Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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seitherigen Vizepräsidenten Herrn Kommerzienrat Aronsohn einstimmig zu ihrem Präsidenten. Die hiesige Stadtverordnetenversammlung wählte in ihrer vor einigen Tagen stattgefundenen Sitzung den Herrn Justizrat Wolfen zum stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher. In dieser Sitzung nahm der Stadtverordnetenvorsteher Professor Dr. Bocksch Anlaß, an den Stadtältesten und Kommerzienrat L. Aronsohn anläßlich dessen dreißigjähriger Zugehörigkeit zur Stadtverwaltung warme Worte der Anerkennung zu richten. Zuvor hatte sowohl der Magistrat, als auch die Stadtverordnetenversammlung an Herrn Aronsohn je eine Deputation entsandt, um demselben ihre Glückwünsche auszudrücken für seine langjährige Tätigkeit und gleichzeitig ihren Dank zu übermitteln für tue segensreichen Erfolge, die mit dieser Tätigkeit verbunden sind. In der oben genannten Stadtverordnetensitzung wies der Vorsteher noch besonders darauf hin, daß die Tätigkeit des Herrn Jubilars vielfach eine bis in das Detail hineinreichende sei; es gebe wohl kaum ein Gebiet des kommunalen Lebens, in welches derselbe nicht hineingegriffen habe. Namentlich betonte der Redner, daß die Geschichte der Stadt Bromberg in den letzten 80 Jahren aufs innigste verbunden sei mit dem Namen Aronsohn, daß seinem Wirken das Blühen der Stadt in den letzten drei Dezennien hauptsächlich mit zu verdanken sei. Aber auch die in der Stille sich vollziehende Wirksamkeit des Herrn Aronsohn wurde hervorgehoben und seine echte und wahre Humanität gerühmt! Solche Worte, gesprochen von solcher Stelle ehren nicht nur denjenigen, an welchen sie gerichtet sind, sondern auch die Glaubensgemeinschaft, dem der so Ausgezeichnete und Gefeierte augehört. Auch wir sprechen dem verehrten Herrn Jubilar an dieser Stelle unsere herzlichen Glückwünsche aus. Möge es ihm vergönnt sein, noch viele Jahre in geistiger und körperlicher Frische seine so außerordentlich schätzbaren Dienste dem Gemeinwohl widmen zu können! n. Breslau, 17. Januar. Vor einigen Wochen trat der Schwesternverein der Gesellschaft „Eintracht" mit einem Aufruf in die Oeffentlichkeit, in dem zur Gründung eines israelitischen Kinderhortes aufgefordert wurde. Bald fanden sich viele zahlenden Mitglieder, und am 3. d. M. konnte in den Räumen der Industrieschule die feierliche Eröffnung stattfinden. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal hielt die Weiherede. Er dankte den anwesenden Vorstandsdamen, daß sie dieses Werk echter Humanität geschaffen, daß sie es verstanden hätten, in vielen Herzen das Gefühl für die Notlage der Kinder zu wecken, denen, zu helfen soziale Pflicht sei. Er redete die Kinder selbst an und ermahnte sie, die Lehren anzunehmen, die ihnen hier zuteil würden, sich an Pünktlichkeit und Sauberkeit zu gewöhnen, an Ordnung und Unterordnung, und alle diese Eigenschaften mit hinaus zu nehmen ins Leben, hinein zu tragen in das elterliche Haus. Alsdann sprach noch Herr Kaufmann Max Guttmann und dankte allen denen, die außerhalb des Vereins stehend, Hilfe geleistet hätten, vor allem dem Schulvorstande der Industrieschule, der bereitwillig die Klasse zur Verfügung gestellt habe, und den Damen Frau Dr. Rosenthal, Frau Dr. Guttmann, Frau Dr. Braun, Frau Moses und Frau Kanter, die mit dem Vorstande der Schwesternvereinigung der Gesellschaft „Eintracht" sich in die Leitung des Hortes teilen wollen. Hierauf erklärte er den Hort für eröffnet. Zunächst sind es 22 Mädchen, für die der Hort zunächst nachmittags iu den schulfreien Stunden von 4 bis 7 Uhr ein Schutz vor sittlichen Gefahren sein soll. Der Hort steht unter der Leitung einer Lehrerin, Fräulein Freund, der junge Mädchen helfend zur Seite stehen. Hoffentlich gedeiht das junge Unternehmen weiter, zum Segen unserer armen jüdischen Kinder. 8. Hildesheim, im Januar. Am 22. v. M. fand im hiesigen Dome unter Leitung des Kardinal-Fürstbischofs Dr. Kopp aus Breslau die Beisetzung des Bischoss Wilhelm statt. An derselben nahmen nach dem Berichte hiesiger und hannoverscher Zeitungen die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden aus Stadt und Land teil. Alle Berichte erwähnen unter den erschienenen, besonders bemerkten Persönlichkeiten, auch.unseren Landrabbiner, Herrn Dr. Lewinsky, dem seitens des Domkapitels eine besondere Anzeige von dem Ableben des Kirchenfürsten übermittelt worden war. Dem Heimgegangenen Bischof Wilhelm waren Religionshaß und -Hader jederzeit fremd; er war ein toleranter Kirchenfürst. Gerne erinnerte er sich seiner ehemaligen jüdischen Schüler, besonders des jetzigen Oberrabbiners Dr. Güdemann in Wien und des Geheimen Baurats Landsberg in Darmstadt, die das hiesige katholische Gymnasium Josephinum besuchten, als er in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch Lehrer desselben war. Als er sein fünfzigjähriges Priester- und fünfundzwanzigjähriges Bischossjubiläum im Jahre 1906 feierte und Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky ihm persönlich gratulierte, war er darüber sehr erfreut. Zum Schluffe möchte ich noch der goldenen Worte gedenken, die dir edle Bischof aussprach, als ihm vor ungefähr 13 Jahren unser Hirr Landrabbiner seinen Antrittsbesuch abstattete. Damals sprach der hohe kirchliche Würdenträger Begrüßungsworte zu letzterem: „Kollegen sind wir, da wir ja beide an der Spitze unserer Konfessionen stehen, die Spitzen sollen sich nicht stechen, sondern friedlich neben einander stehen." Möge doch sein edles Vorbild insbesondere allen jenen voran leuchten, die berufen sind, als Diener ihrer Religion friedfertig zu wirken zum Wohle aller, ohne Unterschied des Glaubens! o. Paderborn, 20. Januar. Die Jüdische Waifen- Erziehungsaustalt für Westfalen und Rheinland veröffentlicht ihren 46. Jahresbericht. Am 15. Mai fand eine Sitzung des Kuratoriums, zu der auch die rheinischen Herren des Vorstandes erschienen waren, statt. Es wurde beschlossen, das Gebäude durch den Aufbau einer Etage zu vergrößern. Auch hat das Kuratorium eine Erweiterung erfahren; für Westfalen trat an die Stelle des verstorbenen Herrn Moritz Philipp aus Bielefeld Herr Adolf Stern aus Bielefeld, für die Rheinprovinz, für den verstorbenen Herrn Saly Simon aus Köln, Herr Moritz Bayerthal aus Krefeld. Die Anstalt, am 1. März 1856 mit zwei Zöglingen eröffnet, hat im Laufe von 50 Jahren 457 Waisen das Elternhaus ersetzt, auch hat sie den Aermsten der Armen, den unehelich geborenen Kindern, seit ihrem Bestehen — wenn Platz vorhanden — ihre Tore geöffnet. 46 Zöglinge weilten im abgelaufenen Jahre in der Anstalt. Hiervon waren 23 aus Westfalen, 23 aus der Rheinprovinz, und zwar 32 Knaben und 14 Mädchen. Bei einer Revision der Anstalt sprach Landrat v. Laer sich sehr lobenswert über die Einrichtungen unseres Hauses aus und gab dieser Anerkennung in folgendem Schreiben Ausdruck: „Nachdem ich gestern eine Revision des Waisenhauses vorgenommen habe, nehme ich gern Veranlassung, dem Kuratorium namens der Staatsbehörde für die im Interesse der Erziehung und des Unterrichts der Waisenkinder aufgewandte Mühe und Fürsorge die volle Anerkennung auszusprechen, v. Laer." Am 1. März 1906 soll das 50jährige Bestehen unserer Anstalt festlich begangen werden. Der Vorstand besteht aus der Vorsteherin Fräulein Paula Marcks und dem Kuratorium Herrn Louis Mahler, Herrn Nikolaus Ransohoff, Herrn Kommerzienrat Emil Paderstein in Paderborn, Herrn Adolf Stern in Bielefeld, für Westfalen; Herrn Oberrabbiner Dr. Horovitz, Herrn Bernhard Simons in Düsseldorf, Herrn Hermann Cohen in M.-Gladbach, Herr Carl W. Simons in Düsseldorf, Herrn Moritz Bayerthal in Krefeld, für Rheinland. 8. Köln, 16. Januar. Der Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden hat hier seine Sitzung abgehalten. Der Vorsitzende, Sanitätsrat Apfel, eröffnete diese und erstattete den Jahresbericht, der ebenso wie der Kassenbericht genehmigt wurde. Dann folgten Referate und Mitteilungen über das Lehrerseminar in Münster, über die Bildung von Regierungsbezirksverbänden, über den Verbandstag deutscher Juden. Zum Schluß wurde folgende Resolution, die allen rheinischen Abgeordneten zugestellt werden soll einstimmig angenommen: 1. Der Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden schließt sich der vom Verein der Deutschen Juden an das Hohe Haus der Abgeordneten gerichteten Denkschrift bezüglich des neuen Scbulunterhaltungsgesetzes vollinhaltlich an. 2. Der Provinzialverband rheinischer Synagogengemeinden erblickt in der Annahme des Schulunterhaltungsgesetzes in der gegenwärtigen Gestalt eine ernste Gefahr für eine ganze Reihe mittlerer und kleiner jüdischer Gemeinden unserer Provinz. Schon wird für den Religionsunterricht von über 500 jüdischen Kindern der Rheinprovinz lediglich durch die beiden Organisationen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und des Rheinischen Provinzialverbandes gesorgt. Die Annahme des Schulunterhaltungsgesetzes wird die Auflösung einer ganzen Anzahl kleiner jüdischer Schulen und damit der betreffenden Gemeinden selber lsür welche der Lehrer zugleich der Kultusbeamte ist) zur Folge haben