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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-09 · Heft 6 (9.2.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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früher der höchste Jahresbeitrag SO Mark für einen Lehrling war, werden^ jetzt durchschnittlich 76 bis 100 Mark für einen Lehrling gezahlt, außerdem aber in^ besonderen^Fällen der Bedürftigkeit auch die Kosten für den Besuch der! Gewerbe- und Fortbildungsschule verauslagt, s Trotzdem auf Bitten des Vorstandes sowohl in. der Stadt Hannover wie in den Landgemeinden die Lehrer der Synagogengemeinden in dankenswerter Weise die schulentlassene Jugend zur Wahl eines Handwerks ermuntern, ist in der abgelaufenen Periode ein merklicher Rückgang von Anträgen aus Bewilligung von Unterstützungsgeldern I und Zuschüssen zu bemerken; wie die? ziffernmäßige Darstellung aufweist, find die Bewilligungen im laufenden Jahre 1905 um die Hälfte geringer als im Jahre 1903. Wir 'glauben nicht, daß dieser auffallende und bemerkenswerte Umstand auf ein Verschulden der Verwaltungsorgane zurückzuführen ist, da sich durch die angestellten Nachforschungen ein Mangel in dieser Beziehung nicht ergeben hat. Vielleicht tragen, abgesehen'davon, daß die Zuschüsse des Vereins trotz der geschilderten Erhöhung nichts Verlockendes haben, auch die beweglichen Klagen, welche der Mittelstand zurzeit im deutschen Vaterlande über die schlechten Aussichten des Handwerks ertönen läßt, dazu bei, Eltern und Vormünder von der Wahl. eines Handwerks für ihre Schutzbefohlenen und Pfleglinge abzuhalten. Jüdische Kinder haben außerdem mehr noch als andere unter den allgemeinen Unbilden zu leiden, denn, wie überall/ wird die jüdische Konkurrenz auch im Handwerk lästig empfunden und ungern ertragen. Der Verein hakte in den drei abgelaufenen Jahren 23 193,57 Mark Ctittnaljmeit uttb 22 737,07 Mark Ausgaben. Der sehr rührige und eifrige Vorstand besteht aus den Herren Kommerzienrat Sigmund Meyer, Vorsitzender, Rechtsanwalt Benfey III, Georg Cohn, Julius Mendel, Leopold Gompertz und Rechtsanwalt Dr. Meyer, Schriftführer. Gesterretch-Nngsrn. □ Wien, 5. Februar. Auch die Sozialdemokraten werfen der Hilfsaktion für die russischen Juden Steine in den Weg, so daß sich die hiesige „Israelitische Allianz" zu folgender Erklärung genötigt sah: Der Herr Reichsratsabgeordnete Daszhnski hat jüngst in einer öffentlichen Versammlung die Behauptung ausgesprochen, daß die von den jüdischen Komitees gesammelten Gelder zugunsten der Opfer der Judenexesse durch russische Beamten zur Verteilung gelangen. Wir sind in der Lage, namens, der vereinigten Hilfsorganisationen zu erklären, daß dies nicht der Fall ist, sondern daß die nach Rußland gesandten Unterstützungen an Hilfsbedürftige ausschließlich durch Komitees angesehener Bürger ohne behördliche Einmischung verteilt 1 werden. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz in Wien". — Von dem großen Geschichtswerk von H. Grätz wird demnächst eine ungarische Ausgabe erscheinen. Es hat sich eine Gesellschaft gebildet, welches die sechs Bände umfassende ungarische Ausgabe verlegen wird. Die Redigierung wurde den berufenen Händen des Redakteurs Max Szabolcsi, dem gelehrten Rabbiner Dr. Samuel Kohn, sowie einer Reihe von jüdischen Schriftstellern, darunter: Alexander KomLromi, Andor Gäbor, Joses Patai u. a. anvertraut. Holland. Leyden, 1. Februar. Am 31. v. M. ist hier der berühmte Professor der klinischen Medizin Dr. Rosen stein im 74. Lebensjahre! gestorben, tief betrauert nicht nur von den Seinen, sondern auch von j der gesamten Wissenschaft. Rosenstein war ein geborener Berliner,! der älteste Sohn des seligen Rabbinatsassessors E. Rosenstein. In Berlin machte er auch seine Studien und ließ sich dann als Arzt nieder. Auf wissenschaftlichem Gebiete schloß er sich Virchow und Traube erfolgreich an. 1863 erwirkte er seine Zulassung als Privatdozent für innere Medizin bei der Universität Berlin. 1865 erschloß sich ihm ein größerer Wirkungskreis. In Groningen war die ordentliche Professur der klinischen Medizin frei geworden. Ueber die Neubesetzung der Lehrkanzel wurden Virchow und Traube befragt. Beide traten eindringlich für Rosenstein ein. Rosenstein wurde nach Groningen berufen. 1872 siedelte er nach ßeqben Liber. An beibeti Universitäten hat Rosenstein mit großem Erfolge gewirkt. Sehr geschätzt war Rosenstein auch als Praktiker. Er wurde wiederholt an den Hof berufen. ' Als natürliche Aufgabe fiel ihm zu,., zwischen/ der deutschen und niederländischen Medizin zu vermitteln. Rosensteiw hat auf vielen Gebieten der inneren Medizin mit Erfolg Hand angelegt. Obenan steht, was er in der Lehre uon den Nierenkrankherten geleistet hat. Rosensteins „Pathologie und Therapie der Nierenkrankheiten" machte ihrerzeit Epoche. Sie beherrschte bis zum gewissen Grade eine ganze Reihe von Jahren hindurch das einschlägige Gebiet. Verwiesen sei noch auf die Tatsache, daß Rosenstein zu Denjenigen zählte, die schon frühzeitig auf die Bedeutung der Mikroorganismen als Krankheitserreger hinwiesen. Rosenstein gehörte zu dem Kreise jüdischer Professoren, die in die Ferne ziehen mußten, weil sie in ihrem Vaterlande keine Aussicht auf Beförderung als Juden hatten. Erst Anfang der neunziger Jahre, als er schon eine Größe war,. wurde versucht, Rosenstein für Berlin zu gewinnen. Jetzt lehnte er aber ab, weil er in seiner zweiten Heimat einen glänzenden Wirkungskreis gesunden hatte. Ehre seinem Andenken! Von Ash und jfern. Am 30. v. M^ ist hier Dr. Abraham Ra hm er im 68. Lebensjahre gestorben. Derselbe — ein Bruder des Rabbiners Dr. Moritz Rahmer s. A. — widmete sich ebenfalls dem rabbinischen Beruf, wurde aber nach Beendigung seiner Studien Kaufmann. — Dem Amtsgerichtsrat Pleßner in Halensee, früher in Hohensalza, wurde der Rote Adlerorden IV. Klaffe verliehen. — Bei dem Hilfsverein der deutschen Juden sind bis zum 2. d. M. 2 249900 Mk. für die russischen Juden eingegangen. - In Graudenz ist am -1. d. M. der Kommerzienrat Carl Victorius im 74. Lebensjahre gestorben. — In Magdeburg ist am 1. d. M. Rabbiner Dr. Lueas- Glogau einstimmig zum Rabbiner gewählt worden. — Ter Seniorin der deutschen Frauenbewegung, Frau Henriette Goldschmidt in Leipzig, ist vom König von Sachsen die Karola-Medaille cverliehen. — Herr Bernhard Wolfs, Mitinhaber der Weingroßhandlung M. A. Wolff in Frankfurt a. M., wurde zum Königlich Dänischen Konsul in Frankfurt ernannt. — Dem Regierungsrat Netter in Strahl» urg i. E. ist der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden. — Marquis'Costa de Beauregard schreibt dem „Figaro", es sei nur ein Pariser Gerücht gewesen, daß die Baronin Rothschild dem Bischof von Meaux das Geld zum Unterhalt seiner Pfarrgeistlichkeit versprochen habe, er habe jetzt erfahren, daß es damit nichts sei. — Der bekannte literarhistorische Schriftsteller Professor Alessandro d'Ancona, Mitglied des italienischen Senats, wurde zum Bürgermeister von Pisa gewählt. — Der russische Ministerrat beschloß, für die Zukunft die Einschränkung der Aufnahme von Juden auf russischen Universitäten aufzuheben. Jedem Juden mit dem Reifezeugnis ist in Zukunft die Aufnahme auf der Hochschule gesichert. — Die russischen Blätter, die die Antwort des Zaren an die Deputation des „Verbandes russischer Männer" veröffentlichten (f. Woche!), finb zur gerichtlichen Verantwortung gezogen worden. — Aus Homel gehen uns wahrhaft entsetzenerregende Berichte über den letzten Pogrom zu. Die Brandstiftungen wurden veranlaßt durch die Ermordung eines Polizeibeamten und den Haß gegen die, Aufständischen. In mehreren brennenden Gebäuden fanden Explosionen statt; aus den Häusern wurden Bomben geworfen und Schüsse abgefeuert. Die Truppen schossen gleichfalls. Die Zahl der Verwundeten .beträgt zehn, eine Person wurde getötet. Die Truppen hatten keine Verluste. Der in der Stadt verursachte Schaden wird auf etwa 3 Millionen Rubel geschätzt. — Ein am 4. v. M. im russischen Ministerrat gestellter Antrag, wenigstens das jüdische Ausiedlungsrahon um einige neue Gouvernements zu erweitern, wurde mit 17 gegen 63 Stimmen abgelehnt. — Im englischen Parlament werden im ganzen 16 jüdische Abgeordnete sitzen, 12 Liberale und 4 Unionisten. — Der am 15. Juli verstorbene langjährige Präsident der Rodef Scholem-Gemeinde in Philadelphia, Benjamin Teller, hat dieser Gemeinde 50000 Dollars zum Bau einer Schule vermacht. — Jsac Guggenheim, der bekannte Philanthrop, überwies der Stadt Newhork 250000 Dollars für ein Krankenhaus. — In Chicago fand am 1. v. M. eine Versammlung der amerikanischen Rabbinerkonferenz statt, die sich mit dem Projekt einer Gesamtorganisation der amerikanischen Judenheit befaßt haben soll.

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