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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-02-03 · Heft 15 (3.2.1838) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 15 (3.2.1838)
Date
1838-02-03
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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59 So lebte und wirkte man lange in stiller, bescheidener Zurückgezogenheit, ohne von einander zu wiffen, ohne einander kennen gelernt zu haben, bis man endlich nach und nach einander näher rückte und mit Freuden gewahrte, daß Israel nicht verwaist an Männern und nicht verarmt an wissenschaftlichen Schätzen sei. WaS zuerst aus dieser freudigen Wahrnehmung entwuchs, war der lebendige Wunsch nach gemeinsamer, gemeinnütziger Thätigkeit. Man fühlte dann daö lebhafte Bedürfniß, die erprobten Kräfte zu mustern, sie in Reihe und Glied zu ordnen, neue anzuwerben, sich in Zeitschriften zu concentriren, und von diesem Mittelpunkt aus, eine Reihe verbundener Wirksamkeiten zu beginnen.— Allein man gewahrte nur zu bald, daß dies Manöver kaum die Oberfläche der Nation bestrichen, ohne ihren Kern berührt zu haben. — Nun fühlte man erst recht lebhaft den Mangel leineS gemeinsamen, lebendigenHeerdes, in welchem alles wissenschaftliche Feuer und alles geistige Leben sich vereinigen, und von dem eS sich in Strömen über die Nation ergießen soll. Zu diesem, so zu sagen, theoretischen Bedürfniß, tritt noch ein, von der größeren Masse wahrhaft frommer und gebildeter Israeliten lebhaft gefühltes, praktisches hinzu: nach Institutionen, die für die höchsten und heiligsten Interessen der Nation, für die Heranbildung und Befähigung geistlicher Hirten für die Synagoge und jüdische Religionslehrer für die Schule Sorge tragen sollen. Alles dieses bildete und reifte allmälig das lebendige Bewußtsein von der Nothwendigkeit eines mit staatlicher Bewilligung zu errichtenden, unter desStaareSAufsicht und Schutz stehenden Lehrstuhls für jüdische Wissenschaft, oder einer jüdisch-theologischen Facultät, welches sich zuerst in einem sehr geistreichen Aufsatz in der wiffenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie, B. H. H. I. l—2i „die Gründung einer jüdisch-theologischen Facultät', ein dringendes Bedürfniß unserer Zeit" üb^rschrieben, öffentlich aussprach. Dieser Aufsatz nebst der darin auseinandergesehten Nothwendigkeit eines solchen Insiitutes verfehlte, bei — und vielleicht wegen — aller seiner wissenschaftlichen Gediegenheit, Liefe und Umsicht, seinen Zweck und ging ohne allen Anklang und ohne alle Anregung an derNation vorüber. Es ist nicht zu laugnen, daß bei alleni Interesse, welchedieser Aufsatz für den, von dem Stand und Gang unserer Literatur unterrichteten Leser haben mag, er eben deshalb den minder unterrichteten Laien unangeregt lassen muß; er nimmt eine zu wissenschaftliche Breite ein und läßt den schmalen praktischen Steig aus dem Auge, der allein sicher und schnell zum Herzen deS Volkes führt. — Mit populärer Klarheit und lebendiger Anschaulichkeit hatHerr vr. Philipp so n in No. 88. der allg. Zeit, des Judenth. diese kühne Idee aufgefaßt und mit meisterhafter Eoncinnität in kurzen, klaren und bündigen Sätzen ' die dringende Nothwendigkeit eines solchen Institutes seinen Lesern vor Augen und ans Herz gelegt, eine Aufforderung zur Subscriptiorr zur Begründung einer jüdischtheologischen Facultät und eines jüdischen Seminars für Deutschland, daran geknüpft und selbst mit einem Beitrage den Reigen eröffnet. CS ist mir bis jetzt noch unbekannt geblieben, welche Wirkung dieser Aufruf in den Gemeinden Israels hervorgebracht, welche Gemeinden, Rabbiner oder sonst hervorragende Persönlichkeiten in Israel sich für dieses großartige Unternehmen erklärt haben, und ob aus der allgemeinen Stimmung, Ansprache und Theilnahme, oder auS dem Stand der Dinge überhaupt, die Hoffnung einer früheren oder spateren Realisirung dieser, jedes für das wahre Heit und für die sittlich-religiöse Erhebung Israels schlagende Herz so freundlich ansprechenden und wohlthuend erschütternden Idee sich entnehmen lasse. — So viel weiß ich aber, daß jeder Rabbine, der es mit seinem heiligen Berufe, mit seiner Gemeinde, mit seiner Nation überhaupt ernst und aufrichtig meint, die Fortpflanzung der Lehre und die Wahrung des Glaubens der Väter glühend wünscht, den Perfall alter Institutionen, wo jüdische Jünglinge und Männer nach den Sitzen ehrwürdiger, hochbegabter Lehrer schaarenweise wallfahrteten,. um dort die Keyntniß und die Weihe ihres künftigen heiligen Berufes aus dem Munde und von den Händen ihrer Lehrer zu empfangen^ innigst und aufrichtig bedauert, gewiß für da6 Wiedererwachen und Wiederaufleben jüdischer Lehrstühle streben wird, welche allein im Stande 'find, ihm die Garantie für die Fortdauer und das Fortleben jüdischer Lehre und jüdischer Wissenschaft zu gewähren. In der IV. Abtheilung vorliegender Rede habe ich mein Votum für dieses Unternehmen ausgesprochen, und die Sympathien, die eö in meiner, bei dem Anblick des Guten und Trefflichen nicht lange anstehenden und gern mit mit einem guten Beispiel vorangehenden Gemeinde erweckt, die günstigen Erfolge, die meine Worte für die gute Sache Israels hier hervorgebracht, vorzüglich aber der lebhafte Wunsch, daß sie auch in andern Gemeinden meines theuren Vaterlandes, und namentlich in solchen, wo leider noch daS unabweisbare lebendige Wort der mündlichen L ehre nur den Frühling und den Herbst begrüßt, den ganzen Winter zu Eis erstarrt und im Sommer die Saat versäumt und die Ernte verschläft, ähnliche Erfolge haben mögen, ist die Ursache ihrer Veröffentlichung. „Ohne Weissagung*) verwildert da6 Volk, wer aber die Lehre wahret, Heil ihm." Spr. 29, 18. Frankfurt a. d. Oder den 1. Jan. 1838. Der Verfasser. Wir lassen noch zur Beherzigung folgende Stellen aus dem IV. Theite der Predigt folgen: „Fraget Ihr, wer sind die Männer, die einer solchen Anstalt vorstehen sollen? Hierauf erwiedere ich Euch : hxw' nS «o, Israel ist nicht verwaist und nicht verarmt an Männern, die jede Nation mit Stolz die ihrigen nennen würde. Noch leben Männer in Israel, die mit geprüfter Kraft und bewährter Kampflust für die Sache des Glaubens kämpfen können, und die es zur schönsten Aufgabe ihres Lebens machen würden, ein junges Geschlecht zu neuen Kämpfern zu erziehen. Schaffet Ihr nur die Bausteine herbei, an Baumeistern soll eö in Israel nicht fehlen. Noch leben Männer in Israel, deren rüstige Thatkraft aus Mangel an einer derselben entsprechenden, angemessenen Wirkungssphäre leider ungebraucht und ungenoffen verkümmern muh. Auch von dieser Seite betrachtet, hat daS würdige Bestreben, jüdische Lehranstalten für Erzieher und Volkölehrer zu begründen, viel EmpfehlenöwertheS, indem es unS die schicklichste Gelegenheit darbietet, eine Ehrenschuld gegen jene edlen Männer abzutragen, die ein Opfer ihrer Treue und gewissenhafter Ehrlichkeit geworden sind, mit der sie in der Religion der Väter unerschütterlich fest verharren." „Saget nicht, meine lieben Freunde, dies sei nur Pflicht der reichen und reichsten Männer in Israel, ihre Mithilfe zu solch einem großartigen Werke zu spenden. Nein, ein jeder Israelit ist, als solcher,dazu verpflichtet, und jede noch so geringe, willigeGabe ist willkommen auf dem gemeinsamen, geweihten Herde derNation und berechtigt zum Antheil an der Ehre, zum großen Zwecke mitgearbeitet zu haben. Wer da viel oder wenig opfert, wenn eö nur geschieht um Gottes' willen. Und um Gotteö willen muß eö geschehen, sonst ist alle Mühe eitel. „Wenn nicht die Liebe zu Gott, zum. Gesetz, zum Glauben der Väter daS HauS Israel auöbauer, vergebens mühen sich seine Bauer daran." Nicht durch Vermögen und nicht durch irdische Kraft kann ein solches Werk vollendet werden, sondern durch den Geist. Nicht sowol die S u m m e von Geldbeiträgen, als vielmehr die Summe von billigenden Urtheilen, aus welcher der Wunsch und der Geist der Nation hervorgehen wird, kann und soll daö Unternehmen mit glücklichem Erfolge krönen. Darum stehe nicht an,'Israelit, wenn du von der Göttlichkeit dieses Strebens überzeugt bist, dein Unheil in die Wagschale zu legen. Nicht dein Gold, sondern dein Geist wird den Ausschlag geben. „Und ist der Anfang noch so gering, so wird daS Ende doch groß sein." Schon durch das gute Beispiel, mit welchem du deinen reichen Brüdern vorangehst, erwirbst du dir die Ehre einer belebenden, zur Nachahmung begeisternden Theilnahme. Nicht durch dein Vermögen, und nicht deine eigene Kraft, sondern durch den Geist eines guten und rühmlichen Beispiels. Daß man unter nicht nur eine prophetische, sondern jede öffentliche Belehrung' und Vermahnung versteht, dürfte ivol von Niemand bezweifelt werden.

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