Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 16. Februar 1906, 70. Jahrgang. No. 7, Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson. VerIk>x8-kri>küiUoll: Berlin. Jerasalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements -Pr ei s: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierleljährl. 3 M. Redakteur: Gustav ^ttavpeler. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung der Judentums", Berlin 8^V.. Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Aufgaben jübilcher GemernLkpolitib. Berlin, 14. Februar. Feiest man die Verhandlungen über die Repräsentantensitzungen der Großgemeinden und die Berichte, die die Blätter über das Leben in den kleineren Gemeinden von Zeit zu Zeit bringen, so erkennt man: Es geht ein seltsamer Zug durch Deutschlands Judenheit — fast könnte man versucht sein, ihn als Betätigungsdrang zu charakterisieren. — Da tauchen Vereine auf mit rein sozialen Bestrebungen, da wieder macht sich ein Rationalismus bemerkbar, der förmlich daraus brennt, irgendwo und irgend etwas zu reformieren. Auf der andern Seite hingegen bemerken wir das emsige Bemühen, die Tradition vor dem Fortschritt zu bewahren. Ueberall sehen wir aber ein Sich-regen, oftmals überhastet und weit über das Ziel schießend, oftmals aber auch das Alte stürzend, ohne Neues,zu schassen. Borweg sei nun bemerkt, daß an dieser Stelle der Jndifferent.ismus innerhalb der deutschen Judenheit schön heftig bekämpft wurde, als Noch nichts von allen -diesen Modernen Bewegungen zu. verspüren war. Und genau wie damals können wir auch heute die „Betätigung des Judentums" als ein durchaus notwendiges Moment hinstellen. Nur die Freiheit der Meinung darf darunter nicht leiden und nicht die gerechte Würdigung anerkannter Institutionen. ' Sehen wir uns unter diesem Gesichtspunkte die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden an, so werden wir finden, daß diese — wenige Ausnahmen abgerechnet — ihre Ausgaben, im großen und ganzen wohl richtig erfaßt haben. Wir werden auch zugestehen.müssen, daß sie an dem sozialen Zuge unserer Zeit nicht spurlos vorübergegangen sind, und wir werden ferner anzuerkennen genötigt sein, daß selbst das Stürmen und Drängen einzelner impulsiver Naturen in den Gemeinden seinen Widerhall findet. f Freilich kann dieses Kicht einheitlich geschehen, weil jede einzelne Gemeinde nach Lage der Sache individuell handeln muß. Aber auch^die kleinste unter ihnen ist nicht auf ihrem früheren StauLvunkt geblieben. Nur, daß Ursache , und Wirkung — ÄMenFeren oder weiteren Rahmen entsprechend — ihren verschiedenartigen Ausdruck gegenwärtig finden. Man kann deshalb wohl von allgemeinen Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik sprechen und deren Grundzüge konkret festlegen — aber man kann und darf nicht sagen, daß nichts oder daß zuwenig geschieht, auch wenn nach außen hin sich die Wirkung nicht gerade bemerkbar macht. Indessen verfallen immer mehr Menschen in diesen Fehler, und die Folge ist ein Operieren mit inhaltschweren Begriffen, unerfüllbaren Wünschen, und dann am letzten Ende mit getäuschten Hoffnungen. So ist das Wort von den Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik volkstümlich geworden, und so auch ist eine kleine Schrift von hiechtsanwalt Dr. Max Kollenscher über „Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik" beschaffen, die charakteristisch für unsere Zeil und noch charakteristischer für die im Eingang erwähnte Betätigungsfreudigkeit ist. Aus diesem Grunde ist ein Eingehen auf die fragliche kleine Arbeit nicht ohne Interesse. Natürlich — so hören wir — geschieht zu wenig und wo — so etwa ist der Gedankengang des Verfassers — zu wenig geschieht, wird auch zu wenig Anteilnahme des einzelnen an dem Ganzen sein, und weiter wird die Werbekraft für eine gute Sache erst dann wachsen, wenn diese gute Sache sichtbare, das heißt augenfällige Arbeiten besitzt. Mit anderen Worten: die Idee des Judentums wird in dem gleichen Umfange lebendig, in dem sie Verständnis für die materielle Not unserer Zeit bezeigt. In diesem Sinne läßt der sonst mit der Materie gut vertraute Verfasser ein Programm erstehen für die Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik — ein Programm, welches schon durch seine Vielseitigkeit starken Widerspruch Hervorrufen wird, und welches befremdet durch' die mathematische Berechnung von Erscheinungen, die eigentlich jenseits von jeder Mathematik liegen. Von zwei Dingen soll alles Heil kommen: Von der Rückkehr zum Kultus und von der praktischen sozialen Arbeit! Kultus und Kultur sind merkwürdigerweise für den Verfasser zwei sich ergänzende Erscheinungen. Und er erhofft von der Renaissance der Form — also von der Wiederbelebung des alten Kultus — eine Belebung der Idee, also eine Ausbreitung des lebendigen Judentums. Das ist die landesübliche orthodoxe Anschauung, die man für falsch halten kann, in der aber doch eine gewisse Logik nicht zu verkennen ist. Neue Ideen tauchen in dem zweiten, für den Verfasier offenbar bedeutungsvolleren Teile des Programms auf, und hier sehen wir die Logik verschwinden, wenn wir diese Forderungen mit denen des Kultus in Einklang bringen wollen. Hier sehen wir alle sozialen Wünsche wiederkehren, die nur je. die politische Oekonomie bewegt haben, bezeichnet als ein Feld für die Betätigung der jüdischen Gemeindenals. Aufgaben unserer Gemeindepolitik. Der Verfasser weiß, was wir ihm gerne zugestehen, wo die Wurzel jüdischen Elends steckt, und er weiß es. uns klar zu machen, daß gute Lebensbedingungen auch gute Gesinnung fördern. Aber er überschätzt die Macht und die Leistungsfähigkeit, und nicht zum wenigsten die tatsächliche Könrpetenz