb. Bon Goremhkin erwartet man energische Taten, um dem Weitergreifen der liberalen Ideell wirksam Einhalt zu tun. Hielt sich der abgetretene Ministerpräsident an das Prinzip des gesamten Fortschrittes, so wird wohl der nene Machthaber dem beförderten Rückschritt huldigen. Er wird den kleinen Rest der im kaiserlichen Manifest von: 80. Oktober in Aussicht gestellten Volksrechte illusorisch machen und so allmählich Rußland in die Bahnen der zarischen Selbstherrschaft zurückführen. Ob er nicht durch unvorhergesehene Ereignisse an seinen Plänen gehindert werden wird, das läßt sich freilich vorher nicht beurteilen. Die politischen Vorgänge in Rußland sind ein volksgeschichtliches Ereignis, dessen Umfang und dessen Folgen wir jetzt noch gar nicht übersehen können. Auch das Urteil über Witte, den man anfangs so hoffnungsvoll begrüßt hat, um dann von ihm so völlig enttäuscht zu werden, läßt sich zurzeit noch nicht mit voller Bestimmtheit formulieren. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er anfangs wirklich ein hohes Ziel vor Augen gehabt hat, daß es tatsächlich seine Absicht gewesen ist, Rußland allmählich zu einem zivilisierten, konstitutionell regierten Staat zu machen. Daß ihm dies nicht gelungen ist, braucht nicht ausschließlich seine Schuld zu fein. Denn abgesehen davon, daß alle seine Pläne von der verblendeten und korrumpierten Hofpartei durchkreuzt wurden, hatte er auch mit der Maßlosigkeit der revolutionären Elemente zu kämpfen, die wohl das alte Regime zu hassen verstanden, aber nichts Neues und Dauerhaftes zu schaffen wußten. Auch ein größerer und charakterfesterer Staatsmann als Witte einer war, hätte an solchen Hindernissen wahrscheinlich scheitern müssen. Graf Witte ist indessen unter allen Umständen kein fester Charakter. Er ließ sich zu einer Zeit von der überhandnehmenden Reaktion ins Schlepptau nehmen, als bereits klar zu sehen war, daß für die Freiheit in Rußland von der zarischen Bureaukratie nichts mehr zu hoffen stand. Eigentümlich und für den Charakter des Grafen Witte recht bezeichnend war dessen Verhalten zu den Juden. Als er gegen Ende des vorigen Sommers auf amerikanischem Boden weilte, spielte er den jüdischen Notablen ^gegenüber die Rolle eines erleuchteten und wohlwollenden Staatsmannes, der es gut versteht, daß ein Staat sechs Millionen Menschen nicht ungestraft unterdrücken und rechtlos machen kann. Die Mißhandlnng der Juden in Rußland verurteilte er nicht nur von: Standpunkt der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, sondern auch als umsichtiger Staatsmann und Politiker. Seine Berufung als Premier des russischen Reiches wurde daher in Rußland selbst und im Westen mit vieler Hoffnung begrüßt. Wir müssen offen gestehen, daß wir selbst nur mäßige Hoffnungen auf den Grafen Witte und dessen liberale Prinzipien gesetzt haben, da er doch in früheren Jahren ein getreuer Mitarbeiter des unseligen und seither gerichteten Plehwe war — so lang ihn dieser in seiner Nähe dulden wollte. Aber wir glaubten, Graf Witte würde wenigstens den Schein eines liberalen Staatsmannes wahren wollen und unter allen Umständen rohe Gewalttätigkeiten gegen die Juden nicht dulden. Man konnte sich, auch ohne allzusehr dem Optimismus zu huldigen, der Erwartung hingebeu, daß die Juden in Rußland unter der Regierung des Herrn Witte wenigstens einen Teil der bürgerlichen, d. h. eigentlich der Menschenrechte erlangen würden, daß zum mindesten die härtesten Beschränkungen gegen sie beseitigt werden müßten. Das ist nicht geschehen. Hingegen haben wir die schrecklichen Novembertage erlebt, die grausigen Judenmetzeleien, wie sie die jüdische Geschichte seit dem Kosakenausständ im Jahre 1648 nicht kennt. An den Namen des Grafen Witte wird sich die Erinnerung an diese mittelalterlichen Schreckensszenen für iinmer knüpfen. Man könnte beinahe mit diesein charakterschwachen Staatsmailne, der vielleicht mehr passiv zugelasfen als aktiv mitgetan hat, Mitleid empfinden. Es ist eine den weiteren Kreisen nicht bekannte Tatsache, daß Graf Witte, als er telegraphische Nachrichten von den Vorgängen in Odessa, Jekaterinoslaw, Rostow, Kiew, Starodub usw. erhielt, so wenig den Verwaltungsapparat des weiten Zarenreiches kannte, daß er nicht einmal wußte, an wen er sich mit dem Befehl, diesem Morden Einhalt zu tun, zu wenden hätte. Unmittelbar konnte er auch gar nicht auf die wütig gewordenen Tschinowniks ni den Provinzen Einstuß üben. An der Spitze der inneren Verwaltung standen damals die beiden ehemaligen Handlanger des Großfürsten Sergius, Bulygin und Trepow. Diese sind in erster Reihe für die Greuel im November verantwortlich zu machen. Gegen den Grafen Witte muß man aber den Vorwurf erheben, daß er anläßlich solcher Ereignisse nur Staatsmann sein wollte und darüber den Menschen vergaß. Nicht die Metzeleien sind seine Schuld, sondern daß deren Urheber straflos ausgehen konnten. Es hieß ursprünglich, die Regierung würde strenge Musterung halten, alle hohen und