Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 9 (28.4.1922)
- Date
- 1922-04-28
- Page
- Seite 105 (sequence 10)
- Language
- German
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zu reisen, allein es gab trotzdem genug Vorbereitungen, für all diejenige», die nn kaiserlichen Gefolge waren. Jener Teil des Palastes jedoch, den 'der Kaiser selbst bewohnte, lag in tiefster Ruhe, nur der gleichmäßige Schritt der germanischen Leibwache, die vor den kaiserlichen Gemächern postiert war, hallte durch die Stille der Nach 7. Agrippina, die älteste der Schwestern des jungen Eajus. hatte sich bereits zur Ruhe begeben; Julia und Drustlla jedoch. die den Augenblick herbeigesehnit hatten, wo die hochmütige. verschlossene Agrippina sich in ihre Gemächer zurückziehen werde, verweilten noch im Gemach. Jetzt hatten sich die Vorhänge hinter den Begleiterinnen Agrippinas geschlossen, aus einen Wink Drusillas hin verließen auch ihre Dienerinnen den Raum, und die beiden Mädchen waren allein. Und nun war cs auch mit all der mühsam behaupteten Fassung vorbei, die sie sich am Tage und in Anwesenheit des KaiesrS auferlegen mußten — galt es ja. Frohsinn zu heucheln und die köstlichste Laune zur Schau zu tragen. Wahrlich die Tage, die der Abreise vorangingen, waren qualvolle gewesen für das Herz der trostlosen Julia und der ihr in schwesterlicher Liebe anhängenden Drusilla. Agrippina freilich, die trotz ihrer Jugend stets so sonderbar in sich gekehrt war. die in ihrem ehrgeizigen Kopfe die HSchstsliegcnden Pläne für die Zukunft nährte, hing wie sonst schweigend ihren Gedanken nach, aus denen sie zuweilen eine scherzhafte Bemerkung des Kaisers riß; denn Tiberius. der finstere, starre Menschen- Hasser, war jetzt in der denkbar besten Laune; galt es ihm ja für das größte Bergnügen sein geliebtes Jnselreich aufruslichen. um - - , WargnädiaeL LauneWWHßteffdiese notgedrungen auf seine Umgebung wirkend WennLauch die meisten der um den ^wrrscher Versammelten sich schwer von ihrem geliebten Rom trennten, um Den Aufenthalt auf dem unwirtlichen Felseneiland mit dem vergnügten abwechslungsreichen Leben in der Weltstadt zu vertauschen, so durste es doch niemand wagen, feinen wahren Gefühlen Ausdruck zu geben, ja eS galt sogar, sich übermäßig auf die Reise und das dadurch bedingte engere Beisammensein mit dem geliebten Herrn zu freuen-,-^ . > Am besten gelängldiefeWerstellung dem von Natur, aus . jo!Muchlnische»Mi^MMit4felneü^SpSßen HmdMeiner Aber dle^schwüle ^^Mg hinwegzuhelfen, in^e^sich die kaiserlich ^miÜe^^^öNeineMrüheÄeMrbMDerMeilte sich den seinen beißenden SpÄ^i^n. sogar ein Lächnn auf die Züge diS finsteren Alten zu zaubern. / Prüfend -ruhte oft Julias Blick auf den Zügen des Bruders. ' Wie vermocht« er es nur. den Kaisyr zu rrhettern. ihm die Stunden des gemeinsamen Mahles-'durch seine Laune zu würzen, während Groll;. Haß uns tiefes Weh in seinem Herzen stritten — sie wußte es sa. verzehrender Haß gegen den starren sinsterM^Aiberius grollte in seinein Jmrern. das Trauer für'den'WAÄÜiUrn^Menrk^ erfüllte, dessen Geschick besiegelt war. All die lange, bange Zelt hindurch, die der Teure im Kerker schmachtete, hatten / sie die Hoffnung genährt, die Gnade dös Kaisers für best Unglücklichen dennoch erwachen zu sehen — wohl durften'sie selbst cs nicht wagen, des Majestätsverbrechers zu erwähnen oder gar um Gnade für den Verfemten zu flehen, allein in der Tiefe ihres Herzens Wähnten sie jetzt den Astgenblick der Rettung nahe, erhofften sie von der milderen Änine des Kaisers Vergebung für den Todgeweihten. / Aber die Tage verstrichen und die Götter versagten ihren Beistand. Ter einzige.,in dessen Händen das Geschick des geliebten Freundes lag, dem Jupiter die Macht verliehen, zu töten — er würde auch vor dieser Schandtat nicht , zurückschrccken. das Blut des jungen Königssprossen zu vergießen. der gefrevclt aus übergroßer Liebe für V'ajus. Der gefürchtete Termin der Abreise ivar näher gerückt; wie ' lähmender Druck lastete die Qual dieser letzten Tage aus ihrem Eemüte. Solange sic noch mit Agrippa Roms Luft atmete, so lange floh die Hoffnung, den Freund befreit zu sehen, nicht aus ihrem Geiste: unermüdlich hatte sie Pläne ersonnen. hatte nach Mitteln gespäht, seine Rettung zn ermöglichen, aber die Pläne waren unausführbar, und jeder andere Verftuh scheiterte an der strengen Beivachung. die über den Gefangenen verhängt war Jetzt war alles zu Ende. Vorbei jede Hoffnung auf Gnade für den Unglücklichen, verschwunden jeder Funke von Zuversicht für feine Rettung vorbei! Vorbei ihr kurzes ' Aebesglück — verflogen der Zn iwer ihrer jungen heißen Leidenschaft — nie. nie mehr sollte sein Arm sie umschlingen, sein Auge mit unermeßlicher Liebe auf ihren Zügen ruhen, nie mehr sollten seine glühenden Lippen die ihren suchen zu heißem, verzehrendem Kusse - nie? ..O Drnsilla. ist'S denn möglich? Ich soll ihn nie Wiedersehen . . .?" ..Meine arme Julia, ergib-ich in das Unabwendbare . . ." „Nein. Druffilla." schluchzte Julia auf. ..noch vermag ich's nicht zu glauben — wie. ich sollte fort von Rom . ..?" „Was nützte es dir. arme kleine Schwester, wenn wir in Rom blieben? Hattest du jemals Hoffnung, ihn wiederzu- 7 „Die Mauern sah ich. Dm ihn umschließen rch n.ntztr ch>, lebend, nach mir bangend — der Morgen «wer soll eine Weit zwischen uns setzen und dort in der Einsamkeit, wo nur jene Nachrichten uns ereile», die Tiberius für gilt hält, zu uns gelangen zu lassen, dort werde ich vor Angst und quälender Sorge um ihn vergehen." „Auch hier in Rom verfolg,! uns der Gedanke an sein unglückliches Ende." „Wer bürgt mir, daß dieses Ende nicht beschleunigt wird. , daß Tiberius nicht, ehe er Rom verlaßt, den Befehl gegeben, das Gräßliche zu vollenden! — O. Drusilla." schrie sie schmerzerfüllt auf. „sprich es aus. ick sehe es, du verbirgst mir etwas ..." »i .LSer der Göttin. ich habe dir nichts zu verheimlichend Sieh, meine Julia," fügte sie hinzu, indem sie die bleichen tränenfeuchten Wangen der Schwester streichelte, „wäre es nicht eine Gnade der Götter, wenn der unglückliche Agrippa von seiner nun mondenlangen Kerkerhaft durch einen sanften erlösenden Tod befreit würde?" „Nein, nein! Sprich es nicht aus! Ich ertrüg's nicht! Ich liebe ihn mit heißer, grenzenloser Liebe und würde ihm in den Tod folgen." .^besinne dich, arme Schwester, du liebst Agrippa. deine Liebe mag wahr und tief sein, allein du bist jung, und, wetten wir. in einigen Monden hat die kleine Julia, der die ganzeschöne Welt von Rom huldigend zu Füßen lirgf. des? fremden Jünglings längst vergessen ..." „Nie werde ich Agrippas vergessen, und habe» die Götter seinen Tod beschlossen.' so falle auch ich ihrem Zorn .. ." „Schäme dich. Julia." sagte verweisend die Aeltere. ..eine Tochter des Germaniciis tötet sich nicht ans blinder Liebe zu einem Fremdling ..." „O Drllsilla. «»lein Herz blutet bei de»» Gedanken, ihn nie mehr zil sehen. Noch ein letztes Mal möchte ich ihn sehen - " Da wurden leise die Türvorhänge beiseite geschoben, und herein trat eine in dunkle Frauenkleider gehüllte Gestalt.