Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 6. Berlin, 9, Februar 1906. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Pr ei s: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Harpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson. VerlSLS-LMMov: Berlin, Jerusalemerslr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse- Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siraße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe, Berlin. Nnlrre Lrrditlrjtr. Berlin, 6. Februar, ir haben in Nummer 4 „Unser Schuldkonto" aufgezählt und zurückgewiesen, was unsere Gegner uns darauf zu setzen geneigt sind. Es ist nicht mehr als billig, daß wir dem Debet das Kredit entgegenstellen. Bescheiden, wie wir find — Anmaßung, die den Juden oft vorgeworfen wird, manchmal wohl auch mit Recht, ist gar keine jüdische Eigenschaft, wie schon daraus hervorgeht, daß das einzige Lob, das im Pentateuch Moses gespendet wird, ist, daß er bescheiden gewesen sei — bescheiden also, wie wir sind, werden wir nicht selbst unsere Verdienste aufzählen, sondern das hervorragendste christliche (evangelische) Wochenblatt in Amerika „Outlook" (Umschau) für uns sprechen lassen. Die Ueberschrift des betreffenden Aufsatzes lautet zwar „Amerikas Schuld an Israel", aber es handelt sich tatsächlich um die Schuld der ganzen Kulturwelt. Leider vergißt die Welt diese Schuld nur zu sehr, und wahrscheinlich wissen auch selbst viele Juden nicht, wie viel die Welt ihnen eigentlich verdankt. Es heißt im „Outlook": Ob der jüdische Staat jemals in Wirklichkeit existierte oder nur ein literarisches Ideal war, wie More's „Utopia", oder was wir für wahrscheinlicher halten, ein nur unvollkommen verwirklichtes Ideal, darüber mag gestritten werden. Aber kein Zweifel kann darüber herrschen, was dieses Ideal war und keiner auch, daß es späteren Generationen als Muster gedient und fie inspiriert hat. In dem jüdischen Staat war die Regierung nicht in der Hand eines einzigen Selbstherrschers mit unbeschränkter Machtbefugnis, sondern verteilt auf eine gesetzgeberische, rechtsprechende und ausführende Behörde. Die gesetzgeberische Funktion wurde verrichtet durch zwei vertretende Körperschaften, einen Senat und ein Repräsentantenhaus. Der Monarch war beschränkt durch konstitutionelle Bestimmungen, die selbst in der schlimmsten Zeit der jüdischen Geschichte nicht ganz unwirksam waren. Es gab weder eine den Grund und Boden besitzende, noch militärische, noch auch priesterliche Aristokratie. Wenn solche Aristokratien mit der Zeit entstanden, waren es Entartungen des von den Propheten aufgestellten Ideals. Die Priesterschaft war abhängig von den freiwilligen Beiträgen des Volkes und konnte es daher nicht beherrschen und beherrschte es auch nicht. Die Gewerbetätigkeit stand in Ehren. Die Autorität der Regierung beruhte nicht auf bewaffneter Macht, sondern auf Gott, der durch das Gewissen sprach, und war gleich für alle Klassen. Sklaverei und Polygamie waren zwar nicht verboten, aber so sehr eingeschränkt, daß beide aus Israel verschwunden waren noch vor dem ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Der Samen eines Unterrichtssystems war ausgestreut, und der Wiffensdurst war so entwickelt, daß zu Beginn der christlichen Aera jede Synagoge ihre Volksschule hatte — die einzige Volksunterrichtsvorkehrung im ganzen römischen Reiche. Endlich waren die Grundprinzipien der politischen und sozialen Ordnung in einem ebenso einfachen wie umfassenden Gesetzbuch enthalten, das ohnegleichen unter den Gesetzbüchern der ganzen Welt dasteht. Diese Grundsätze finden sich in den zehn Geboten, welche das Grundgesetz Israels waren. Nämlich : Ehrfurcht vor Gott; Achtung vor den Eltern; die Bestimmung des siebenten Tages zur Ruhe und für ein höheres Leben; Achtung vor den vier fundamentalsten Rechten des Menschen: seinem Recht auf Leben, Eigentum, Reputation und Familie, Mit diesen Grundzügen eines freien Staates gab es eine Religion, welche in dem Heiligtum des Teinpels kein Bild sondern das Gesetz und die Gnade barg, d. h. eine Religion, die ihren Gläubigen sagte: „Habt Ehrfurcht vor Eurem unsichtbaren Gotte und achtet seine höchsten Eigenschaften, Gerechtigkeit und Gnade." Es ist nicht nötig, hier festzustellen, ob die Gelehrten Recht haben, die die Vorzüge des römischen Gesetzes über Griechenland hinweg aus das jüdische Volk zurückführen. Gewiß ist es, daß Alfred der Große den hebräischen Schriften die Grundsätze entnahm, welche er zum Fundament der englischen Verfassung machte. Gewiß ist es, daß diese Grundsätze von den Reformatoren in einer Weise befolgt wurden, daß die Reformation sowohl eine politische wie eine kirchliche Emanzipation geworden ist. Und gewiß endlich ist es, daß aus derselben Urquelle die Puritaner ihre politischen Ideale schöpften, die fie in ihren Kämpfen gegen die Stuarts beseelten, und die sie dann jenseits des Ozeans verpflanzten, um sie in der Konstitution der amerikanischen Republik zu verkörpern. Wir wissen es nur nicht, aber jedes Parlament, jedes Gericht, jede öffentliche Schule, jede christliche Kirche, ganz zu schweigen von den weniger sichtbaren und faßbaren Offenbarungen unseres nationalen Lebens und Temperaments, sind Monumente deffen, was wir diesem alten Volke schulden. Allerdings hat „Outlook" hier nur die alten Juden im Auge. Von den modernen ist es weniger erbaut. Aber was das amerikanische Blatt den heutigen Juden hauptsächlich zum Vorwurf macht, daß sie statt der früheren geistigen Ideale in ihren heiligen Büchern die materiellen Ideale eines Handelsgeistes sich zu eigen gemacht haben, kann einen mit Recht zu dem Ausruf veranlassen: „Quis tulerit Gracchos de seditione querentes!" Amerikaner Juden den Händelsgeist vorwerfen zu hören, ist gelinde gesagt, sehr sonderbar, und beiläufig sind es nicht nur Amerikaner, sondern auch so ziemlich alle christlichen