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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-05-04 · Heft 18 (4.5.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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. - 4 - ' " 1 eben mit dem Gouverneur der Provinz Lüttichkonferierte. Er stammte aus Streatham in England» und stand im 74. Lebensjahre. Dem Senat gehörte er von 1882 bis 1890 an. Als seine Gattin, eine Tochter des Senators Raphael Bischoffsheirn, starb, zog er sich vorn politischen Leben zurück. Er war einer der bedeutendsten Großindustriellen des Landes und spielte auch in den Finanzkreisen eine hervorragende Rolle. Belgien verdankt ihm u. a. das weltberühmte elektrotechnische Institut „Montefiore" in Lüttich, dessen Gründung und Erhaltung ein stattliches Vermögen kostete. Montefivre Levi war ein Philanthrop im weitesten und schönsten Sinne des Wortes. Sein Begräbnis war sehr einfach, rvie er es selbst gewünscht hatte, ohne Reden und Kränze. So war er auch im Leben. Im Senat erwiderte er einst auf die Herausforderung eines Ultramontanen.' „Ich bin geboren als Jude und will als Jude sterben. Ich bin ein Liberaler und will als Liberaler sterben." Das eine Wort charakterisiert den ganzen Mann. Ehre seinem Andenken! Frankreich. Paris, im April. Das Schreiben, das der amerikanische Botschafter Henry White an den Präsidenten der Alliance IsraeliteUniverselle in Paris gerichtet hat, lautet folgendermaßen : „Herr Präsident! Ich beehre mich, Ihnen den Empfang des so wohlwollenden Briefes zu bestätigen, den die Alliance Israelite Universelle mir am 9. d. M. geschrieben hat und der mir bei meiner Rückkehr von Algeciras zugestellt worden ist. Auch ich bin glücklich, daß Sie der Meinung sind, ich wäre den Israeliten von Marokko in irgendeinem Sinne dienlich gewesen, indem ich zu ihren Gunsten auf der Konferenz Schritte getan habe, und danke Ihnen für die Gefühle, die sie hinsichtlich meines Landes auszusprechen die Güte hatten. Genehmigen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung. Henry White." Von jpaij und Lern. — Der Rentier Jakob Pick feierte am 1. d. M. in voller geistiger und körperlicher Rüstigkeit seinen 70 Geburtstag. Herr Pick war bis Anfang der achtziger Jahre Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde in Strasburg.(Westpr.) und siedelte ury diese Zeit nach Berlin über. — Dem bisherigen Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses, Professor Dr. Jatrosinski, wurde der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen. —Der Hilfsverein der deutschen Juden hat den befreundeten Organisationen in Amerika seine tiefste Sympathie anläßlich des schweren Unglücks, das die amerikanische Nation durch die Erdbeben- und Feuerkatastrophe in San Francisco und Umgegend betroffen hat, ausgedrückt und sich erboten, ihre Hilfstätigkeit, wenn es notwendig ist, zu unterstützen. — Am 21. v. M. ist der Privatdozent Professor Dr. Wilhelm Meyerhoffer aus Berlin in Meran gestorben und auf seinen Wunsch dort auch in der Stille an der Seite seines Vaters beigesetzt worden. Er war am 13. September 1864 geboren, gehörte der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität an und hatte im Jahre 1902 den Professortitel erhalten. Sein Sondergebiet war die Elektrochemie. Wiederholte Anerbietungen einer ordentlichen Professur — unter den üblichen Bedingungen — hat er stets ausgeschlagen. Ehre seinem Andenken! — Am 29. v. M. ist hier der praktische Arzt Dr. Wols Becher, einer der bekanntesten und gelehrtesten Aerzte, im 44. Lebensjahre an einer Lungenentzündung gestorben. Seine Bemühungen auf dem Gebiete der Hygiene und öffentlichen Gesundheitspflege waren sehr erfolgreich. Jahrelang war der Verstorbene Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung". — Der Oberkantor Jakob Spandau in Mhslowitz hat die Wahl als erster Kantor und Religionslehrer in Königshütte i. Schl, abgelehnt und sich entschlossen, in seinem alten Wirkungskreise zu bleibell, wo derselbe bereits seit zehn Jahren amtiert. — Der Bürgermeister von Marburg hat ans dem letzten Kreistage gegen die Ausschließung der Juden pder Einschränkung der Zahl der Juden von dem Amte eines Schöffen Stellung genommen, leider für diesmal ohne Erfolg, da die Kommission bereits eine Auswahl getroffen hatte. — Auf dem israelitischen Friedhof in Frauen - berg sind von einer rohen Gesellschaft mehrere Grabsteine beschädigt lvorden. Auch sonst wurde dort grober Unfug verübt, der die härteste Strafe verdiente. Die israelitische Gemeinde hat auf die Entdeckung der Grabschänder eine Belohnung von 50 Mark ausgeseht. — Der Privatdozent Dr. Siegfried Oberndorfer in München wurde zum Protektor urld zweiten Assistenten am Krankenhaus rechts der Isar ernannt. — Der Bildhauer Friedrich Bevr aus Florenz hat einen Monnmentalbrunnen für die Stadt Mühlhansen i. E. in Bronze ausgeführt. Den Bibelspruch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen!" illustrierend, stellt er einen Arbeiter dar, der sich den Schweiß von der Stirne wischt. Das Werk erregt allgemeine Bewunderung. Mühlhausen wird, wie der Vertreter der Stadt bei der am 21. d. M. erfolgten Abnahme des Brunnens hervorhob, nie des Meisters vergessen, der den Brunnen geschaffen. — In den Kantonsrat von St. Gallen ist zum erstenmal ein Jude gewählt lvorden, nämlich der Schulratspräsident Dr. Reichenbach daselbst.Bei den französischen Kammerwahlen, die am 6. d. M. stattfinden, sind außer den drei jüdischen Abgeordneten noch etwa zwölf Kandidaten allfgestellt worden. — Das „Komitee de Bienfaisancee" in Paris hat an die großen Wohltätigkeitsorganisationen und an die hauptsächlichsten in Betracht kommenden Eemeinden Europas ein Rundschreiben gerichtet, in dem darauf hingewiesen wird, daß die Beförderung osteuropäischer Auswanderer nach Paris für die Folge gänzlich unterbleiben müsse. Es sei unmöglich, den Unglücklichen in Paris die Mittel zur Weiterreise zu verschaffen oder sie, wie oft gewünscht werde, direkt nach Rußland zurückzuschicken- Es bleibe also nur die Rücksendung an die Grenze, da in Paris selbst bereits 60 000 eingewanderte Juden wohnten, für die der nötige Nahrungsspielranm fehle. — In Paris ist am 19. v. M. der bekannte Advokat Eli^ser Lambert im 73. Lebensjahre gestorben. Er war ein eifriger Förderer jüdischer Wissenschaft und ist stets für die Rechte der Juden in Wort und Schrift mit Begeisterung und Sachkenntnis eingetreten. Ehre seinem Andenken! — In Tonl ist der Oberst Strauß, Direktor des Geniekorps daselbst, gestorben. — Professor Cäsar Lombroso sind in diesen Tagen große Ovationen dargebracht worden. Der VI. internationale Kongreß der Kriminalanthropologie versammelte sich am 28. v. M. in Turin. Seine feierliche Eröffnungssitzung war der Verherrlichung Cäsar Lombrosos gewidmet, der an der Turiner Universität seit dreißig Jahren als ordentlicher Professor der Jrrenheilkunde und gerichtlichen Medizin wirkt. Lombroso ist der Schöpfer der Kriminalanthropologie. — Dem Generaldirektor I. Kochenthaler ist vom König von Spanien das Marineverdienstkreuz II. Klasse verliehen worden. — Wie die russisch-jüdischen ^Blätter melden, beträgt die Zahl der nach den Pogromen Hinterbliebenen Waisenkinder (die vorläufig zum Teil bei wohltätigen Familien untergebracht sind) gegen 500. Man verlangt allgemein, daß diese Waisenkinder eine würdige, dauernde Versorgung erhalten. — Wie aus Nikolajew gemeldet wird, wurde der Kronrabbiner Dr. Wilenski, dessen seinerzeitige, ohne Angabe von Gründen erfolgte Verhaftung großes Aufsehen erregte, ans der Haft entlassen. Dr. Wilenski, der bereits zur administrativen Verschickung nach dem Jakutengebiet verurteilt worden war, hat zweieinhalb Monate Gesängnishast hinter sich. — Der frühere Polizeimeister von Kiew, Chocicki, ist wegen Begünstigung des Pogroms daselbst unter Anklage gestellt worden.— Ein Millionär namens Belmont in Newyork hat sich bemüßigt gesehen, gegen die Einwanderung osteuropäischer Juden in einer Weise Stellung zu nehmen, wie das selbst in den Kreisen der wütigsten Verfechter des Schlagworts „Amerika den Amerikanern" bisher glücklicherweise selten geschehen ist. Belmont ist Sohn eines verstorbenen getauften Juden, der aus Alzey in Hessen stammt und früher Schöneberg hieß. Seine Vorfahren waren in Alzey Viehhändler. — Maxim Gorki hat in Newyork eine Vorlesung über den Antisemitismus gehalten und großen Beifall gefunden. — Aus San Francisco wird gemeldet, daß sämtliche Synagogen, jüdischen Spitäler und Wohlfahrtsanstalten daselbst teils eingestürzt, teils eingeäschert seien. — In Kairo ist am 13. v. M. Felix Suares, einer der angesehensten ägyptischen Finanzmänner, im 69. Lebensjahre gestorben. Das Begräbnis, dem Vertreter der Regierung und aller Behörden beiwohnten, fandin Alexandrien statt. Der Großrabbiner von Alexandrien hielt die Leichenrede.

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