Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 8 (12.4.1922)
- Date
- 1922-04-12
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Siehe. wie groß ist die sonne! Und vor uns der Himmel, uric weit!" -- ..Wir wandern! wir wandern! In liebliche Ferne lockt uns ein Heimatland, schwesterlein. komm! Einen schattenden Kaum wollen wir pflanzen Neben der Hütte, die der Vater erbauet. Und bunte Blumen in umerm Bectlein!" ..schwesterlein, kouun. Wir wandern! Ein Wetter blitzte jux Nacht. Jahwe war es, der leuchtete aus dem Wetter. Jahwe wandelt in ziehenden Wolken voran unferm Wege. Jahwe! Jahwe mit uns! Wir wandern!" Hebräische Kinder singen das neue Lied mit hellen, jubelnden stimmen. Magere, hochbeinige Buben und kleine Mädchen, denen der Meerwind das Haar um die dünnen Hälslein weht, hüpfen über Sand und schlammige" Lachen zum strande hinab, wo die flach heranrvllenden Wellen der Bucht ihnen Oie nackten Füße bespülen, sie lachen und kreischen entzückt. Tann heben sie die Augen, in denen ein allzu früher Ernst verborgen sitzt, und starr neu über die rveite, in grünlichem Silber schimmernde Wasserfläche zum jeuseirigen User, das mit den schroffen Gipfeln des Wvstengebirges kaum erkennbar im Tunst verschwimmt. Tas Volk lagert um die Bucht des schilfmeercs. Zwischen steinen und Sanddünen, im mageren schatten des spärlich verstreuten Strauchwerks schmiegen sich die rrrhenden scharen an den ungastlichen Boden, ern mühseliges und unfrohes Gewimmel in der trcdelhasten Unordnung des mitgeschleppten Grrtes. Jämmerlich klingt das Blöken rrrrd Meckern der Herde, die notdürstig zusammengepfercht von Jünglingen und Knaben gehütet wird. Ringsum dehnt sich die Weite einförmig und ohne Schönheit: vor ihnen das Meer, ein befremdendes Schrecknis, da sie es zum erstenmal erblicken, rechts und links der unwirtliche Küstenstreis mit dünnem Gestrüpp und grauen Rvhrichtmanen zwilchen blendend glitzernden Schlammseen: und im -Kiitfon, ganz fern, die Felsmaucr der westlichen Wüste, wie sie ebeuw starr, mürrisch und unerbittlich vor ihren Augen gestanden hat in allen Jahren ihres Elends. Wo ist hier ein Entrinnend Mose, der mit Aaron und Jezcar am strande entlangschreitet, blickt nach den Kindern und lächelt, als er ein paar Worte des kunstlosen Liedes anffängt. „sie singen, und machen sich ihr unschuldiges Fest daraus - „Tie anderen aber," fällt Aaron ein, „schlafen die Anstrengung der ersten Wandertage gar zu gründlich aus. und ich sah manch einen, der seinen wundgetretencu Fuß sehr wehleidig betrachtete!" „Es ist die begreifliche Erschlaffung nach dem ersten, ungeheuren Krästeaufwand," gibt Mose ruhig zurück. „Ties Volk hat allzu lange auf engem Raum angekettet gesessen; nun bangt es beim Anblick der geöffneten Ferne." „Tie fürchten sich vor der Wanderung um die Meeresbucht," spricht Jezcar. „und nicht ohne Grund! Wir werden einen furchtbar beschwerlichen Weg haben in diesem versumpften und sandigen Gelände. Aber erst jenseits des Waners entrinnen wir endgültig dem ägyptischen Bvden —" Aaron fährt plötzlich herum, wie vou Schreck ergriffen und starrt nach der Richtung, aus der sie gekommen sind. „Nichts! es ist nichts!" murmelt er. sich selbst überredend: und als sie sich nun den Gruppen lagernder Hebräer nähern, trägt er die gewohnte Miene frischer Sorglosigkeit aufs glaubwürdigste zur schau. Brennende Blicke voll banger Ungewißheit fliegen ihnen überall rnws,,»." ivtärn‘nrpiTe fragen. die g'wn Nattnügkeik der Ermüdeten offenbaren' „Mv'e! wie. nun weiter? Was wird aus uns? Und das Meer ill so schrecklich groß —!" Moses ruhevolle stimme durchbricht Oie Klagen mit einem strengen und starken Wort, sie horchen und schweigen; aber er fühlt, sie sind nicht gewonnen. Eine zornige Trauer rvühlt in ihm: wie find sie so kleinmütig! Und warum gelingt es ihm heute nicht, die eigene Zuversicht wirksam unter ihnen auszubreiten? Tie Verzagtheit dicker Seelen lastet bergeschwer auf der seinen. Er winkt Jezear. „Last das Zeichen zum Aufbruch geben! Wir ziehen weiter." „Es ist zu früh, Mose!" warnt Jezear, „sie sind erschöpft, gönne ihnen noch die Nacht zur Ruhe! Und wir kämen ja nicht weit vor Dunkelwerden!" Aber Mose wiederholt den Befehl, „sie sollen sich regen! Ihre Unlust wächst mit jeder tatenlosen stunde." In feinem Blute ist plötzlich ein Fieber, die unheilahnende Hast des Weiterkommens. Ter Hornruf brüllt Durch das Lager. Lärm und Getümmel des Aufbruchs--schwellen-am—Mole.--der einen hochliegenden stein erklommen hat, zwingt sich mühsam zur Geduld; warum dauert es w lange, bis der Zug sich bildet? Wieviel Zeit brauchen sie denn, um das wenige Gerät zrr raffen, das Bich loszupflöcken, die Kinder zusammen Zurufen? Mole sieht Aarons geschmeidige Gestalt bald hier, bald da in der Menge auftauchen, er hört die helle stimme in anfeuernden Lauten rlnd weist; der Unermüdliche wendet schwere Mühe auf. um die zähe Masse der mistlaunig säumenden tu Flu st zu bringen. Endlich! Am äustersten Rande des Lagers scheint der erste Zug sich in Bewegung zu setzen! Staubwolken steigen dort auf. -- doch nein, die kommen von weiter her. ne nähern sich schnell, cs blitzt darin wie von Wanen. - Mose springt vom stein herab, stürmischen Schrittes durchquert er die Menge, da fliegt ihm schon der Knabe Iowa entgegen, angstvolle Erregung in den schönen Zügen. „Krieger des Pharao!" flüstert er. More bedeutet ihm zu schweigen, er winkt Aaron, dem er irgendwo begegnet, zu sich heran, eilig streben sie weiter und haben kaum die letzten Gruppen der zum Ausbruch Rüstenden hinter sich gelassen. als es aus einenr Röhrichtwalde hervorbricht wie eine klirrende Wolke; strebender Sand. Rone, die vom hastigen Lauf dampfen unb am den Streitwagen Männer in blitzenden Harnischen rrnd wild bunten Gewändern — an dreißig Pharaonische Krieger, deren leichte Gefährte so zielsicher auf den Hebräerhaufen zujagen. dast auch der letzte hoffende Zweckel erstirbt. Sie sind heran. Diesmal schreien sie nicht fragend nach Mose, sie erkennen ihn sofort. Ganz Aegypten hat ihn gesehen und schaudernd bestaunt, als er mit seinem Volke durch das Nilland zog. Ter Anführer, der das Wort hat. verschmäht es. abzusteigcn, vom Wagen herab brüllt er feine Meldung, und was er sagt, ist offenbar viel mehr, als der Befehl ihm aufgab, es ist der Wutschrei ganz Aegyptens hinter dem Volk des Unheils, den furchtbar Rätselhaften, die man allzu gnädig entkommen liest. .^Kehret um! Zurück an eure Fronstärten. ihr Unholde! Daß man euch bluten laßt für die Missetat eures finsteren Gottes! Sollen Aeghpter das Tagewerk leisten, das ihr hinter euch ließet? Kehret um! so spricht der Pharao, der Herr ist auch über euch unreines Gezücht!" „Wie bürgst du für dein Wort?" rust Mose zurück. T^r Mann lacht höhnisch auf; „Auch »roch Bürgschaft greift aber doch in seine Brust und bringt die in Gold geschlagene Schrntrolle hervor. Oie er Mose vor die Füße schlerrdert. wie man dein fnihnnHm'n 'vmry cinen vpraisteten BiUen hn'wückt