Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 9 (20.1.1838)
- Date
- 1838-01-20
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224866--00774-3289231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Dort steh'n die Waffen, die nun sollen rasten — Der blöde Knab' wagt kaum sie zu betasten — Sie glänzten jüngst noch an den fernen Kästen: DaS Kreuz der Brust — ist'S Thatenlob'der Christen? Sag', kommst Du wieder, wie Du bist gegangen? Hat Nichts den Sinn, den frommen, Dir gefangen? Wird Dir im engen Hause nicht zu enge? Du sahst so viel im weiten Weltgedränge! Ich komme, Vater, nicht wie ich gegangen, , Doch hat mir Nichts den frommen Sinn gefangen, Wie würd' es mir in engen Hause zu enge, Da mir'S so oft zu weit im Weltgedränge. Ich Hab' gekämpft für Vaterlandes Freiheit, Doch -aS ist nimmer für Gesetzes Neuheit, Nur daß das Angestammte werde freie, Und frei daS Alte in erneuter Weihe. DaS war der Sold, das war der Lohn dem Kampfe, Im Säbelschlag, in des Geschützes Dampfe, Der Jude trug nicht Würd' und Ehr' von dannen — Im Vaterland Freiheit von alten Bannen. Zu Bürgern wollten wir uns Juden streiten — Waö einst deS Königs Gnadenworte leihten, DaS wollten wir mit unsrer Wunden Blute Besiegeln jetzt, im neuerwachten Muthe. Nun dies gescheh'n, kehr' ich zum Vaterhause, Und trete gern in unsre stille Klause, Laßt uns nur wandeln in gewohnter Weise, Mit stillem WachSthum, in dem engen Kreise. Correspondenzen, Auszüge, Repliken. Berlin, d. 1. Januar, vr. Z. Z. Sachs. Die auch von der Allgemeinen Zeitung des JudenthumS gegebene Notiz über die Ehrenwürden, die dem Herrn vr. I. I. Sachs von verschiedenen gelehrten Gesellschaften und von der erlanger Facultät zuertheilt worden, veranlaßt mich, Ihnen folgenden biographischen Artikel über diesen Mann zu übersenden, welcher unfern Glaubensgenossen nicht uninteressant erscheinen dürfte. > Herr vr. Sachs ist 1804 zu Märkisch-Friedland geboren; sein Vater, eben so wacker als unterrichtet, war daselbst beinah 50 Jahre Cantor und Beglaubigter, und seine kürzlich verstorbene Mutter, eine der klügsten, frömmsten und biedersten Frauen der Gegenwart/ langer alö 25 Jahre Vorsteherin exneS dafigen sehr wohlthätigen jüdischen Frauenvereins. Für's rabbinische Fach erzogen und vorgebildet, begann er erst erwachsen, nachdem er einige Jahre auf einem bedeutenden Comptoir zu Königsberg in Preußen servirt, und in lebenden Sprachen sich vervollkommnet, den Besuch oberer Gymnasialklaffen dieser Stadt, bezog dann, Behufs philosophischer und medizinischer Studien, die dortige Universität, und vollendete diese in Berlin. Die unsichere Grundlage der Heilkunde bald erkennend, hinderte ihn eine seltene Gewissen heit in die ärztliche Praxis überzugehen, und wiewol er bald darauf einer ansehnlichen Unterstützung Seitens des preußischen Ministeriums zur weiteren Vorbereitung für einen Universitatö-Katheder in theoretischen Heilfächern (in den Fächern der Physiologie und Psychologie) sich zu erfreuen hatte, auch 1831 bei der damals constituirten Oberverwaltungsbehörde des Gesundheit-Comitö, alö SanitätS- Beamter eine kurze Zeit fungirte, leistete er doch auf den akademischen Staatsdienst gleichfalls Verzicht, um nicht, — wie eS leider! noch immer erforderlich ist — zum Christenthum überzugehen zu brauchen. Dem innern Antriebe gehorchend und dem Drange dürftiger Verhältnisse nachgebend, betrat er die schriftstellerische Laufbahn, und ward seitdem Verfasser von 10-12 Schriften, pädagogischen, biographischen und medicinischen Inhalts, Herausgeber und E Redacteur verj'chiedner Zeitschriften, Referent und Mitarbeiter für einige 20 periodische Blätter mannigfaltigen Inhaltes (f. hierüber Hitzig-Büchner'ö gelehrtes Berlin 1834Heft 1.) ohne diese Oeffentlichkeit je zu mißbrauchen, wofür sein höchst sittlicher Charakter, der ihn den Kreisen, in welchen er sich bewegt, so werth macht, wol als Bürge betrachtet werden darf. Am bekanntesten von seinen Schriften aus jener Zeit sind „Gemälde des weiblichen Lebens aus physiologisch-pathologischem, intellectuellem und moralischem Standpunkte" (Berlin 1830) „die Fehler in der gegenwärtigen häuslichen und öffentlichen Erziehung" (Berlin 1y31j. „Allgemeine Lehren der Epidemien" (Berlin 1831. und „C. W. Hufeland'ö Leben und Wirken", zum Besten des Vereins zur Unterstützung hilfsbenöthigter Aerzte (Berlin 1833». Später hat er sich größtenrheilS nur mit der Cultivirung der medizinischen Literatur beschäftigt. So erscheinen seit mehren Jahren in sehr bedeutender-Ariftage, allwöchentlich, seinesehr beliebte „medicinische Central-Zeitung," alljährlich seit 1835 sein „ Medicinischer Almanach" mit vielen eigenen Aufsätzen und jetzt auch noch „Jahrbücher der Fortschritte der Medicin" (die der jüngst verstorbene vr. Bluff in Aachen bisher herausgegeben hat)., Diese seine ConcentrationSbestrebungen tragen alle das Gepräge ächter Wissenschaftlichkeit, und find in einer Zeit, wo hastige Productionen Flüchtiges, wenn auch mitunter Geistreiches leisten, und so ernste und fleißige Collectiv-Bemühungen immer seltner machen, um so schäzrenSwerthere Eigenschaften, wenn fie, wie bei Sachs, mit einer in der literarischen Welt immer täglich seltner werdenden Gesinnung der Ehrenhaftigkeit und Rechtlichkeit geschehen. Als Mensch gehört vr. Sachs zu den gemüthreichsten und dienstwilligsten. Hilfsbedürftige aller Klaffen erhalten durch seinen nicht geringen Einfluß in der Residenz den vielseitigsten Beistand, unzählige Studirende verdanken seiner unermüdlichen Verwendung fortdauernd freie Vorlesungen bei allen Professoren der medicinischen Facultät. Die Hälfte der Bücher seiner bedeutenden philosophischen und medicinrschen Bibliothek ist fortwährend in den Händen Anderer, _und die Zahl der Werke und Schriften, denen er Verleger verschalt, ist gleichfalls nicht klein. Ehre deshalb, dem Ehre gebührt, dem Verdienste feine Krone! vr. med. Kallmann. Redacteur: vr. L. Philippfon. -j- Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. - Druck von Z. B. Hirschfeld. (Hrerzu das literar. und Homilet. Beiblatt No. 2.)