Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 3 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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86. J&brgang. Nr. 3 MttffitttfrtlK B*rtin> 3' kebru« »22 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Vi«s« Aeimn- «scheint vierzehn täglich. Abonnement».Preis: durch den Bach. Handel oh« die Post (in Berlin »nd vor. arten durch mrfere vrttriedsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse» Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 &0t Zusendungen fär Redaktion und Expedition sind an die Adresse: v«lag der »Allgrm. Zeitung de» Judentum»-, B«lin SW, Jerusalem« Straße -« 44. zu richten. voußDA »an Audoi, Masse, Vorlin. Judcn in Grotzpvlen. 1. Von 9 Basch (Berlin). - “ J ^Wochenschau — Tie Cbcwra Üaddischa <TroK-Ber!in. Von Z o p h e amabit-JacobRoscmes. Von Michael ^raenkcl iBreSLau). — Zsak Noa Mannheimer eü4 Sendidat für die Tirekwrenstelle in der Gemeindefchulc in Berlin. Bon Rabbiner Tr. M. Rosen - mann (Wien). — Tie Lcbcnsanfckauunaen der arvhen jüdischen Tenter. V. Don Rabbiner Tr. Löwen stamm «svandau). — Feuilleton: 9m Bannkreis der Cäsaren. Historische Crzäblung von Carola Buchheim. — B ü ch c r e i n l a u f. — svrechsaal. Ter «emeindebote (Beilage zur ..Allircmeinen Acituna des Zndentupis'): Berlin. Memel. Breslau. Trcsdcn. «ein. ^wnffwii a. M. V o n Nab und »r c r n-. Sir Juden in Grohpolrn. Von I. Basch «Berlin». L roßvolen, die abgetretene ehemals preußische Ostmark, vor wenigen Jahrzehnten noch eine Heimstätte 'ür mehr als 70000 Juden, ist heute eine Verwirklichung des Prophetenwortes geworden: ,.Uwer Erde wird fremden zugewandt. unsere Käufer Ausländern." Dem Handwerk und noch mehr dem Handelsgelverbe obliegend. führte die jüdische Bevölkerung daselbst ein von religiösen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zeit- und Streitfragen wenig berührtes beschauliches Dasein, das den (Gipfel der Bedürfnislosigkeit in jeglicher Beziehung repräsentierte. In ungetrübter Harmonie mit andersgläubigen Freunden und Bekannten suchte und iand der Jude höchste Befriedigung für sein emsiges berufliches Schaffen und Wirken im engen Kreise seines Hauses, das als Pflegestätte echt jüdische« Geistes, strenger Sittlichkeit und wahrer Religiosität die Willensrichtung der Nachfahren edlen Zielen zuwandte. Das Nationalbewußtsein der Autochthonen wiegte sich in süßen Träumet» von einer politischen und geistigen Wiedergeburt, in nebelhafter Ferne zauberte die Fata Morgana ein Gebilde von Freiheit und staatlicher Unabhängigkeit hervor, für das die Sensenmänner einst ihr Herzblut vergossen, aber bei der breiten Lolksmafle traten ähnliche Borstellungskreise nicht über die Schwelle des Bewußtseins. In dieses Idyll fiel 1886 wie ein zündender Blitzstrahl Fürst Bismarcks nationale Offensive, die unbekümmert um die Regungen der Volksseele im Interesse der Staatsräson einem fremdstämmischen Voltsteile deutsche Sprache und Sitte, deutsches Denken, Fühlen und Wollen aufzudrangcn versuchte, aber damit nur Erregung und hartnäckigen erbitterten Widerstand in den Reihen der Gegner entfachte. Die Kulturmission eine Folge der Entwicklung des modernen Erpansionsstaates die 1908 das Enteignungsgesetz und damit die Entrechtung polnischer Bürger brachte, belebte den Asioziationstrieb der Gegenpartei und bereitete einen mit Haß lind Rachsucht gedüngten Nährboden vor. auf dem nur verderbenbringellde Frucht gedeihen konnte. Das Häuflein Juden, das sich infolge der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wirrnisse schon um einen erheblichen Bruchteil vermindert hatte, bildete vielfach m der Kommunalverwaltung das Zünglein an der Wage; aber in allen Fragen von nationaler Bedeutung offenbarte sich unentwegt bei den jüdischen Vertretern der städtischen Bevölkerung eine geradezu vorbildliche patriotische Gesinnung, die unter Verleugnung der eigenen Interessen die Förderung des Deutschtums als festes unverrückbares Ziel im Auge behielr. Trotz der namentlich in Zeiten heftig wogender Wahlkämpfe außerordentlich willkommenen jüdischen Unterstützung wurde diese auf deutscher Seite nicht als Aktivposten verbucht, während anderseits die Polen mit den jüdischen „Hakatisten" alle Beziehurrqen lösten, und so. zwischen Scylla und Charybdis steuernd, fand sich inmitten der tosenden Brandung für die Pufserpartei nirgends eine sichere Laudungsstätte. Es gelang der jüdischen Vereinigung trotz rückhaltloser Betätigung eines zielbewussten nationalen Empfindens nicht, bei den Gesinnungsgenossen, der deutschen Partei, moralische Eroberungen zu machen. Dieser charakteristische Mangel an Verständnis für die Wesensart anderer Volksteile bildete bei den Deutschen eine Kette von Hcmmllngen für die eigene politische Entwicklung, zugleich zeitigte auch die Ueberspannung des Nationalitätsprrnzips. die ein achtungsvolles kulturelles Verstehen der Volksseele ausschließt. bei allen kolonisatorischen Maßnahmen ein negatives Ergebnis. Deutscherseits wurde das Genossenschaftswesen als angebliches Allheilmittel für die Landwirtschaft derart ausgebaut, daß sich ein engmaschiges Netz über die Stadt- und Landgemeinden erstreckte: in Betätigung der politischen und wirtschaftlichen Zusammengehörigkeit entstand polnischerseits unter dem Protektorat der Geistlichkeit der weitverzweigte Verband der ..Polniks". Bei Tagungen deutscher Genossenschaftsverbände galt es gewissermaßen als Ehrenpflicht, den jüdischen Kaufmann als Schreckgespenst für den Landwirt darzustellen und für das Geschäiftsgebahren der Genossen- < schäften das Unfehlbarkeitsdogma zu sanktionieren: von polnischer Seite wurde offen die Parole ausgegeben „Swoj do swego" (jeder zu seinesgleichen). Diese wirtschaftliche Geschlossenheit der beiden Ertremparteien raubte dem jüdischen Kaufmann die Eristenzmöglichkeit, und über den Ernst der Lage konnten auch alte offiziellen Erklärungen und Ermahnungen von politischer Zinammengehörigkeit. von nationalem Kulturbewußtsein u. dgl. nicht hinwegtäuschen. Der Weltkrieg, der aller Verworrenheit des nationalen Lebens auch in der Lftnrark ein Ende Zll bereiten schien, steigerte die Not der delltschen Volksseele schier dis zur