Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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--4 Austritte aus i>cm Judentum konstatiert der Jahresbericht, daß' in den, Jahren 1919 und 1920 insgesamt 3454 Personen dein Glauben ihrer Väter verleugnet haben, daß aber in der ersten Hälfte dieses Jahres 293 Personen wieder zum Judentum zurückgekehrt sind und die Zahl der Zurückkehren-den noch immerfort zunimmt. An den Jahresbericht knüpfte sich eine tiefen Eindruck hervorhebende Rede des einstigen Justizmiwisters und derzeitigen Mitgliedes der Nationlalversamm'lnng, Dr. Wilhelm Väzsonhi. Nach Kenntnahme der Jahresschlußrechnungen wurde der .Kostenvoranschlag der Gemeinde mit rund 30 Millionen Kronen genehmigt. Hiervon sollen für die Spitäler der Neligionsgemeinde 6 Millionen, für neue Tempelbauten — vorläufig ist der Bau zweier imposanter Gotteshäuser in der Fvanzstabt und in der Leopovdstadt genehmigt — 7 Millionen Kronen verwendet werden. Im Jahre 1920 betrugen die Gesamtausgaben der Gemeinde 20 Millionen, die Einläufe an Krlltussteuern gegenüber den präliminiertev, 3 über 6 Millionen Kronen: die Gemeinde zählt derzeit an 50 000 Steuerzahler, gegenüber 18 000 Steuerzahlern des Jahres 1918. Schon diese Ziffern beleuchten die Verdienste des unermüdlichen Vorstandes dev Finanzsektion, Gustav G. E h r li ch, um die Hebung der Finanzen inmitten der so überaus schwierigen Wirtschaftsverhältnisse. Seit dem Jahre 1897, das ein Budget von einer halben Million Kronen aufwies, hat sich das Budget der Pefter israelitischen Religionsgemeinde vierte chzigf acht. Nach Annahme der neuen Nabbinatsstatuten, bei deren Verhandlung der um das Wiederaufleben des religiösen Gefühls so verdienstvolle Vorsteher., Dr. Alexander Lederer, die Gemeinde gegen den Vorwurf des Neologismus verwahrte und unter allgemeiner Zustimmung erklärte, daß wir keine Neologen, sondern auf religiöser Grundlage stehende Juden ohne jedes Epitheton seien, schloß der Vorsitzende die Generalversammlung. Von Mgh und ftrn. — In Schanghai hielt, wie der Korrespondent des „B. T." von dort schreibt, der amerikanische Professor Robertson einen mehrstündigen Vortrag über Einstein, der.so großen Anklang' gefunden hat, daß er demnächst vor einem größeren Auditorium wiederholt werden wird. Für dm Herbst hat die Quest Society in Schanghai, ein wissenschaftlicher Diskussionsklub, »eine Vorlesungsreihe über Entstein angesagt. In jungchinesischen Gelehrtenkreisen findet Einstein auch Bewunderer, und es besteht sogar der Plan, Professor Einstein für die Pekinger Reichsuniversität zu verpflichten. — Professor Dr. Ludwig D a r m st a e d t e r , der Berliner Gelehrte, vollendete am 9. d. M. sein 75. Lebensjahr. Darmstaedter hat sich auf den verschiedensten Gebieten einen hervorragenden Ramm gemacht, durch chemische Forschungen im Wirtschaftsleben, vor allem aber als Begründer der Dokumentensammlung, die er am Tage der Eröffnung der neuen Berliner Staatsbibliothek dieser stiftete, die eine der vielseitigsten und reichsten %\\tographensamm.lung'ender Welt und mit deren Entwicklung Darmstaedter immer weiter mit bestem Erfolge bemüht ist. Darmstaedter' ist u. a. Ehrenmitglied des Ehrkichischen Institutes in Frankfurt a. M. — Am Sonnabend, den 20. dieses, Monats, 'begeht die Mutter des bekannten Buch'druckereibesitzers Alfred Unger, Frau Johanna Unger, Lefsingsiraße 26, ihren 90. Geburtstag. Diese geistig, hochstehende Dante erfreut sich seltener .geistiger Frische und eines' Phänomenalen Gedächtnisses. So hat sie noch vor einiger Zeit eine große Anzahl von Gedichten, welche sie in frühester Jugend gelernt, niedergeschrieben. Die in der Berliner Gesellschaft sehr bekannte und verehrte Jubilarin stand in nahem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Professor Dr. Moritz Lazarus sel. Angedenkens. Möge der allverehrten Datne ein glücklicher Lebensabend beschieden sein! — Eine internationale Buchausstellung veranstaltet die „Ewer"-Gesellschafk für Buch- und Kunsthandel in Berlin gemeinsam mit dem Jüdischen und Welt-Verlag anläßlich des 12. Weltkongresses der Zionisten in Karlsbad. Die Ausstellung wird eine vollständige Uebersicht über die wichtigsten literarischen Publikationen in hebräischer, jiddischer und russischer Sprache der letzten. Jahre geben. -- Wie wir erfahren, ist das „Lachmaneum" in Graudenz, das bis zur Abtretung Westpreußens an . Polen das jüdische Provinzialwaisenhaus beherbergte, nunmehr vom Magistrat dieser nunmehr polnischen Stadt für Bureauräume requiriert worden. Die seinerzeit wohl 200 bis 220 Familien zählende jüdische Gemeinde ist bis aus etwas weniger als ein Drittel ihres früheren Bestandes zusammengeschmolzen. — Es sind jetzt 40 Jahre her, daß die Synagoge in Olnhausen von den Grundmauern aus neu aufgebaut worden ist. Damals zählte die israelitische Gemeinde dort 150 Köpfe, h.mte sind es noch in 12 israelitischen Familien etwa 40 Köpfe. — Aus Budapest wird berichtet: Aus nichtigen Gründen, so u. a. deshalb, weil sie die Aufnahme der geprüften Lehrer zum Universitatsstudium zulassen wollen, sind die beiden letzten jüdischen Professoren, und zwar Geschichtsprosessor Dr. Heinrich M a r e z a> l i und der Mathematikprofessor Emanuel B e k, entlassen worden; damit ist die Universität judenrein^ geworden. — Die seit fünf Monaten in Paris existierende jüdische Arbeiterküche, die hauptsächlich von jüdischen Emigranten, darunter vielen ukrainischen Flüchtlingen, besucht wird, wurde während dieser fünf Monate beinahe von 20 000 Leuten benutzt. Wegen der auf dem Pariser Arbeitsmarkt herrschenden Krise macht sich ein großer Geldmangel by der Küche bemerkbar, weshalb u. a. auch das Exekutivkomitee der Indischen Welthilfskonferenz dieser Küche seine Unterstützung' hat angedeihen lassen. — Im englischen Unterhause erklärte auf eine Anfrage Wood: „In Palästina sind Englisch, Arabisch und Hebräisch offizielle Sprachen; dem Hebräischen wird kein Vorzug gegeben, und seine Kenntnis ist für die Bekleidung eines Regierungsamtes nicht unerläßlich. Die Zahl der Beamten im Staatsdienst beträgt 2571 (1338 Christen, 719 Mohamedaner und 514 Juden), — Das griechisch,e Kriegs Ministerium hat die Juden Salonikis von der Mobilisation befreit, solange die Nationalversammlung nicht das Gesetzprojekt über die Militärpflicht der Juden verabschiedet haben wird. Laut diesem Projekt sollen die Juden Salonikis das Recht haben, sich gegen ein Lösegeld vom Militärdienste frei zu machen. — Atis Grodno wird gemeldet: In dem von Juden bewohnten Stadtviertel brach ein Großfeuer aus. Ueber fünfzig Wohnhäuser sowie verschiedene andere Bauwerke wurden eingeäschert. Während des Feuers ereigneten sich starke Explosionen, die durch ein von Kommunisten angelegtes Massen- und Munitionslager entstanden. Der Brand und die Explosionen forderten eine ganze Reihe Menschenopfer, deren Zahl noch unbekannt ist. — Laut I. C. B. hat das lettische Handelsministerium ein Gesetzprojekt ausgearbeitet, wonach im Handel für Lebens- und Verbrauchsgegenstände ein Konzessionierungsshstem eingeführt wird. Die Erteilung von Konzessionen an Ausländer ist nicht gestattet. Den nationalen Minoritäten werden Konzessionen nur im Verhältnis zur Zahl ihrer Angehörigen erteilt. Die Durchführung dieses Gesetzes würde den jüdischen Handel in Lettland vollständig vernichten. — Am Bahnhof Koluszki bei Spbj, lvurden die reisenden Juden von einer Bande Zivilisten überfallen und blutig geschlagen. Ihr Reisegepäck wurde geraubt. Viele von den Juden wurden verwundet und deren Bärte abgeschnitten. Aehnliche schwere Ausschreitungen ereigneten sich auch auf der Bahnstrecke Krakau-- Trzebinie. — Unter großen, über zwei Tage sich erstreckenden Feierlichkeiten fand in New Jork die offizielle Umbenennung der „Delancey Straße" in „Schiff Parkway" statt zum Andenken des jüdischen' Philanthropen Jakob Schiff. Die Festrede wurde von Major H y l a n gehalten. — Ein Kontitee, bestehend aus protestantischen und katholischen Geistlichen und Rabbinern, überreichte Präsident Harding eine Petition, worin der Präsident und der Kongreß gebeten werden, eine internationale Abrüstungskonferenz einzuberufen. Die Petition war von 20 503 Geistlichen unterzeichnet, während 269 sich weigerten, ihre Unterschrift zu geben. — Die in Detroit tagende Konvention der sozialistischen Partei nahm eine Reihe von scharfen Protestresolutionen an gegen die Judenverfolgungen in Europa sowie gegen den Versuch, durch Verpflanzung des Antisemitismus nach Amerika di? gleiche blutrünstige Pogrompolitik auch dort zu kultivieren. In einer weiteren Resolution wird dem Völkerbund vorgeworfen, den blutigen Judenmorden in Osteuropa gleichgültig zugesehen zu haben. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: M a x Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.