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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 —— X Nürnberg/ 5. März. Heute ist hier der Bankier Emi l Kohn, der Seniorchef des bekannten Bankhauses Unton Kohn, plötzlich verschieden. Mit ihm ist eine Persönlichkeit dahingeschieden, welche im öffentlichen Leben Nürnbergs vielfach eine einfluß- und erfolgreiche gemeinnützige Tätigkeit entfaltet hat. Geboren am ■- 30. Oktober 1845 in Markt-Erlbach, gehörte er zuerst der Bankfirma Mayer Kohn dahier an und gründete dann mit seinem Vater Anton, welcher lange Jahre Mägistratsrat und finanzieller Beraterder Stadt Nürnberg war, im Juli 1878 das Bankgeschäft Anton Kohn, welches er auf seine jetzige Höhe gebracht hat. Erwähnt sei nebenbei, daß der Bruder seines Vaters, Georg Kohn, der erste in Nürnberg 1848 zugelassene Israelit war. Dem Gemeindekollegium gehörte der Verstorbene von 1887 bis 1896 an; er hatte hier mehrfach das schwierige Etatsreferat inne, das er in klarster Weise zu bewältigen verstand. Ost wiederholte Versuche, ihn für eine gemeindliche Tätigkeit wiederzugewinnen, mußten an der Unmöglichkeit scheitern, die große Geschäftslast, welche auf seinen Schultern ruhte, noch weiter zu steigern. Der Handelskammer gehörte er als eines der einflußreichsten, gewandtesten und unterrichtesten Mitglieder seit 1885 an. Den. Verstorbenen zeichneten hervorragende Intelligenz und nie ermüdende Schaffenskraft, mit der strengsten Rechtlichkeit gepaart, aus. Viel hat er auch getan im Interesse der Kunst, die in ihm stets einen bereitwilligen Gönner fand. Als Kassierer des Ausschusses für Errichtung eines Denkmals für Kaiser Wilhelm I. hat er vor kurzem eine Ordensauszeichnung erhalten.. Zeit seines Lebens hat der Verstorbene im Interesse des entschiedenen Liberalismus gewirkt. Er gehörte den: Landesausschuß und dem Nürnberger Lokalausschuß der Freisinnigen Partei an und hat sich stets und überall als ein treuer Parteigenosse bewährt, welcher mit Rat und Tat nie versagte. Sein Andenken wird in Nürnberg unvergessen sein. Gesterretch-Angarn. 0 Wien, 12. März. Die große Erregung, die gegen die jüdischen Abgeordneten aus Galizien, speziell gegen Herrn Dr. Emil Byk, gegenwärtig in jüdischen Kreisen herrscht, ist leider nicht ganz ohne Berechtigung. So wird u. a. jetzt folgende Szene aus dem Polenklub als authentisch von einem früheren, nichtjüdischen Mitglieds desselben mitgeteilt: „Im Jahre 1886, als Dr. Byk gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Fürsten Liechtenstein eine an sich richtige Bemerkung wagte, welche aber den Fürsten Liechtenstein unangenehm berührt hat, wurde Dr. Byk von der Klubmajoritüt gezwungen, im offenen Parlament zurevozieren und dem Fürsten Liechtenstein Abbitte zu leisten! Es hat sowohl von meiner Seite als von anderer Seite an Warnungen und Mahnungen nicht gefehlt, Herrn Dr. Byk dahin zu bestimmen, dem kaudinischen Joche sich nicht zu unterwerfen, eventuell lieber auf das Mandat zu verzichten, als zu solch peinlicher Demütigung sich Herbeizulaffen. Indes allesblieb ohne Erfolg und Herr Dr. Byk nahm keinen Anstand, im offenen Parlament das Urteil an sich zu vollziehen." Unter solchen Umständen ist die Bezeichnung „Hausjuden des Polenklubs" wahrlich nicht unberechtigt! — Am 9. d. M. ist hier der Großindustrielle Rudolf Au spitz, der auch eine Zeitlang deutschsortschrittlicher Abgeordneter war, gestorben. Von Sah und Jfmt. — Dem Rentier Herrn Moritz Manheim er wurde der Königliche Kronenorden III. Klasse verliehen. — Der Oberarzt am Waisenhaus und Kinderasyl der Stadt Berlin Dr. Heinrich Finkelstein hat den Professortitel erhalten. — Am 9. d. M. ist hier Herr Louis Liepmann im 90. Lebensjahre gestorben. Er gehörte zu den Männern, die 1845 die Reformgemeinde ins Leben gerufen, und war Ehrenmitglied dieser Gemeinde, sowie Kurator der Veitel-Heine- Ephraim-Stiftung. Ehre seinem Andenken—Die landesherrliche Genehmigung ist nach einer Bekanntmachung des Polizeipräsidenten unter anderen den nachsolgenden Stiftungen erteilt worden: der Zuwendung der Frau von Hirsch, geb. Marcuse, im Betrage von 36 Q00 Mark an die jüdische Gemeinde (zur Unterstützung armer Wöchnerinnen), der Witwe Simon, geb. Salinger, im Betrage von 30 000 an den Hilfsverein für jüdische Studierende, des Kaufmanns Siegfried Sachs im Betrage von 5065 Mark an die jüdische Gemeinde (zu Wohltatlgkei'tszwecken). -- Bis zum I.Mavz haben die Sammlungen für die Opfer der Katastrophe. in .Rußland 15 515 527 Mark ergeben. Der Hilssverein -der deutschen JMen brachte rund 2 300 000 Mark zusammen. Aus England und seinen Kolonien kamen 140 541 Pfund --- 2 867 036 Mark. Amerika hat, trotzdem Herr Jacob Schiff seinerzeit erklärd hatte, die. eine Million Dollars übersteigenden Beträge zurückbehaltcn zu wollen, auf Veranlassung des gegenwärtig in Newyork weilenden Herrn Earl Stetlauer weitere 40 000 Pfund 816 000 Mark nach London remittiert. Die Einnahmen aus Rußland haben , sich seit dem 25. Januar um weitere 100 000 Mark vermehrt. Von den Geldern sind bisher nach London 470 873 Pfund 9 605 809 Mark remittiert worden. Das Ergebnis der Sammlungen dürfte demnach 16 Millionen erreichen. — Zum Direktor der chirrrrgischen Abteilung des neuen Krankenhauses in Pankow ist der Spezialarzt für Chirurgie Dr. Simon Adler gewählt worden. Derselbe war 1890 Assistent bei der chirurgischen Abteilung des jüdischen Krankenhauses und übernahm 1900 die Leitung der chirurgischen Abteilung des jüdischen Krankenheims. — Fräulein Alice Salomon, die sich eifrig in der Förderung sozialer Hilfsarbeit betätigt und zu den führenden Personen in der Frauenbewegung gehört, wurde am 5. März an der hiesigen Universität zum Dr. Phil, promoviert. Die Arbeit, auf Grund deren die Promotion erfolgte, beschäftigt sich mit der Entlohnung weiblicher und rnännlicher Arbeiter. — Der frühere Brauereibesitzer L. Händler hat anläßlich eines Familienfestes unter anderem für das jüdische Krankenhaus zu Berlin 10 000 Mark gestiftet. — Der jüdische Turnverein in Königsberg hat sich, nachdem seine Eingaben an Magistrat und Stadtverordnetenversammlung wegen Hergabe einer städtischen Turnhalle zu den Uebungsabenden abschlägig beschieden worden sind, aufgelöst. — Rabbiner Dr. Lucas in Glogau, welcher von der Synagogengemeinde in Magdeburg ohne jede Bewerbung einstimmig zu ihrem ersten Rabbiner gewählt worden war, und bereits am 1. April sein neues Amt antreten sollte, hat sich nunmehr, so ehrenvoll dieser Ruf für ihn auch war, doch entschlossen, in Glogau zu bleiben. Dieser Entschluß wird von der Glogauer Synagogengemeinde mit großer Befriedigung begrüßt. — Lehrer Jonas Plaut zu Rybnik ist als Seminarlehrer nach Münster i. W. berufen worden. — Das Statistische Amt der Stadt Frankfurt a. M versendet soeben den ersten Bericht über die Resultate der vor wenigen Wochen erfolgten Volkszählung, dem wir entnehmen, daß am 1. Dezember 1905 in dieser Stadt 23 552 Juden, gleich 7 Prozent der Äesamtbevölkerung (1900: 7,6 Prozent), gezählt wurden. — Die Eheleute Max und Kathie Zeiller in Nürnberg feierten in voller Geistes- und Körperfrische und im 73. bezw. 68. Lebensjahre das Fest ihrer goldenen Hochzeit. — Der Deputierte Elia Morpurgo ist zum Unterstaatssekretär im italienischen Ministerium der Posten und Telegraphen ernannt worden. — Im englischen Unterhause kündigte Staatssekretär Herbert Gladstone verschiedene Abänderungen der Fremdenbill an, um Härten gegen Einwanderer und die Gefahr der Ausschließung politischer Flüchtlinge zu vermeiden, besonders in Rücksicht aus Einwanderer, die aus Teilen des Festlandes kommen, die.sich im Zustande der Unruhe befinden. — Die Zahl der russischjüdischen Emigranten im Jahre 1905 belief sich, nach einer dieser Tage von der Jewish Golonisation Association veröffentlichten statistischen Zusammenstellung, aus rund 92 500 Mann. Das mitgesührte Vermögen der Emigranten wird insgesamt ca. 2 Milliarden Rubel betragen haben. — In der letzten Sitzung des russischen Ministerrates erklärte der Minister des Innern aus Anlaß der eingegangenen Erklärungell der Vertreter mehrerer Judengemeinden, die befürchteten, daß bedeutende Ausschreitungen gegen die Juden bevorständen, daß derartige Befürchtungen schwerlich genügend begründet seien, jedenfalls seien seitens der Negierung die erforderlichen Vorbeugungsmaßregeln getroffen worden. — Der russische Minister des Innern verfügte, daß alle in Staatssabriken beschäftigten Juden zu entlassen seien, wenn sie sich irgendwie verdächtig machen. Nur die Juden? — In Takaissi (Japan) hat sich ein Verein „Bnei Zion haschwuim bejapan" (Verein „Bnei Zion" der Gefangenen in Japan) gebildet. Der Verein hat 100 Mitglieder. Obmann des Vereins ist Josef Trumpeldorf, der "sich als Soldat der russischen Armee im Kriege besonders ausgMichnet hat. v

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