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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-03-17 · Heft 6 (17.3.1922) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 6 (17.3.1922)
Date
1922-03-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse llgemeine SS. Jahrgang. Nt. 6 Berlin* 17. März 1922_ Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag; Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Aeiivng erscheint vierzebntäglich. Abonnements,pre»»: durch den Buch, Handel oder die Po- (in Berlin und Vororten durch unser« vertriedsstellen) bezogen »ierteljdhrttch 6 Ol — Postscheckkonto 324. AH« Aasendungen für Redaktion und Erpedirion sind an die Adresse: Verlader »Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-4-. zu richten. Verlag von Huboif Masse, Berlin. Unftftft* Juden in GrvßpvLen. III. Von I. DascK (Berlins — 4DH4LJULL» Wochenscbau. - - Geheimer SanrtätSrat Tr. Bors 1. A. Von Tr. F. Reich (Berlin-Weiyensee). — Mitteilunacn übet da4 jüdische Bibtiotheksweien in brez Jisraet. Berichte der Haupttammel- Ikelle. Vrvfl p ein rt tfi ' 8-oe toc , Berlin NW. 52, Flcmintt- Itratze 12. — Tie Zofeph-Legende. Don Tr. I. Eisender« (Tobrisch bei Prag). — Rabbi VLcir 3cbiff. Don Rabbiner Tr. I. G ü n z i a (Antwerpen). — Äticha-Zosef (Michael) Lebenwhn. Gin Gedenkblatt zum 7V. Zahrestaa seines Ablebens am 27. Sehbat 5i;!2 (1852). sScklun.s Don Seien Scheinhaus (Memel). — Feuilleton: Im Bannkreis der Cäsaren. s3. Fortf.j Historische Erzählung von Earola B u ch - heim. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Jet Gemeindebote (Beilage zur ..Allgemeinen Icitung des Judentums*): Berlin. Breslau. Dresden. Nürnberg Fürth i. B.. Gieren. Druchial. Stuttgart. Men. Budapest. Lina i. V. — Don Nah und Fern. Die Juden in Grohpolen. Von I. Basch (Berlin). III. er Ausspruch Goethes: „Tie Polen sind an ihrer verworrenen Sinnesart zugrunde gegangen"' findet in der Entwicklung dieses neuzeitlichen Gebildes, das soziale Schäden lediglich im Wege der Repression zu heilen versucht, vollste Würdigung. Tie phantastischen reaktionären Schwärmer des Obersten polnischen Volksrats kannten kein wirtschaftspolitisches Programm, das unter vernünftiger Toleranz die Konzentration der realen Kräfte des gesamten Volkstums ermöglichte. Sie leiteten eine neue Kulturepoche der Weltgeschichte unter brüsker Absage an die Völkerverföhnung und unter Verneinung aller Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens und wirtschaftlichen Strebe ns ein und untergruben durch ihre von unedlen Gefühlen und Leidenschaften diktierten Maßregeln nicht bloß den inneren Frieden in einem noch nicht konsolidierten Staatswesen, sondern ruinierten auch wichtige Zweige hochentwickelter Privatbetriebe. so daß letzten Endes eine finanzielle Krisis unausbleiblich war. Die wesentlichste positive Maßnahme zur Beseitigung von Wirren und Verwicklungen, die in nationalem Machtbewußtsein und Selbstgefühl erfolgte Kursfestsetzung der polnischen Mark zeugte von einer etwas naiven Volks- und weltwirtschaftlichen Auffassung der neuen Staatslenker, die gleichfalls dem modernen tröstlichen Sprichwort .Vllemaxim payera zu huldigen schienen. Die einseitige und egoistische Interessenvertretung der Machthaber begnügte sich nicht mit dem Schutze, der Erhaltung und Stärkung des Polentums; sie bahnten trotz der Gebrechen tnt Staatswesen und der Höhe des Notstandes keine ernstlichen Ausgleichsversuä)e zwischen den Parteien an. sondern hielten zur Lösung nationaler Fragen selbst die Entrechtung der fremdstämmigen Mitbewohner des Landes für ein erlaubtes, fruchtbringendes Mittel; als wirksamstes Werkzeug zur Verwirklichung ihrer Pläne diente der urzad wadniczy (die frühere Ansiedlungskomnussion). Tie Heimatliebe. die Pietät gegen den von den Eltern ererbten Besitz, fest- , verankerte Dämme gegen Spekulation und Gewinnsucht, wurden durch Ausnahmegesetze erfolgreich bekämpft, der Wechsel von Haus- und Grundbesitz aber nur dann genehmigt, wenn der Erwerber nach Abstammung, Sprache. Gesinnung als Natronalpole gelten konnte. Tie Internierungen, eine willkommene, allerdings vorübergehende Ausschaltung der Konkurrenz jüdischer und christlicher deutscher Handwerker und Kaufleute, sowie die willkürlichen Durchsuchungen der Wohn- und Geschäftsräume, die in erheblichem Maße die Sicherheit der Person und des Eigentums gefährdeten, übertrafen noch alle pessimistischen Befürchtungen. Daß innerhalb einer solchen „Kulturgemeinschaft" ein harmonisches, ftuchtbringendes Wirken und Streben auf die Tauer unmöglich war, konnte Einsichtigen nicht lange zweifelhaft sein, und bald zeigten die bis dahin vereinzelten Abwanderungen mehr das Gepräge einer Massenflucht. Alteingesessene jüdische Kaufleute, Führer einer hochentwickelten ostmärkischen Privatwirtsckmft. überließen besonders in der Stadt Posen unter eigenen ungünstigen Bedingungen ihren überaus wertvollen Hausbesitz spekulativen polnischen Heißspornen, während die Mehrheit der Provinzgemeinden noch in ihrer abwartenden Haltung verharrte. In all ihren kleinen und großen Röten suchten und fanden die Schutzbedürftigen Zuflucht bei der Zentrale der ostmärkischen Korporationsgemeinden, dem Jüdischen Dolksrat in Posen, an dessen Spitze Rechtsanwalt Tr. Kollo «scher als unermüdlicher Kämpfer gegen jede aus Vergewaltigung seiner Glauben-'brüder gerichtete Maßnahme der Verwaltungsorgane furchtlos und opferwillig wirkte. Die Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes verminderte sich aber allmählich angesichts einer in Wort und Schrift immer zügelloser auftretenden Agitation. Entblödete sich beispielsweise selbst ein Mitglied der Posener Amtsanwaltschaft nicht, in der Kleinstadt Schotten eine außerordentlich verhetzende antisemitische Ansprache an die zahlreich versammelte Stadt- und Landbevölkerung zu halten, und lediglich die Besonnenheit und das Taktgefühl einer Anzahl von Bürgern verhütete schwere Ausschreitungen. Hetzplakate unflätigen, verleumderischen In- Halts an Mauern, in Wartesälen usw. gehörten zu den alltäglichen Erscheinungen, verfehlten aber, weil der Reiz der Neuheit schwand, häufig die beabsichtigte Wirkung. Das Wort Dantes: „I^aseiato o§m osporanza" bildete das trefflichste Signum für den Klassen-, Rassen- und Massenhaß kurzsichtiger polnischer Fanatiker, obgleich es auch nicht an Optimisten fehlte, die eine Wandlung der Lebensanschauung in volkversöhnendem Sinne erhofften. Noch wies der Besuch der Gotteshäuser keine allzu erheblichen Lücken auf. die jüdische Jugend entbehrte nicht der in solchen Zeitläuften mehr als je erforderlichen unterrichtlichen und erziehlichen Einwirkung, jede kleine Korporationsgemeinde bildete noch immer eine Pflogstätte jüdischen

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