Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. Nö. 3. Berlin, 19. Januar 1906. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Pr eis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Pbilippson Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rlosse, Berlin. Lur MaroKKoKonkrrrn?. Berlin, 15. Januar, ährend diese Zeilen in den Druck gehen, wird meinem abgelegenen Winkel Spaniens, in dem an der Meerenge von Gibraltar gelegenen Städtchen Algeciras, Weltgeschichte gemacht. Hier sind die Vertreter der europäischen Kulturmächte zusammengetreten, um über ein weites Ländergebiet mit einer Bevölkerung von mehr als 15 Millionen Menschen zu Gericht zu sitzen. Wie haben sich doch die Zeiten geändert! Einst war das ganz südliche Litorale des mittelländischen Meeres uraltes Kulturland. Abgesehen von Aegypten mit seiner sich im Nebel der Jahrtausende verlierenden Vergangenheit haben. semitische Stämme an den südwestlichen Ufern des Mittelländischen Meeres, nicht allzuweit von Marokko, im IX. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Stadt Karthago begründet, deren glanzvolle Knltur das ganze weite Gebiet des Mittelmeerbeckens jahrhundertelang erhellte. Die Eroberung Karthagos durch die Römer hat die von den Phöniziern am Rande des schwarzen Erdteils festbegründete Kultur nicht zu unterdrücken vermocht, und Jahrhunderte hindurch blieb das ganze Nordafrika eine Pflanzstätte menschlicher Bildung und Gesittung. Endlich am Beginn des Mittelalters war Marokko, das inzwischen in das von den Jüngern Mohammeds errichtete Weltreich mithineinbezogen wurde, der Ausgangspunkt für jene kühnen Eroberscharen, die unter Tarik im Jahre 711 über die Meerenge von Gibraltar setzten, ganz Spanien im Sturm eroberten und eine Zeitlang die europäische Christenheit schwer bedrohten. Zwar gelang es dem Franken Charles Martell, ihnen auf dem Schlachtfelde von Tours im Jahre 732 eine furchtbare Niederlage beizubringen und sie ans Spanien zurückzuwerfen. Hier aber blieben sie bis zum Ende des Mittelalters im festen Besitz des Landes, wo sie langsam und allmählich, dem Kriegshandwerk entsagend und sich friedlichen Beschäftigungen zuwendend, eine. helle Sonne bildeten, die weit in das finstere und unwissende Europa hineinleuchtete. Und jetzt? Das einst so reiche Marokko, der alte Sitz menschlicher Kultur, ist, allmählich tiefer abwärts gleitend, von seiner ehemaligen glanzvollen Höhe in tiefste Barbarei und Unwissenheit gesunken. Und dasselbe Europa, das vor kaum mehr als 1200 Jahren vor ihm zitterte, hat jetzt seine Vertreter nach Algeciras geschickt, um über die Nachkommen Tariks zu Gericht zu sitzen. Es ist dabei ein tragisches Geschick, das uns an die Vergänglichkeit allen irdischen Glanzes erinnert und auch di« europäischen Mächte mahnen sollte, nicht allzusehr auf ihre Kultur zu pochen und Marokko ein milder Richter zu sein. Die Entwicklung der Menschheit setzt sich eben nicht in grader Linie fort, sondern bewegt sich im Zickzackkurs. Gleichviel! Jetzt sitzt Europa auf dem Richterstuhle, während Marokko auf der Anklagebank Platz nehmen muß. Das Land ist gänzlich verarmt, die unwissende, fanatische Bevölkerung unfähig geworden, die reichen Naturschätze des Bodens zu heben, vegetiert im Jammer und Elend. Wie das Land, so auch seine Regierung. Der Maghzen hat weder die Mittel ein europäisch geschultes Heer zu bewaffnen und zu unterhalten, noch vermag er seine Beamten zu bezahlen und das Land nur einigermaßen ordentlich zu regieren. Ueberall herrscht Anarchie. Die einzelnen Stämme erheben sich bald gegeneinander, bald gemeinschaftlich gegen den Oberherrn in Fez. Ewiger Krieg, Unruhen und Anarchie überall. Die in Marokko selber herrschenden Wirren ziehen die umgebenden Länder weit und breit in Mitleidenschaft. Wie ein kleines Geschwür sich dem ganzen Körper seines Trägers fühlbar machen kann, so müsien bei den heutigen Verkehrsverhältnifien und der gegenseitigen lebhaften Beziehungen der Länder und der Völker zu einander die in einem Lande herrschenden Zustände auch im Nachbarlande und weit darüber hinaus lebhaften Widerhall finden. In der Tat klagen die in Marokko lebenden Europäer fortwährend über die Beeinträchtigung ihrer Interessen, über Mißhandlung und Vergewaltigung der fremden Untertanen in diesem Lande. Spanien ist genötigt, räuberische Einfälle der marokkanischen Stämme fortwährend zurückzuweisen, und das Algier beherrschende Frankreich muß auf seiner algerisch-marokkanischen Grenze schon bald ein Jahrhundert lang ein stehendes Heer unterhalten, um zu verhindern, daß die unaufhörlich in Marokko tobenden Unruhen nicht auf Algier hinüberspielen. Von allen Völkern, die unter den gegenwärtigen Zuständen in Marokko schwer leiden, hat keines soviel Ursache zur Klage wie die Juden, von denen dort 150 000, nach andern Angaben gar 500 000 wohnen, viel zu viel, um unbemerkt im Lande zu verschwinden, und viel zu wenig, um daselbst eine achtunggebietende Macht darzustellen. Wie überall im Mittelalter und wie in Rumänien, Rußland und Galizien noch jetzt, haben die Juden auch in Marokko unter der im Land herrschenden Mißwirtschaft am schwersten zu leiden. Nicht nur ist ihnen der dauernde Aufenthalt auf dem flachen Lande streng untersagt, nicht nur dürfen sie außerhalb der Städte kein Grundeigentum erwerben, nicht nur werden sie in Ghettos gepfercht, sie müssen noch bis auf den heutigen Tag den gelben Fleck resp. Kleidungsstücke tragen, die sie auch äußerlich als Juden kenntlich machen. Der Mord eines Juden ist jedermann gegen