Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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beugen zetern genommen uub beeinfluß l, unter Vorurteilen mtb Wahnvorstellungen gestanden und gehandelt haben und das; die Zur Ausübung eines gerechten Richteramtes notwendige Unparteilichkeit bei der Prozeßsührung uub bei der Fällung des Verdiktes gänzlich gefehlt habe. So ist der wegen angeblicher zweier Morde zum Lode verurteilte, aber bezeichnenderweise zu lebenslänglichem Kerker begnadigte Verurteilte Leopold Hilsner das Opfer eines furchtbaren Justizmordes geworden. Das öffentliche Rechtbelvnsztsein ist aufgerüttelt, und was früher die Ansicht vieler gewesen, das; nämlich Leopold Hilsner unschuldig^ verurteilt wurde, ist jetzt zur Gewißheit geworden. Die Revision ist unabweisbar geworden und wird im Namen der Gerechtigkeit gefordert. Die Aufhellung vieler dunkler Punkte und unaufgeklärter Vorgänge bei der Einleitung und Durchführung der Strafuntersuchungen in euusn Agnes Hruza und gegen Leopold Hilsner muß endlich erfolgen. Die österreichische Justiz darf ihr Ehrenschild nicht beflecken lassen, mutz vielmehr solches blank erhalten! Man darf nicht ungestraft die Amtsehre eines österreichischen Justizministers verunglimpfen! Ein österreichischer Justizminister kann auch nicht die gegen seine beschworene Amts- und Dienstpflicht gerichteten schweren Anschuldigungen ruhig hinnehmen oder vornehm ignorieren. Der Grund oder Ungrund, die Stichhaltigkeit oder die Grundlosigkeit der von dem Abgeordneten Ernst Schneider gegen den ehemaligen k. k. Justizminister Dr. Ignaz Edlen v. Ruber in den offenen Sitzungen des niederösterreichischen Landtages wiederholt (vom 28. April 1899 und vom 5. November 1905) erhobenen schweren Beschuldigungen muß erhoben und beweiskräftig festgestellt werden. Diese Beschuldigungen haben auch in den öffentlichen Blättern („Neue Freie Presse" vom 26. Januar 1906, Dr. Blochs „Oesterreichische Wochenschrift" vom 11. und 4. Februar 1906 und mehrere andere Nummern) Verbreitung gefunden, und die „Neue Freie Presse" wirft die folgende Frage auf: „Sollte eine Einwirkung aus jener höheren Sphäre auf den Gang des Prozesses erfolgt sein?" Das ist ein dunkler Punkt, welcher noch der Aufklärung bedarf und sie vielleicht dereinst finden wird. An der Spitze der Justizverwaltung stand damals der Justizminister Dr. v. Ruber." Die Interpellation zitiert sodann im Wortlaute den in der „Neuen Freien Presse" »vom 11. d. M. veröffentlichten Artikel des Oberlandesgerichtsrates a. D. Krall über den Hilsner-Prozeß und fährt fort, daß laut bestimmter Zeitungsmeldungen, welche auch vom Verteidiger Tr. Auredniczek bestätigt wurden, der Kreisgerichtspräsident Winter nach Füllung des Urteils versichert hat, daß er, der Kreisgerichtspräsident und Vorsitzende der Verhandlung, von der Unschuld Hilsners überzeugt sei. Ta in einem Rechtsstaat das öffentliche Rechtsbewußtsein respektiert, der Rechtssinn der Bevölkerung gefördert werden soll, stellen die Unterfertigten die > Anfrage an den Justizminister: Ist derselbe geneigt, eine gründliche! und objektive Prüfung aller Strafakten in dem Prozesse gegen Leopold Hilsner im Wege der Staatsanwaltschaft und eine Revision dieses Strafprozesses ehestens verfügen und durchführen zu lassen? — .Unterzeichnet ist die Interpellation unter andern von den Abgeordneten: Doktor Straucher, Dr. Byk, Rapoport, Rieger, Hybesch, Cingr, Eldersch, Pernerstorfer, Nikolai Ritter v. Wassilko, Dr. Kos, Dr. Kolischer, Breiter, Pihuliak, Basil Ritter v. Jaworski, Romancznk, Seitz, Wrabetz, Dr. Ofner. — In Nachod wurde Dr. Gustav Sicher zum Rabbinergewählt. Von Aah und Lern. ~ Der Professortitel wurde verliehen der: Herren: Oberlehrern Dr. Fern b ach, Klltnesky, Dr. Samter, Dr. Oppenheim, Dr. Türk, Dr. Schlesinger in Berlin. — Dem Religionsschuldirigenten Jacob Marcuse ist der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. — Durch notariellen Vertrag ist die „Staatsbürger-Zeitung" in den Besitz der Stöckerschen Zeitung „Das Reich" G. m. b. H. übergegangen. Sie transit ... — Im Dezember 1905 sind in Berlin 1571 Ehen geschlossen worden, darunter 283 Mischehen. 14 Juden heirateten 12 evangelische und 2 katholische Mädchen, aber nur 6 evangelische Männer ehelichten 6 Jüdinnen. — In Liegnitz haben die städtischen Körperschaften das Ehrenbürgerrecht einstimmig dem Stadtverordnelenvorsteher Heinrich Cohn, der 30 Jahre Stadtverordneter ist, verliehen. - - Die Firma Aron Hirsche SAH n in Halberstadt hat anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares eine Stiftung von 50 000 Mark zugunsten der invaliden Arbeiter ihres Messingwerkes und des Kupferhammers bei Jlsenburg (Harz) errichtet. — Im Alter von 101 Jahren starb am 19. d. M. in Eis - leben der Rentner Simon. — Am 5. d. Nt. verschied der Vorstand des Repräsentantenkollegiums der Gemeinde Ples;, Dr. med. Gustav Caro. — Die erste öffentliche Sitzung der Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. beschloß, anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares 100 000 Mark als Grundstock einer gynäkologischen Abteilung eines neu zu erbauenden Hospitals zu stiften. Oberregierungsrat Dr. Pa nl Meyer, Mitglied der Eisenbahndirektion Frankfurt a. M., erhielt das Ehrenkreuz des großherzoglich hessischen Ordens Philipps des Großmütigen. Oberlehrer A. Weyl an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschast daselbst wurde zum Professor ernannt..— Dieser Tage erschien ein Finanzbeamter in der großen Pariser Synagoge in der Rue de la Victoire, um hier eine scheinbare Inventur vorzunehmen. Feierlich wurde er von Baron Rothschild und dem Großrabbiner Dreyfus empfangen. Die Inventur erfolgte, weil die Ausnahmestellung der jüdischen Tempel schließlich doch zu sehr ausfiel und die Bevölkerung von Paris in Aufregung versetzte. — Das französische Zentralkonsistorium hat den Baron Eduard v. Rothschild au Stelle seines verstorbenen Vaters zum Präsidenten gewählt. — Aus Algeciras wird telegraphiert: „Gestern erhielt der amerikanische Delegierte Henry White vom Großrabbiner ün Tanger ein Schreiben, in welchem letzterer für die bei der Konferenz zugunsten der Juden beabsichtigten Schritte dankte, jedoch bemerkte, daß die Juden in Marokko keine Ursache zu einer Beschwerde hätten, und bittet, daß, falls die Absicht besteht, im Interesse der Juden etwas zu unternehmen, die Konferenz sich darauf beschränken soll, zum Ausdrucke zu bringen, der Sultan möge, wie bisher, sein Wohlwollen und seine Huld den Juden zuwenderl." Sollte dieser Brief dem greisen Großrabbiner nicht erpreßt worden sein? — Zum viertenrnal ist Luigi Luzzati zum italienischen Schatzminister ernannt worden. Er steht jetzt im 65. Lebensjahre. Auch der neue Ministerpräsident Sonuino ist jüdischen Ursprungs, er selbst ist evangelisch. — Israel Abrahams ist zum Kurator für orientalische Literatur an der Universitätsbibliotheken Cambridge gewählt worden. — Selbst solche.jüdischen Kaufleute erster Gilde, die bereits das Recht sich erworben hatten, dauernd in Zentralrußland zu wohnen, dürfen sich fortan in Moskau nur sechs Monate im Jahre aufhalten, während die Familien derselben überhaupt nicht in der zweiten russischen Hauptstadt geduldet werden sollen. Auch die Familienangehörigen der seit Jahren in Moskau wohnenden jüdischen Kaufleute erster Gilde werden demnächst die Stadt verlassen müssen. Jedenfalls hat der Minister die Polizei aufgesordert, ihm binnen zwei Wochen ein genaues Verzeichnis dieser Personen einzufenden. — Am 27. d. M. findet vor dem Warschauer Kreisgericht der Prozeß gegen Nachum Sokolow, dem bekannten Herausgeber der hebräischen Tageszeitung „Hazefira". statt. Sokolow wird angeklagt, „das rote Lachen" von Leon Andrejew ins Hebräische übersetzt und in seinem Blatte veröffentlicht zu haben. Das Weitererscheinen der Zeitung „Hazefirah" ist nunmehr endgültig verboten worden. Das Blatt erscheint mit dem Titel „Telegraf". — Die Zeitung „Russj" teilt mit, das der Minister der Aufklärung Graf I. I. Tolstoy den Dr. Rediwzow, einen Juden, zum Privatdozenten an der Moskauer Universität bestätigt hat. — Während der Unruhen in Wladiwostok wurde die kürzlich vor; der Schlüsselburger Festung befreite Ludmila Alexandrowna Wolkenstein, die mit ihrem Mann auf den Wällen spazieren ging, getötet. Der Mann blieb am Leben. — Aus Krementschug telegraphiert man, daß von dort 200 jüdische Familien nach Argentinien emigrieren. — In Riga ist L. Schalit, einer der besten und angesehensten Männer in Rußland, nach schwerem Leiden gestorben. Besonders innerhalb der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" hat der Verstorbene eifrig und segensreich gewirkt. Ehre seinem Andenken! - Der Oberrichter M. C. Schloß in St. Francisco ist zum Präsidenten des Gerichtshofes einstimmig gewählt worden.