Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Passierten, wurden eingefangen und in Reih und Glied wie-eine Marschkompagnie von Verbrechern zur Polizei gebracht. Auf dem Wege wurden sie vom Pöbel mit Hohn- und 'Spottzurufen begleitet. Beim polizeilichen Verhör wurde einem galizischen Juden, der erst vor wenigen Stunden gekommen war, in schroffer Weise erklärt, die „polnischen" mögen es unterlassen nach Budapest zu kommen, worauf der Betreffende erwiderte, die ungarischen Behörden mögen die „Freundlichkeit" und den Mut haben, dies vor aller Welt öffentlich bekanntzumachen und nicht die galizischen Juden aut der Straße wie Hunde einzufangen. Ein anderer gab ebenfalls in scharfen Worten seiner Entrüstung über die unmenschlichen Behandlung der Flüchtlinge Ausdruck, indem er die Flüchtlingshehe, einen Skandal nannte, wie er nur im zaristischen Rußland Vorkommen konnte! Er wurde ins Schubhaus gebracht! Die Jagd auf die Flüchtlinge wurde heute schon in den ersten Morgenstunden fortgesetzt, als sich die Flüchtlinge zum Beten in die Synagogen begaben, von wo sie samt ihren Gebetmänteln und Teffilinbeuteln von der Polizei „abgeholt" wurden. Auch in den Wohnungen der Flüchtlinge wurden heute früh ,„Razzias" abgehalten. Dabei wurden die Wohnungen von den Detektivs und Militärpolizisten einfach gestürmt. Um den unglücklichen, völlig unschuldig verfolgten Flüchtlingen eine Rettung durch die Flucht unmöglich zu machen, wurden ganze Gassen durch bosnaische Militärpatrouillen abaesperrt, und so konnte die Jagd, ähnlich wie die berühmten „Oblawas" in Rußland — ruhig und sicher vonstatten gehen. Hat sich wirklich ein Stück des zaristischen Rußlands nach Budapest verschleppt?" Von Sah und ssmr. — Der im Juni dieses Jahres von den Gemeindebehörden zum Prediger für die Synagogen mit Orgel gewählte Rabbiner Dr. L o e b aus Karlsruhe wird am l. Januar 1918 sein Amt antreten. Die Antrittspredigt soll am 5. Januar in der Synagoge Lützowstraße stattfinden. Der neue Prediger ist 3884 in Bruchsal geboren. Er -empfing seine theologische Ausbildung am Jüdisch-Theologischen Seminar zu Breslau und au der Lehranstalt für die Wisienschaft des Judentums in Berlin. Den Repräsentanten der indischen Gemeinde Emil Eo h n und B e n a s L e v h ist das Berdienstkreuz für Kriegshilfe verlieben worden. Beide Herren betätigen sich eifrig in der im August 1914 begründeten Kriegshilfskmmnission der jüdischen Gemeind". Die gleickte Auszeichnung erhielten Herr Hugo Blankenburg, Mitglied des Gemeindevorstandes, und Flrau Justizrat Rosa Lilienthal, die ebenfalls der Kriegshilfskommisfion seit ihrer Begründung angehören. — Die feierliche Einführung des von den Gemeindebehörden als Nachfolger des Professor Dr. James Israel zum Direktor der chirurgischen Abteilung des jüdischen Krankenhauses gewählten Geheimen Sanitätsrats Professor Dr. Ferdinand K arewskr findet am 13. Januar im Krankenhause statt. — Am 1. Januar begeht der in weiten Kreisen bekannte Chorleiter der Reuen Synagoge, Kapellmeister Alb. Keller mann, sein 25jähriges Amtsjubiläum. — Der Zentralverein deutscher Staatsbürger indischen Glaubens hat vorletzten Sonntag in Berlin eine erweiterte Vorstcmds-sitziing abgehalten, in der zu Vorsitzenden die Herren Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Justizrat Dorn und Bankier Ernst Wallach einstimmig gewählt wurden. Ferner wurde eine Reihe von politischen und organisatorischen Fragen eingehend besprochen. — Der Bankier Ludwig B e r l in Berlin ist in den österreichischen Adelsstand erhoben worden. — Dr. Arthur Oppenheim in Deutsch-Krone, dem vor kurzem die Rote-Kreuz-Medaille 3. Klasse verliehen wurde, ist zum Sanitätsrat ernannt worden. — Am 11. d. M. fanden in Breslau die Repräsentantenwahlen der jüdischen Gemeinde statt. Die Zahl der Wahlberechtigten betrug 3669, von denen nur 620 ihr Wahlrecht ansübten. Das Wahlergebnis hat keine Ueberraschungen gezeitigt, da die Wahl der von beiden Wahlvereinen aufgestellten Kandidaten vorauszusehen war. — Einen Vortrag über Synagogenmusik hielt im Dresdener Verein für jüdische Geschichte und Literatur Dr. Leo Fautl, der sich durch die Dresdener Institution der Synagogenkonzerte bekanntgemacht hat. Mit gut gewühlten solistischen und Chorbeispielen zeigte er die beiden Empfindungsrichtungen: das trauerbeladene Ostjudentum, dessen Gesänge in Moll auch in dein Dresdener Gottesdienst vorherrschen, und ihm gegenüber den süddeutschen Ritus in Dur, der das deutsche Volkslied stark in sich ausgenommen hat. Kompositionen von Hofstein (Dresden), Rubin (Prag) und Kirschner (München) erläuterten stimmungsvoll die verschiedenen Stile jüdisch-religiöser - Kompositionen!. — Wie das „Dortmunder Tageblatt" schreibt, suchte die dortige Geschäftsstelle der deutschen Vaterlandspartei (Ostwall 31, Bureau der Nationalliberalen Partei) durch die „Dortmunder Zeitung" eine Stenotypistin und verlangte unter anderem auch Angabe der Konfession. Bisher konnte mall der Meinung sein, daß die Vaterlandspartei konfessionelle Gegensätze ansgesckMtet hätte. - Dieses scheint jedoch nicht der Fall zu fein, denn sonst ist -es doch nicht recht verstämdlich, daß man gerade für diesen so „wichtigen" Posten besonderen Wert auf die Konfession legt. Will man etwa eine Jüdin oder gar eine Katholikin nicht haben? Es wäre interessant. Näheres darüber zu erfahren. -- Bei den in Frankfurt a. M. stattaehabten Ausschußwahlen zur israeliticheu Gemeinde wurden gewählt die Herren Bankier Albe r t C a h n . Snnitätsrat Dr. W. Ludwig , H a n a n und Kaufmann- R. I. Michael. -- Die Prager Kultnsgemeind? hat zlMl Prediger der M-eisel-Svnagoge und gleichzeitia zum Gemeinderabbiner Herrn Professor Dr. Julius Re ach bestellt. Dr. Reach ist gebürtiger Prager. — In Turin ist Ober i rabbiner Professor Ginsepve Foa gestorben. Er wirkte zuerst <tU Lehrer in Asti, dann in Turin im Institute Colonna e Finzi. In Jahre 1895 begann seine Tätigkeit als Rabbiner in Turin, 1902 wurde - er zum Oberrabbiner ernannt. Doch uacb kaum einem Jahre verzichtete er infolge einer schweren Krankheit auf das Rabbinatsamt. was ihn nicht daran hinderte, mit . Rat und Tat für das Wohl der Gemeinde zil arbeiten, insbesondere stir die Unterrichts- und Wohltütigkeitsaustalten. Seine Schüler, die ihn innig liebten, werden nicht so bald seiner vergessen. — Dem „Goniec wieczorny" zufolge sind voll Salomo« Montag« ans London etwas über 150 000 Mark für arme Juden im Königreich Polen et «petr offen. Derselbe Herr Montaau hat bereits früher für den gleichen Zweck 140 000 Mark nach Warschau geschickt. — „Gazeta Polska" (Doinbrowa) meldet, daß viele Warschauer I u d e n an den Regentschaftsrat Gesuche lfm Polomsierung ihrer Familiennamen gerichtet haben. Die Gesuche werden damit begründet, daß die Juden als Bürger Polens sich durch den Klang ihrer Namen nicht von den polnischen Mitbürgern unterscheiden wollen. — Die englischen Konsuln in Rußland versuchen jetzt, in den Provinzstadten Straßenumzüge der russische jüdischen Zionisten zu organisieren, um dabei den „Dank des jüdischen Bolkes an die englischen Soldaten Allm Ausdruck zu bringen, aus deren Händen die Juden Palästina erhalten sollen". Diese Dankesformdf figuriert nämlich in recht verdächtiger Uebereinstimmuug in allen Resolutionen, die die bisherigen Umzüge in Berditschew, Odessa und einigen anderen Orten gefaßt und den britischen Konsulaten übermittelt hatteil. Angesichts dessen habell die beiden größten jüdischen sozialistischen Organisationen in Rußland, nämlich „Poale Zion" lind der „Bund", Aufrufe erlassen, in denen die jüdischen Sozialisten Rußlands aufgefordert werden, sich von derartigen Demonstrationen, die als durchaus unzeitgemäß und kriegshetzend bezeichnet werden, sernzuhalten. —- Von zionistischer Seite in London erhält das Kopenhagener Bureau der zionistischen Organisation eine Mitteilung über die Lage der jüdischen Kolonien in -dem von der türkischen Armee geräumten und von der englischen Armee besetzten Gebiet Palästinas. In diesem Telegramm wird bestätigt, daß die türkische Armee bei ihrem Rückzug die Einwohner unbelästigt zurückgelassen hat, und daß die Gebäude unbeschädigt zurückgeblieben sind, so daß die Lage der jüdischen Kolonien sehr beruhigend ist. Es wurden nur Vorräte und Arbeitstiere mitgenommen. Es herrscht keine Hungersnot. — Die amerikanische Regierung verlangte, so berichtet die „Godzina Polski", für Gelder, die aus Amerika nach Polen kommen, die Kontrolle eines neutralen Staates, und vom zionistischen Komitee in Amerika wurde die dänische Regierung vorgeschlagen. Dieser Vorschlag sei angenommen und das Geld in Höhe vo.n 74 739 Dollar der amerikanischen Gesandtschaft in Kopenhagen übersandt worden. Das Geld werde demnächst zur Verteilung an die Angehörigen der Absender gelangen. Der Inseratenteil unserer heutigen Nummer enthält eine Anzeige der Deutschen Bank mit dem Verzeichnis ihrer Depositenkassen in Berlin und Vororten. , Verantwortlicher Redakteur: Albert Äatz in Berlin-Pankow, Florajtraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friede *u. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.