Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 8 (12.4.1922)
- Date
- 1922-04-12
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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91 «djulfctcr, uuuincii der fügend, der. sein Herz.gehörte, ha: sein Hepz zu schlagen anfgehö.rl,-.Er Hst zum-ewigen Friede» erngegängcn, uns aber hat. ex. in Trauer zurückgelassen. Wenn selbst sein Werk eine würdige Fvxtflihrung finden sollte. io werden wir den rreicen. Freund, den warm fühlenden Menschen und vorbildlichen Jude» schmerzlich , vermissen. Wir trauern um ihn, Ll' H i'u*. unvergänglich dauert sein Andenken fort zum Legen! I. El bogen. Die Vrrjuduny der drutlchrn Literatur. Bon 2. M e i sc l 4 (Wien,. ie Berjudung ist von je der Kasus gewesen, der die Anti- " semiten weinen machte. Tabei kann man nicht einmal sagen, daß die Theorie von der Dcrjud ing eine Wahnvorstellung sei, erzeugt im Gehirne des Toren, denn es gibt recht verständige und kenntnisreiche Leute, die dieses Hirngespinst für eine feststehende Tatsache hinnehmen und aufrichtig überzeugt find, daß das Volk der Dichter und Denker vom Volke des BücheS, wie das Judentum biblisch genannt ist. geistig unterjocht wird. Daß das, was sie Berjudung nennen, letzten Endes nichts anderes sei als die Durchdringung der jüdischen Atmosphäre mit wahrhaft deutschem Geiste, das sehen viele, deren Sinn von Vorurteilen getrübt ist, wirklich nicht: die meisten aber wollen cs nicht sehen aus demagogischen Gründen.. Ich gehöre durchaus nicht zu . denen, die alles verneinen. was ein Antisemit sagt, eben weil es ein Antisemit sagt. Aber was das Lamentieren über die, Berjudung der deutschen Literatur betrifft, so verlohnt es sich wahrlich. einmal in Ruhe und Gelassenheit, ohne Furcht und Zagen, rein sachlich zu betrachten, welche Bewandtnis es in Wirklichkeit damit hat. Die Polemik soll hier weder durch ein Für verschärft, noch durch ein Wider gemildert werden. Ter zu er- . wartende geringe Sieg ist des Kampfes, eitel Luftangriffe sind der Abwehr nicht wert. Es soll hier also nichts bewiesen, nur etwas konstatiert werden. Zunächst folgendes: Maßgebend für das. was deutsch ist. ist nicht der einzelne, und mag dieser einzelne geistig noch so hervorragend sein, sondern das gesamte deutsche Bolk. Das deutsche Bolk besitzt in dieser Beziehung die feinsten Fühl- und Riechorganc; sein Gefühl wird durch keine Reflexion gefälscht. Ob der eine oder der andere den Dichter Heinrich Heine als undeutsch empfindet, was will das besagen? Das deutsche Volk empfindet ihn als deutsch. Manche deutsche Rastefanatiker gehen in ihrer Furcht vor dem Einfluß des jüdischen Geistes so weit, daß sie die jüdisch-christliche Bibel durch eine Germancnbibel ersetzen möchten. Goethe hat hierüber anders gedacht. Dem Studium der Bibel hat er sich, wie bckauul. mit Liebe gewidmet, das Buch Hiob viel fleißiger studiert als die Edda und sich für die liebreizende, so gar nicht zimperliche Moabiterin Ruth weit mehr interessiert als für Kriemhilo. die streitbare Tochtcr des Nordens. Und Goethe war doch sicherlich kein schlechter Deutscher! ... Es gilt allenfalls zu prüfen, wieviel Werke jüdischen Inhalts in der deutschen Literatur ausgenommen worden und inwiefern sie einslußübend gewesen sind. In der Literatur kann nicht der Verfasser ars Person, sondern sein Werk als geistige Potenz nützlich oder schädlich wirken. Im Werke selbst gilt cs den inneren Gehalt, von dem äußeren Gewand zu sondern: denn nicht das Sprachenkleid, sondern das darein Gehüllte verfügt über alle die Mächte, die auf die Geistesentwicklung einen günstigen oder ungünstigen Einfluß zu üben imstande sind. Ties vorausgeschickt, wollen wir einen kurzen Galoppritt durch die deutsche Literatur unternehmen und zusehen, wie cs in Wahrheit mit drr Berjudung bestellt ist. Wie Goethe den deutschen Geist am vollkommensten verkörpert, so ist d^Wrkste AzzDruck.rM,jüdlsche^.Ge.istes das.! Alte Testament.-. Wollte man also diesen Geist in die deutsche! Literatur vcrpflanpul-, so mußte man zuvörderst da? Buch der Bücher ins Deutsche übersetzen. Das ist denn mich geschehen. Aber es war der Aiigiisiinermönch Martin Lutberi der; tnvierste.und .deutscheste Sohn vom Stamme German:ä. sek mit seiner Bibelübersetzung dem deutschen Volke einen miv verweichliche» und unvergänglichen Schatz gesclzcnkt har. Ter. Einfluß dieser Bibelübersetzung otif die Bildung des derufchen Volkes wie ans die. Veredelung der deutschen Sprache ist genugsam bekannt. Diese Bibelübersetzung war der Ausgangspunkt. der .Entwicklung der gesamten deutschen Kultur vv>i der Zeit der Reformation bis zur Gegenwart. Auf die deutsche Dichtung war ihr Einfluß, nicht gering. Tie Grenzen des Wesensverwandten und Wesensfremden lassen.sich in bezug auf rein gc-stige Werte nilr schwer bestimmen. wenn sic überhaupt bestimmbar sind. Der Rassesanatiker kann ja auf Schritt und Tritt in der deutschen Literatur Ueberraschnngen erleben und Rätseln gegenüberstehen. die ihn zum mindesten an seinen Theorien irre machen müßten. Der Urgermane L diu, der Held als Gottheit, wie ihn Earlhle feiert, bleibt den besten Söhnen Germanien» fern, nm'nicht zn sagen fremd: der Nrsemite Moses, der Mann Gottes, wie ihn die Bibel nennt, ziehe die Helden des deutschen Geistes in feinen Bann. Klopstock beschäftigt.sich mit ihm. Schiller will einen „Moses" schreiben und Goethe verkörpert diesen biblischen Heros (nach dem erbrachten Nachweis Pro?, fcstor Burdachs) im Faust. Müßten doch — rassentheoretisch! Klopstocks Bardiete die bedeutendste Schöpfung der deutschen Literatur sein! Und doch: wer hat sie bei Lebzeiten Klopstocks gelesen? Wer kennt diese Dichtungen auch «ia dem Namen nach? "Beacht'.:,'-! verdient ferner die Tacsacr-c. daß die drei größten Former und Bildner der deutschen Sprache zum Judentum in eine mehr oder minder enge Br- Ziehung getreten sind. Luther, das größte Sprachgenie deutscher Zunge und der Schöpfer der neilhochdeutschen Schriftsprache, übersetzt die Bibel: Klopstock. der Förderer und Mehrer des deutschen Sprachschatzes, bearbeitet alrtestamentliche Stoffe: Lesting, der deutsche Sprachkünstler ohne-"! gleichen, der dem erstarrten deutsch?» Wort neues Leben gab. dichtet den Nathan. Mit Lessings Freund. Moses Mendelssohn, trat zum erstenmal der Jude tätig in die deutsche Literatur ein. Und schon beim ersten deutsch-literarisch sich betätigenden - Juden bemerken wir jene merkwürdig? Erscheinung, die. seither aufgehört, hat. merkivürdig zu sein, weil sie alltäglich geworden, ist. Ich meine die eigentümliche Erscheinung, daß der deutsche. Jude deutsche Bücher schreibt, und... bet christliche. Deutsche indische Wecke schasst. Man kann darin ein Spiel der Nei-, gnng?n. eine Verwechslung der Rollen, zum Teil sogar eme. Ironie der Litcraturaeschichte erblicken. Seit Lessing undi Mendelssohn bis auf unsere Tage hat sich dieses Spiel in. der deutschen Literatur mehrfach »viederholt. Das erste, jüdische Lustspiel in deutscher Sprache heißt „Die Juden". Sein Verfasser ist Kotthold Ephraim Lessing, der Schöpfer des ersten national-deutschen Lustspiels „Minnavon Barn-- Helm".- (Anregung zum Nachdenken gibt die Tatsache daß das erste Jlldenstück in deutscher Sprache mehr als anderthalb-, Dezennien vor dem ersten national-deutschen..Lustspiel erschienen ist.). Ter erste Iudenroinan in der deutschen Literatur, nennt sich „Ter Jude"... Sein Verfasser ist.Karl Spindler. Klingt der Naure nicht verdächtig? - Keineswegs. Kart Spindler war der Sohn eines Lrganistcn am Münster zu Slraßburg. Tie erste deutsch geschriebene Iudennovelle trägt die 'Aufschrift ..Tie Iudcnbuche". Tie Verfasserin ist Annette Elisabeth Freiin von Troste-Hülshoss. der erste, schöpferische, weibliche- Geist..des katholischen .^elckschlapos,,. r.. ....