Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228704--62507-3289656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rechnerischen Aenderungsn der Pvmnschlag gegenüber dem letztjährigen eine Mindereinnahme von 4455 Mark auf. Die Ausgaben betragen gegenüber, dem. Vorjahr 5185 Mark weniger; der durch die Umlage M deckende Aufwand, beläuft sich auf 51 80Ö Mark gegen 52 5B0 Mark im Vorjahr Die Gemeindevertretung genehmigte den Voranschlag für 19u6 und stimmte dem Antrag des Synagogenratszu, daß die auf 53 061 Mark - festgesetzten Steueranschlage in ihrem .vollen Betraga zur Deckung des Aufwandes von 51800 Mark erhoben werden sollen. - - , f. StWttzburg 1. E., 15. März. Im Landesausschuß für Elsaß-Lothringen kam es gestern, zu einer für uns sehr interessanten Debatte. Der Abgeordnete Emmel beschäftigte sich mit der Frage, ob die hiesige Universität noch auf ihrer alten Höbe stehe. Um diese Frage zu beantworten, müsse er einige Vorfragen an die Regierung stellen, darunter die folgende: Wird hier an der Universität Antisemitismus getrieben? (Heiterkeit.) Kann ein israelitischer Dozent hier nicht eher ordentlicher Professor werden, bis er zum Christentum übergetreten ist? (Große Heiterkeit.) Ter Kuratorialreferent, Ministerialrat Stadler, antwortete: Cs sind verschiedene israelitische Professoren an der Universität, also ist die Annahme des Herrn Emmel wohl nicht richtig. Jedenfalls hat die Regierung nichts damit zu tun. Die Fakultäten schlagen die Professoren vor. Emmel: Vielleicht treibe die Regierung keinen Antisemitismus, aber die Profefforen? Es sei ihm erzählt worden, Professor Barth in Berlin sei zum Nachfolger Theodor Nöldekes in Aussicht genommen, aber, weil israelitisch, nicht akzeptiert worden. MMsterialrat Stadler: Der genannte Professor sei von der Universität überhaupt nicht vorgeschlagen worden, also habe für die Regierung auch kein Anlaß Vorgelegen, ihn nicht zu akzeptieren. Was die Behauptung über den Uebertritt von Professoren zum Christentum angehe, so hätten einzelne Professoren ihre Kinder taufen lassen, indessen stehe die Regierung, auch diesen Vorgängen durchaus fern. Natürlich!! Gesterretch-Unsarn. A Wien, 26. März. ' Das Brudermahl der Chewra- Kadischa, die ihren Ursprung bis zum Jahre 1320 hinaufführen darf, wird hier alljährlich im Stile der großen englischen Festbanketts abgehalten. Das Fest fand am 18. d. M: statt und verlief wieder sehr glänzend. Aus dem Trinkspruch des Oberrabbiners Dr. Güdemann entnehme ich den folgenden charakteristischen Passus: „Es ist nicht zu verkennen, daß unsere Gemeinde, die vor 3Q Jahren den unbestrittenen Vorrang vor allen anderen Gemeinden im westlichen Europa behauptete, von einigen unter ihnen in mancher Richtung überflügelt worden ist. Unsere Gemeinde hat ihre klassische Periode hinter sich, während andere sich ihrer jetzt erfreuen. Das macht der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung, an dem sie teilnehmen, wie sie ihn mit herbeigesührt haben, während man hier eher von einem allgemeinen Niedergang reden kann, von dem auch unsere Gemeinde nicht verschont geblieben ist. Auch innere Ursachen, vor allem das Nachlassen der Ueberzeugungstreue und der darin begründeten Unüberwindlichkeit haben dazu beigetragen, daß die Gegenwart hinter der Vergangenheit zurücksteht. Wenn ich an jene einstige Chewra-Sude in diesem Saale denke, an die ich schon erinnert habe, wo auch die Vornehmsten sich nicht für zu vornehm hielten, um dabei zu sein, dann schweben mir jene edlen Männer und Frauen vor, in deren Häusern oder vielmehr Palästen an der Ringstraße die beste Gesellschaft unserer Stadt verkehrte, ohne deren Mitwirkung nichts Großes auf dem Gebiete der Kunst und des Gemeinwohles ins Leben gerufen wurde, die aber auch-für das Judentum und die jüdischen Interessen ^in empfängliches Herz und die wärmste Teilnahme besaßen. Wie viele von diesen Familien stnd verschwunden oder haben Nachkommen hinterlassen, die sich von unserem Glauben und unserer Gemeinschaft schnöde und undankbar abgewendet haben. Das helle Licht der Vergangenheit beleuchtet rhre traurige Gegenwart und ihre noch, traurigere Zukunft." — Am 18. d. ist hier der Regnnentsarzt Dr. Gabriel Horowitz, ein Enkel des alten Wiener Rabbiners, im Alter von 42 Jahren gestorben. — In Raudnitz wurde Dr. Richard Feder, Rabbiner in Kojetein, zum Rabbiner gewählt« — Seit Einführung des Zivilehe-Gesetzes hat die Zahl der Mischehen, die-in Budapest zwischen Christen und ungetansten Juden im Laufe eines Monats geschlossen wurden, zwischen 30 und 40 geschwankt. Nur einen Monat gab es bisher, der mehr — und zwar 48 — Mischehen aufwies. Jetzt ist auch diese Zahl übertroffen worden, denn laut dem soeben erschienenen amtlichen Ausweise wurden im November 53 jüdisch-christliche Ehen eingegangen. Eine erschreckende Zahl! Von Msh und Lern. — Der Bankier Hans Schlesinger (in Firma Abraham Schlesinger) hat den Titel eines Kommerzienrats erhalten. — Den Sanitätsräten Dr. Ph. Herzb erg, Dr. Leopold Perl wurde der Charakter als Geheimer Sanitätsrat, den Aerzten Dr. Julius Friedemann, Dr. Leo Salinger. Dr. Alfred Schlesinger, Dr. Berthold Wolfs in Berlin, Dr. S. Hepner in Breslau, Dr. L. Schaub in Rosdzin. Dr. M. Bernstein in München. Gladbach der Charakter als Sanitätsrat verliehen. — Die praktische Aerztin Fräulein Dr. Paula Philippson, eine Enkelin Ludwig Philippsons s. A., ist zur außeretatsmäßigen Assistenzärztin der Universitätsklinik in Breslau ernannt worden. — In Hamid urg hat das Repräsen tant en - Kollegium einstimmig beschlossen, den Gememdevorstand um Auskunft darüber zu ersnchen, daß von den vier an der Poliklinik des Krankenhauses der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wirkenden Aerzten drei getaufte Inden sind, was als doppelt ungehörig erachtet wird, da die znm Unterhalt der Poliklinik erforderlichen Mittel innerhalb der Gemeinde von Juden ausgebracht wurden und das Gebäude auf dem Grundstück des Krankenhauses, das der Gemeinde gehört, errichtet ist. — In Cassel ist drr einer. Hauptlehrer Raphael Lazarus im 76. Lebensjahre gestorben. Derselbe hat jahrelang in Duisburg als Lehrer und Prediger sehr gedeihlich gewirkt. Ehre seinem Andenken! — Jur Jahre 1904 fanden in Bayern 48 985 Eheschließungen statt. Unter diesen befinden sich 4775 gemischte Ehen zrnd zwar wurden gezählt 4607 zwischen Katholiken und Protestanten, 17 zwischen Katholiken und Israeliten, 42 zwischen Katholiken und Bekennern sonstiger Konfessionen. Protestanten ehelichten in 14 Fällen Israeliten, in 37 Fällen Bekenner sonstiger Konfessionen. In 8 Fällen ehelichten Israeliten Bekenner sonstiger Konfessionen. — Das Amtsblatt in Budapest veröffentlicht folgende allerhöchste Entschließung: „Aus Vorschlag Meines ungarischen Ministerrats ernenne Ich aus Grund des § 5 des von der Organisation des Abgeordnetenhauses handelnden G.-A. VII: 1885 den Generaldirektor der ersten ungarischen allgemeinen Versicherungsgesellschaft Wilhelm Orrnody de Ormöd zum Mitglied des Magnatenhanses auf Lebensdauer. Wien, 11. Februar 1906. Franz Josef m. p. Baron Göza Fejervkry m. p. Der neueMagnat ist Jude. — In antisemitischen Blättern wurde die Nachricht gemeldet, die Mörderin des Admiral Tschuchnin von Sewastopol wäre eine geborene Schabat, Tochter eines jüdischen Kaufmannes aus Minsk. Die Nachricht wird jetzt von den Kaufleuten erster Gilde Abraham, Manns und Marcus Schabat bestritten. Keine Angehörige der Familie Schabat ist in Sewastopol getötet worden.— Die bekannte hebräische Monatsschrift „Ha schiloach" wird demnächst unter ihrem letzten Redakteur Dr. .Josef Klausner von neuem zu erscheinen beginnen. Die vortreffliche Zeitschrift, die zuerst von Ascher Ginzburg (Achat) Haam) in Charlottenburg herausgegeben wurde, um von da nach Warschau überzusiedeln, wird fortab in Palästina erscheinen. — In Odessa nahmen Gendarmen und Polizei eine genaue Durchsuchung des jüdischen Krankenhauses vor unter dem Vorgeben, daß dort Waffen und Bomben aufbewahrt würden. Man hat nichts gefunden, über die Maßregel hat zu neuen Hetzereien gegen die jüdische Bevölkerung Anlaß gegeben. — Infolge der Vorgänge in der Schwarzen Meerflotte wurde prinzipiell die Ausweisung der Juden ans Sewastopol beschlossen. Die Proskriptionslisten sollen bereits fertiggesteNt sein. — In der Sitzung des amerikanischen Hilfskomitees für die Opfer der Judenkrawalle in Rußland wurde mitgeteilt, daß bis zum 16. v. M. 1 277 675 Dollars gesammelt wurden, von denen 558 354 Dollars in Newyork zusammengebracht wurden.