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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 12 Berlip, 23. März 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. - Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstcllen) b zogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav 3t<ti$>«!«*. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippson Verlags4frpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zu endungen für Redaktion und Lxpedinon sind an die Adresse Verlag der „Allgein" Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siraße «ll-b/49. zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Die Linwsnderung aus dem Olten. Berlin, 20. März, ls die ersten Nachrichten der ungeheuerlichen Judenmetzeleien aus Rußland eintrafen, als später bekannt wurde, daß in 171 russischen Städten und Ortschaften viele Juden mit unerhörter Grausamkeit getötet, sehr viele schwer verletzt worden seien und 200000 Familien vollständig ruiniert, da bemächtigte sich der Antisemiten bei uns ein furchtbares Entsetzen. Nicht etwa darüber, daß solche Scheußlichkeiten im zwanzigsten Jahrhundert in Europa, in einem christlichen Lande, möglich gewesen seien, nicht darüber, daß man vielleicht wenigstens indirekt mitschuldig sein könnte, sondern, daß nun eine Anzahl der vor Ranb und Mord fliehenden Juden nach Deutschland kommen und hier vorübergehend Zuflucht suchen möchte. Man solle die Grenze schließen, schrien damals die Antisemiten mit der ihnen eigenen Barmherzigkeit. Ob man auch den Ausweisungsparagraphen gehörig ausnutzen werde? fragten sie geängstigt. Daß sie jetzt noch so nach der Grenzsperre und dem Ausweisungsparagraphen schreien, nachdem sie erfahren haben, daß in Rußland selbst germanische Abkunft nicht vor tödlichem Haß, vor Raub und Mord schützen, und auch russische Germanen in Scharen über die Grenze kommen, ist ein neues Zeugnis für ihre Unverfrorenheit. Die russischen Judenmetzeleien haben der Welt nicht wenige Probleme zur Lösung aufgegeben. Soll man mit den Flüchtlingen und denen, die gern das stiefmütterlicHe Vaterland verlassen , möchten, eine große jüdische, autonome Kolonie gründen? Das erfordert Unsummen, mit welchen viel mehr Juden in Amerika. Argentinien und Kanada untergebracht werden können. Aber auch damit sind nicht alle einverstanden, da man mit dem Gelde weiter komme, wenn man den in Rußland bleibenden Juden helfe. Diejenigen, die weiter zu sehen glauben, behaupten, daß den Juden, in Rußland doch nicht auf die Dauer zu helfen sei, weil die Erfahrung lehre, daß es dort doch immer wieder zu Judenverfolgungen kommt, und den versprochenen Reformen wenig Vertrauen entgegengebracht wird. Gewiß sei Kolonisation teurer als Auswanderung und diese teurer als Hilfe in Rußland, aber die letztere werde immer von neuem wiederholt werden müssen; darum sei auch hier, wie so oft im Leben, das billigste in Wirklichkeit das teuerste und deshalb, sowie aus. anderen Gründen, das unzweckmäßigste. Und wiederum, wie so oft im Leben, liegt auch" hier die Wahrheit in der Mitte, und den meisten Anklang findet die Idee, die Auswanderung zu unterMtzW. -- - - - \ _ Für die Einwanderung in großem Maßstabe kommt einzig und allein der amerikanische Kontinent in Betracht, und zwar von Kanada im Norden bis Argentinien im Süden. Der kanadische Premier Sir Wilfried Laurier hat sich nicht damit begnügt, die russischen Metzeleien zu verurteilen und den Juden seine Sympathie auszudrücken, sondern er hat auch in großherziger Weise die jüdischen Emigranten aufgefordert, sich in Kanada niederzulassen. Der kanadische Premier glaubt, daß diese Einwanderung in hohem Maße auch seinem Vaterlande nützen werde. In den Vereinigten Staaten, wo bereits über ein und eine Viertelmillion Juden wohnen, wird zwar über die Zweckmäßigkeit einer noch größeren Einwanderung von Juden, als sie bereits stattfindet, lebhaft debattiert, -aber im großen und ganzen ist man dort der Einwanderung günstig gesinnt. Präsident Eliot von der Harvard - Universität meint, Amerika könne alle Geistes- und Körperkräftigen, die nur kommen wollen, sehr gut brauchen. Man sollte die Einwanderer willkommen heißen, auch wenn durch sie die Löhne etwas zurückgehen sollten. Besonders interessant waren die Bemerkungen Andrew Carnegies, dem gewiß niemand praktischen Sinn absprechen wird, obgleich er Millionen und Millionen jährlich für gemeinnützige Zwecke hergibt. „Wenn ich — äußerte er sich — Amerika besäße, dann würde ich eine Prämie für jeden Einwanderer aussetzen. Unser Vaterland hat mehr als ein Problem zu lösen, aber die Einwanderung gehört nicht zu diesen Problemen. Wir haben die Frage vorläufig mit dem etwas zu drastischen Einwanderungsgesetze gelöst. Es ist diese Frage weniger ein Problem für uns als für die unglücklichen Länder, denen wir das Blut entziehen. Fürst Bismarck habe die Auswanderung verbieten wollen, um den Blutabfluß zu verhindern. Ich bin der Ansicht, daß die Hauptprüfung, die wir anzustellen haben, die ist: Hat ein Mann den Ehrgeiz, die Rechte eines amerikanischen Bürgers zu genießen, und ist er frugal und nüchtern, besitzt er die Eigenschaften der Enthaltsamkeit und Anspruchslosigkeit, um die Summe zu ersparen, die erforderlich ist, um einen amerikanischen Hafen zu erreichen? Und ist er geschickt genug, sich eine solche Summe zu erarbeiten? Ich verlange kein besseres Zeugnis als das. Wenn Amerika mein Eigentum wäre und ich dieses wie einen Geschäftsbetrieb verwalten würde, dann würde ich nicht nur nach solchen Leuten Umschau halten, sondern auch jedem solchen Manne eine Prämie geben, daß er herkomme, und ich würde dies als das beste Geschäft in meinem Leben betrachten. Nehmen wir den Wert eines Mannes, einer Frau, eines Kindes nur so

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