Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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sation hat Bauer Bedeutsames geschaffen. 1881 gründete er die „Oesterreichisch-ungarische Kantorenzeitung" und gab die erste Anregung zur Gründung des „Oesterreichisch-ungarischen Kantorenvereines", einer zum Wohle berufsunsähiger Kollegen sowie der Witwen und Waisen derselben segensreich wirkenden Organisation, welcher-Bauer als erster Vizepräsident angehört. Auch gründete er die' erste „Kantoren-Bildungsanstalt" hier, aus welcher eine große Anzahl Schüler *zn'Kantoren herangebildet wurden. Bauer ist in allen Kreisen sehr beliebt und geachtet. Die Anerkennung seiner vielseitigen Tätigkeit erhielt arn Jubeltage mannigfachen Ausdruck. — Die Wiener Journalistik hat durch das Hinscheiden des Herrn Julius Löwy, des Chefredakteurs des „Illustrierten Wiener Extrablattes", einen herben Verlust erlitten. Seine Romane, seine Erzählungen aus der Geschichte der Stadt, die sich durch lebendige Darstellung auszeichneten, wurden stark gelesen und trugen mit dazu bei, das; Löwy bald zu den volkstümlichsten Journalisten Wiens zählte. Er war aber auch ein Tagesschriftsteller der exzeptionellsten Art, die sich während seiner Kriegsberichterstatterzeit ganz besonders offenbarte. — In Budapest ist am 6. d. M. Siegmund Brodh, der Eigentümer des „Neuen Pester Journal", einer der hervorragendsten ungarischen Journalisten, ein bekannter Wohltäter, Mitglied des Magnatenhauses, im 65. Lebensjahre gestorben. ■ * Von Msh und ssern. Professor Dr. Sigm. Gabriel, Abteilungsvorsteher am ersten chemischen Institut, ist zum Geheimen Regierungsrat ernannt worden — In Schivelbein wurde die 25 jährige Wiederkehr des Tages, an dem die Synagoge eingeweiht wurde, durch eine gottesdienstlich Feier und ein Festmahl würdig begangen. — Gegen den Verfasser des antisemitischen Tafelliedes der Referendare in Breslau, einem dortigen Landgerichtsrat, ist Disziplinaruntersnchung eingeleitet worden. Nach anderen Nachrichten soll er einen Disziplinarverweis bereits erhalten haben. — In Breslau wurde der Geheime Justizrat Freund, in Posen der Justizrat Salz zum Stadtverordnetenvorsteher wiedergewählt. — Die erste Stadt, deren Volkszählungsergebnis vom 1. Dezember d. I. auch nach dem Religionsbekenntnis vorliegt, ist Liegnitz. Es zählt 48045 Evangelische, 0624 Katholische, 829 Juden, 212 Andere unbekannter Religion. Während nun die Gesamtbevölkerung der Stadt in den letzten fünf Jahren um 4828 Personen 9 Prozent Zugenommen, hat die jüdische Bevölkerung um 48 Seelen abgenommen, also um mehr als 5 Prozent. — In Glogau wurde Herr Jmanuel Landsberger — ein um das Wohl der Stadt und nicht minder um die gedeihliche Fortentwicklung der Synagogengemeinde hochverdienter Mann — einstimmig zum Stadtrat gewählt und von der Regierung bestätigt. — In Halle a. S. ist am 9. d. M. der Chef des altangesehenen Bankhauses Apelt und Sohn, Meyer Apelt, ein weitbekannter Wohltäter gestorben. — In Hamburg ist Louis Wolfs, der Seniorchef der bekannten Zigarrenfabrik L. Wolfs im Alter von 70 Jahren gestorben. Wolff war ein echter Selfmademan. Die von ihm begründeten Fabriken beschäftigen jetzt über 2500 Personen. -- In Hamburg feierten am 28. v. M. der allgemein beliebte und geachtete Prediger Dr. David Leimdörfer und dessen sympathische Gattin unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise aus Stadt und Gemeinde ihre silberne Hochzeit. — Die israelitische Gemeinde München hat die Mittel zum Neubau einer Synagoge genehmigt. Mit der Plananfertigung wurde Diplomarchitekt Johannes Kronfuß. em Münchener, betraut. Vorerst wurde der Betrag von 300,000 Mark für Bauzwecke bereitgestellt. — In München fand ein von dem Fabrikanten Josef Thannhäuser veranstaltetes Wohltätigkeitsfest zum Besten des russischen Hilfswerkes statt, bei dem die hervorragendsten Kräfte mitwirkten und'das^den ansehnlichen Ertrag von 15 000 Mark für ben edlen Zweck brachte. — Im April d. I. wurde in Kaufbeuren die Stelle einer protestantischen Hebamme zur Besetzung ausgeschrieben. Es scheint sich niemand gemeldet zu haben, da das Ausschreiben jetzt erneuert wurde. Es geht doch nichts über Parität! — In Fo rb ach ertönten auf der Hauptstraße wüstis, antisemitische Schimpfereien. Ein Reisender und mehrere Bergleute schrieen u. ö.: „Juden heraus, heraus mit den Juden! Nieder mit den Juden! Auf spitzen Pfählen soll man sie aufspießen!" Dieser grobe Unfug fand seine Sühne in einer Geldstrafe von 60 Mark gegen den Führer und je 15 Mark gegen die übrigen Teilnehmer. Die Radaumacher kamen verhältnismäßig so glimpflich davon, weil die Staatsanwaltschaft wegen der starken Betrunkenheit der Leute zu deren Gunsten annahm, daß sie nicht die ernste Absicht hatten, zu Gewalttätigkeiten aufzureizen. — In Rom versammelte Fürst Odescalchi in seinem Palaste eine Anzahl von Senatoren, Abgeordneten und Mitgliedern der Aristokratie, um den Grund zu "einer größeren Protestaktion gegen die Verfolgung der russischen Juden zu legen. Die Versammlung schloß mit der Wahl einer vorbereitenden Kommission. — Der König von Schweden hat, wie uns aus Stockholm berichtet wird, den Justiziar der Flotte Henrik Wolff, Sohn des verstorbenen Rabbiners in Gothenburg Dr. M. Wolff, zum Expeditionschef (Ministerialdirektor) des Marineministeriums mit dem Range eines Generalmajors ernannt. Zu solch hoher Beamtenstellung ist bis jetzt in Schweden kein Jude gelangt. — Durch Beschluß des Ministerrats sind die Vorschriften für die Berechtigung der Juden und Ausländer, in Rußland Handel und Gewerbe zu treiben, vereinfacht worden. — Bei der Revolte in Windau erwarb sich der Jude Behrmann aus Mitau große Verdienste, indem er die zur Abreise genötigten Familien v. Buchholz und Baron Grotthuß-Passeexten vor der Raublust des Pöbels schützte. Sie waren einige Tage vorher an der Abfahrt mit Schiff vom Pöbel gehindert worden. — „Der Fraind", die große im Jargon - Deutsch erscheinende Tageszeitung in Petersburg, ist von der Regierung verboten, der Herausgeber und Redakteur Ginzburg ist verhaftet worden. An Stelle des „Fraind" erscheint im gleichen Verlage eiue neue Tageszeitung: „Das Leben". — In Goro dischtsche kam es am 31. Dezember zu einer Judenhetze. Tags darauf wurde sie unterdrückt. Wahrscheinlich war nichts mehr zu tun! — Zwei russische jüdische Flüchtlinge, denen mangels an Ausweispapieren das Ueberschreiten der rumänischen Grenze verwehrt wurde, wurden bei Ungheni von Kosaken an Pfähle gebunden und bei lebendigem Leibe verbrannt. — In Petersburg ist der Geheimrat I. I. Eliasberg gestorben, der seit 1883 im Staatsdienst war, um das Lokalrecht der Ostseeprovinzen sich große Verdienste erworben hat, und dem der russische Finanzminister selbst im Regierungsblatt einen mit seinem Namen Unterzeichneten Nachruf voll warmer Anerkennung widmet, obwohl der Mann bis zum Tode Jude geblieben ist! — Die russische Regierung beabsichtigt den Juden das Recht zur Beteiligung an den Kommunälwahlen zu gewähren. Laut Bestimmung dieses Gesetzes dürfen die außerhalb des Ansiedlungsrayon wohnenden Juden an den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung ohne alle Einschränkung teilnehmen. Im Ansiedlungsrayon dürfen sie aber höchstens 50 Prozent aller Stadtverordneten wählen, während die anderen 50 Prozent selbst in Städten mit 80 Prozent Juden der christlichen Minderheit Vorbehalten bleiben. Ferner hat der Justizminister dem Senat vorgelegt, alle Prozesse gegen Juden, die sich zu Unrecht außerhalb des Ansiedlungsrahon niedergelassen haben, einstweilen auszusetzen, was auf die geplanten Erweiterungen des jüdischen Wohnrechts schließen läßt. Endlich wird der finnländische Reichstag sich demnächst mit der Frage der Gewährung der vollständigen Gleichberechtigung an die Juden in Finnland befassen. Sollte wieder etwas wie eine neue Anleihe in Sicht sein? — Die „Kölnische Zeitung" brachte dieser Tage aus Odessa die Meldung, daß die für die dortigen Juden eingegangenen Hilfsgelder zu revolutionären Zwecken verwendet würden. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat natürlich diese alberne Erfindung sofort energisch dementiert. Einer Deputation, die in dieser Angelegenheit Witte besuchte, erklärte dieser, es handle sich um „ein lächerliches Mißverständnis" (?) und es sei zu bedauern, daß der uneigennützigen, nützlichen Tätigkeit der Hilfskomitees im Auslande auf solche Weise Schwierigkeiten bereitet würden.