Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 9. lärz 1906. 70. Jatirgatig. No.10 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) b. zogen vierteljährl. 3 M. Neda ktenr: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippson. Vkrlg88-LxpeäMoii: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Srraße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Verlin. Kurim in Lsbr! Berli II, 8. März, ieder einmal rollen wir die alte Megillah auf und lesen mit Rührung und Heiterkeit die merkwürdige Legende von Esther und Mordechäi, von Haman und Achafchverosch. Die gelehrten Historikerhaben zwar den Nachweis zu führen gesucht, daß die ganze Erzählung keine geschichtliche Grundlage habe. Und die gelehrten Orientalisten haben entweder mit Paul de Lagarde in dem Farwardiganfest der Perser, oder mit H. Zimmern in. dem babylonischen Zagmullusest oder Neujahrstag der Assyrer die Quelle unseres Purimfestes gesunden zu haben geglaubt. Was tuts? Wir feiern trotz alledem Purim in demselben Sinne tvie unsere Väter und Ahnen, die in der einen taufend andere geschichtlich beglaubigte Rettungen Israels aus Feindeshand gefeiert haben. Der alte Chronist hat's besser verstanden als die modernen,Historiker, wenn er sagt: „Und diese Purinitage werden nicht aufhören unter den Juden und ihr Andenken wird nicht erlöschen bei deren Nachkommen!" Und unsere alten Rabbinen haben den jüdischen Geist tiefer erfaßt als die modernen Historiker und Orientalisten, indem sie die Ahnenreihe Hamans bis auf Amalek zurücksührten und in der seltsamen Geschichte des Festes die Entwicklung des sich forterbenden Judenhasses sahen. Unter wievielen Formen und Gestalten ist dieser Amalek- Haman in unserer Geschichte aufgetreten und wieviele Namen hat er im Laufe der Zeiten angenommen! Es wäre interessant, dies einmal zu verfolgen. Gar mancher würde freilich in diesen Stammbaum kommen, der selbst nicht hineinzugehören glaubt, der aber doch hineingehört, weil er, wie es in der Bibel von Amalek heißt, „die Strauchelnden in deiner Mitte zu verführen suchte." So z. B. würde Professor Friedrich Delitzsch die Zugehörigkeit zu diesem Geschlecht sicher mit miteidigem Lächeln oder mit stiller Verachtung ablehnen. Er ist ja auch kein Feind der. Juden. Aber er hat dem Judentum doch mehr zu schaden versucht als tausend andere. Denn er hat seine größten Heiligtümer: seinen Gottesglauben, seine Lehre, seinen Sabbat herabzusetzen oder zu entwerten gesucht. Und seine Bemühungen sind von der großen Schar derer, denen die Bedeutung Israels für die Kultur der Menschheit ein Dorn im Auge ist, förmlich mit Siegesjubel begrüßt worden. Aber diese große Schar hat der ferneren Entwicklung des Streites um Bibel und Babel nur geringe oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ihr genügten einfach die von Delitzsch mit übergroßer Sicherheit als Tatsachen vorgetragenen Hypothesen, daß die Israeliten den Monotheismus, den Sabbat, das Zehngebot und vieles andere von den Babyloniern entlehnt hätten. Inzwischen ist es still geworden und der Kamps hat ausgetobt. Aber die Arbeit der Gelehrten hat nicht aufgehört. Freilich, von dieser emsig stillen Arbeit dringt nur wenig oder gar nichts in die Oeffentlichkeit, und so erfährt diese so gut wie nichts davon, wie moderner Forscherfleiß eine jener Hypothesen nach der anderen zerpflückt und dadurch unwillkürlich das Prioritätsrecht Israels aus seine großen geistigen Güter wiederhergestellt. Ein Aufsatz in der „Nation" (Nr. 21) „Babylonischer und biblischer Sabbat" führt uns heute auf diese wichtige Erscheinung. Unsere Leser erinnern sich, daß Delitzsch in dein babylonischen Schabbatu das Vorbild des biblischen Sabbats erblickt zu haben glaubte. Hören wir nun, was der Verfasser des erwähnten Aufsatzes, Dr. Emil Behrens, über die Erfolge dieser Hypothese zu berichten weiß: .Wie kamen Delitzsch und andere mil ihm zu der falschen, oder doch zum mindesten schiefen Auffassung der Siebenertage, in denen sie, wie ivir gleich sehen werden, ganz zu Unrecht Sabbattage erblickten? Es existiert im Babylonisch - assyrischen ein Vokabular, das einen Tag schapaltu aufführt mit dem Zusatz: Tag der Beruhigung des Herzens (der erzürnten Götter). Die Vermutung drängte sich ans, dieser Tag sei mit den Siebenertagen und weiterhin mit dein hebräischen schabbatl» identisch, zumal anderwärts auch die Schreibung schabaltu (mit h statt p) begegnete. Hierzu kam noch folgendes: Irgend eins der zahlreichen assyrischen Vokabulare nannte als Synonym zu einem Verbum garnaru „vollführen, vollenden" ein Zeitwort scbabatu. Nun chatte inan alles, dessen man bedurfte: einen Sabbattag, einen siebenten Tag mit außergewöhnlichen Vorschristen, den» jedenfalls iin Kult eine Sonderstellung zukam, und ein scheinbar zu Sabbat (sobabattu) gehöriges Verbum sellabatu. Dieses ward kurzerhand mit „seiern, ruhen" übersetzt, obwohl doch der Uebergang vm» „vollenden" zu „rasten" etwas Gewaltsames hatte. Somit schien der babylonische Sabbat oder Ruhetag gesichert. Neu veröffentlichte Dokumente der Keilschriftliteratur haben die schönen Hypothesen leider sehr ins Wanken gebracht. Um es kurz zu machen — wie wir jetzt aus einer vorjährigen Publikation, des Britischen Museums ersehen, ist jene Gleichung sellabatu ---gamaru bislang völlig falsch gedeutet worden — woraus niemandem ein Vorwurf erwächst; ohne die eigene Angabe der Assyrer hätte schwerlich je ein Assyriologe das Richtige gefunden. Jenes Vokabular nun belehrt uns in dankenswerter Weise, daß das Zeitwort sellabatu in diesem speziellen Zusammenhang nichts mit Sabbat zu tun hat, a»»ch nicht „rllhcn" bedeutet, sondern »nit „richten" z>» übersetzen ist, zu jenem Stamme gehört, von dem das bekannte phönizische Wort „Suffeten" — Richter gebildet ist. Weiterist es auch endlich gelungen, den scllabattu (sellapattu)-Tag zu fixieren. Der englische Assyriologe Th. G. Pinches hat uns vor längerer Zeit ein Kalendarium zugänglich gemacht, das in das schivierige Sabbatproblem neues Licht bringt. Zunächst werden die Tage eins bis zehn aufgezählt (erster, zweiter usw. Tagt. Es folgen einige, meist religiös bedeutsame Tage ztvischen 11 bis 8 >,