Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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unserer Glaubensgenossen in Nußland ergeben, einberufen, welche aw 4. Januar 1906 hier stattfinden wird. Für die Konferenz, zu welcher alle Hilfsorganisationen je zwei Delegierte entsenden, ist vorbehaltlich weiterer Beratungsgegenstände folgende Tagesordnung in Aussicht genommen: 1. Antrag der „Israelitischen Allianz" in Wien: Besprechung der Durchwanderungs- und Auswanderungsfragen angesichts der Anstauung russischer Massen in Oesterreich; 2. Antrag Frankfurt: Unterbringung russischer Waisenkinder; 3. Verwendung der vorhandenen und Sammlung neuer Mittel. — Zugleich erläßt das zionistische Aktionskomitee die Einladung zu einer am 29. Januar 1906 in Brüssel stattfindenden Konferenz. Ein von dem Vorsitzenden, Herrn D. Wolfsohn-Köln, unterzeichnetes, an die dem russischen Hilfswerk gewidmeten Körperschaften und an hervorragende Einzelpersonen gerichtetes Rundschreiben gibt als einzigen Punkt der Tagesordnung an: Die Lage der Juden in Rußland. Hoffentlich läßt sich eine Vereinigung der beiden Konferenzen im Interesse der Sache erzielen. Gesterretch-Ansarn. A Wien, 1. Januar. Wie ich Ihnen.schon gemeldet habe, ist hier der bekannte Architekt Baurat Max Fleischer im Alter von 64 Jahren gestorben. Der Name dieses Meisters, der ein Schüler Schmidts war, ist eng mit der baulichen Entwicklung unserer Stadt verknüpft, denn nicht allein, daß er am Bau des Rathauses mitgearbeitet, hat er auch sonst noch namhafte Bauten ausgeführt, und hat sich vornehmlich als Tempelerbauer einen berühmten Namen gemacht, er hat nebst zahlreichen anderen Bauten die Tempel im VI., VIII. und IX. Bezirk sowie auch außerhalb Wiens in Budweis, Lunden - burg. Pilgram die Gotteshäuser geschaffen. Nicht minder eifrig nahm er an den Arbeiten des vom Baurat Stiaßny ins Leben gerufenen „Museum für die Denkmäler und die Geschichte der Juden" teil. Im Interesse des Museums, dessen Schriftführer er war, hat er auch viele öffentliche Vorträge gehalten. Als Vorstandsmitglied der israelitischen Gemeinde und als Präsident des Mariahilf-Neubauer Tempelvereines hat er sich durch mannigfache Referate Verdienste erworben. Seine vielfache Tätigkeit im öffentlichen Dienste verhinderte ihn nicht, auch in privaten Vereinen auf dem Gebiete der Wohltätigkeit und der Kundgebung edler Gesinnungen sich zu bewähren. Der Kaiser hat ihm das goldene Verdienstkreuz und den Banratstitel verliehen, die Gemeinde Wien hat ihm das Bürgerrecht zuerkannt. An einem der Eingänge zur Volkshalle des Rathauses ist sein Porträt in Stein ausgeführt. Seine letzte Ruhestätte, eine gotische Gruft, hat er sich bei Lebzeiten noch bauen lassen. Fleischer ist in Proßnitz in Mähren am 29. März 1841 geboren und hat in Wien seine technischen Studien absolviert. Er war ein Schüler Van der Nülls, Siccardsburgs und Friedrich Schmidts. Keiner seiner Lehrer hat so tiefen Eindruck aus ihn gemacht wie Schmidt, und zwar nicht bloß als Lehrer, sondern ebenso sehr als Mensch. Sie standen wie Vater und Sohn zueinander und später wie zwei innig verbundene Freunde. — In Triest feierte der Oberrabbiner Melli sein 50jähriges Amtsjubiläum. Der Vorstand gratulierte korporativ am Freitag und überreichte ihm ein Ehrengeschenk. Freitag abends und Samstag waren alle Tempel festlich illuminiert und durch ein zahlreich erschienenes Publikum gefüllt. Im Tempel (Scuola granda) hielt Dr. Brettholz eine kurze Ansprache an die Erschienenen. Der Oberbürgermeister Dr. S. de Sandrinelli gratulierte dem Jubilar herzlich zu seinem Ehrentage. — Vor der Synagoge in Smichyw bei Prag kam es zu großen Ausschreitungen. Etwa hundert Personen rotteten sich zusammen und bombardierten die Synagoge mit Steinen. Als die Sicherheitswache einschritt, wurden die Steine gegen sie geschleudert. Erst nachdem sie Verstärkung erhalten hatte, gelang es ihr, die Exzedenten zu verjagen. — Aus Einladung des Reichsratsabgeordneten Dr. Byk fand in Lemberg eine vertrauliche Konferenz sämtlicher jüdischer Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Galiziens sowie der Vertreter der größeren Kultusgemeinden und anderer jüdischer Vertrauensmänner aus ganz Galizien statt, in welcher zur Frage der Wahlreform respektive der Kreierung einer speziellen jüdischen Wahlkurie und Schaffung der jüdischen Autonomie Stellung genommen werden sollte. Nach mehrstündiger Beratung gelangte eine Entschließung zur Annahme, in welcher sich die Versammelten gegen die Errichtung einer jüdischnationalen Kurie und Schaffung der jüdischen Auto¬ WWWWWGWW norme aussprachen, weil fte dieselben für die Zwecke der Verteidigung der jüdischen Interessen und der Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern dieses Staates für schädlich halten, und zugleich die jüdischen Reichsratsrespektive Landtagsabgeordneten auffordern, dahin zu wirken, daß sowohl für den Reichsrat als auch für den Landtag in der neuen Wahlordnung nur allgemeine Wahlbezirke errichtet werden. Bon Aah und Jfm. Die Blätter melden die abermalige Begnadigung des antisemitischen Hetzgrafen Pückler- Klein-Tschirne zu Festungshast. Derselbe wurde am 13. Januar v. I. von der Strafkammer des Berliner Landgerichts I wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten in Versammlungen und hetzerischen Flugblätter zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist, nachdem das Reichsgericht die Revision verworfen, im Mai rechtskräftig geworden. Und jetzt erfolgte die Umwandlung der Gefängnisstrafe in Festungshaft! - Dr. Ferdinand Karewski, langjähriger Leiter der chirurgischen Klinik des jüdischen Krankenhauses, hat den Titel Professor erhalten. — Der Bankier Emil Salo mon hat den Titel Kommerzienrat erhalten. — Am 29. v. M. ist hier der emeritierte Rabbiner Dr. W. Wolfssohn im 79. Lebensjahre gestorben. Derselbe war früher Rabbiner in Aachen und Pommersch-Stargard. Ehre seinem Andenken! — In Sachen des von uns mehrfach erwähnten antisemitischen Tafelliedes des Vereins christlicher Referendare in Breslau ist die disziplinarische Voruntersuchung eingeleitet worden. — Der verdienstvolle Vorsitzende des Vereins sür jüdische Geschichte und Literatur in H ohensalza, Herr Rentier Louis Sandler, beging in voller Rüstigkeit und seltener Geistesfrische seinen 79. Geburtstag, bei welchem Anlasse dem Jubilar viele Ehrungen zuteil wurden. Der gesamte Vorstand des jüdischen Frauenvereins war zur Beglückwünschung in der Wohnung des Herrn Sandler erschienen und überreicht ihm zwei kostbare Blumenbuketts. Möge es Herrn S. noch lange beschieden sein, in gleich gedeihlicher Weise wie bisher zu wirken! —- In Rakel ist am 26. v. M. Herr Samuel Salomon gestorben, der der dortigen Gemeindebehörde lange Jahre hindurch als Mitglied und Vorsteher angehört hat. — In Kreuz bürg ist der Vorsitzende der Synagogengemeinde Herr Gotthold Proskauer im 64.Lebensjahre gestorben. — Zn Magdeburg ist am 28. v. M. die Rabbinerwahl resultatlos verlaufen, da keiner der Kandidaten die erforderliche dreiviertel Mehrheit auf sich vereinigen konnte. — Die jüdische Gemeinde zu Danzig hat beschlossen, gemäß dem Vorschläge des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes eine Stellenvermittlung zu organisieren. —- In der Generalversammlung der israelitischen Kultusgemeinde in Bamberg wurde der Neubau einer Synagoge, vorläufig ohne Orgel, beschlossen. Die Kosten sind auf 300 000 Mark veranschlagt. — In Mainz hat die Bürgermeisterei beschlossen, den verstorbenen Rentnern David und Simon Kapp, die ihr ganzes Vermögen, nahezu 600000 Mark, der Stadt Mainz zu wohltätigen Zwecken hinterlassen haben, au? dem israelitischen Friedhole nach den Bestimmungen des Testaments ein Denkmal zu setzen. — Der Vorstand der Abteilung Mainz des „Weltbund zum Schutze der Tiere" hat eine von dem Vorstande des Tierschutzvereins unterstützte Eingabe an den Magistrat gerichtet, nach welcher das Schächten der Schlachttiere ohne vorherige Betäubung der Tiere verboten werden möge. Die Eingabe wurde der Schlacht- und Viehhof-Deputation unterbreitet. — Der schwedische Konsul Bernhard Lang in Nürnberg hat in Anbetracht seiner 30jährigen Dienstzeit den Nordstern-Orden 1. Klasse erhalten. — Rabbiner Wolfs in Chaux de Fonds ist zum Lektor für Arabisch und Syrisch an der Akademie in Nenchatel gewählt worden. — — Die Alliance Israölite Universelle überwies dem Russo- Jewish-Committee in London 500 000 Mark sür die Hilfskomitees in Rußland. — Die anläßlich des Leichenbegängnisses von Zadoc Kahn in Paris anwesenden Rabbiner mehrerer großen, jüdischen Gemeinden Frankreichs haben die Gründung eines Vereins beschlossen, welcher die brüderlichen Beziehungen zwischen den Amtsgenossen pflegen und die gemeinsamen Interessen wahren soll.