Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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170 abtransportiert werden. Eine Anzahl besonders krasser Fälle ist bereits neu untersucht worden; die Entlassung dieser Personen steht unmittelbar bevor. Ein dritter Teil endlich wird bis zur Klärung des völkerrechtlichen Sachverhalts — es handelt sich hier vor allem um Deserteure — zunächst nach dem Lager Kottbus-Sielow überführt werden, bis eine Entscheidung, die die einzelnen Fälle jedoch zu berücksichtigey hat, erfolgt ist. Es ist die selbstverständliche Pflicht der jüdischen Organisationen und der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit, auch weiterhin auf der Wacht zu sein, um Uebergrisfe und Vorfälle, wie sie in Internierungslagern nur zu leicht passieren können, sofort zu verhindern. Insbesondere muß eine grundsätzliche Entscheidung darüber herbeigeführt werden, daß arbeitende Elemente nicht interniert werden dürfen. Eine solche grundsätzliche Entscheidung ist bisher noch nicht gefallen, wenn auch die Behandlung der Einzelfälle der Internierten Grund zu der Annahme gibt, daß dieses Vorgehen gegen Arbeiter einer Revision unterzogen wird. * Der zwölfte Zionistenkongreß in Karlsbad. Tie Exekutive der Zionistischen Organisation hat den Zwölften Zionistenkongreß auf den 1. September nach Karlsbad einberusen. Das vorbereitende Bureau des Kongreßes unter der Leitung der Herren Julius Berger und Dr. Martin Rosenblüth hat seine Tätig,t-eit bereits begonnen. Zweifellos kommt dem diesjährigen Zionistenkongreß eine ganz besondere Bedeutung zu. Die Weltenwende seit dem letzten Kongresse, dem elften Zionistenkongreß in Wien, hat sür den Zionismus und das jüdische Volk politische Folgen von einer Tragweite gezeitigt, wie sie in der Geschichte der Völker einzig dastehen. Es ist daher begreiflich, daß den Verhandlungen des Kongresses überall mit der größten Spannung entgegengesehen wird und daß mit einem sehr starken Besuch zu rechnen ist. Der Kongreßsaal, der große Theatersaal des Hotel Schützenhaus in Karlsbad, wird, obwohl er einer der größten Säle dieser Art in den für die Abhaltung des Kongresses diesmal überhaupt in Frage kommenden Ländern ist, sür den zu erwartenden starken Andrang nicht ausreichen. Die Ausgabe von Tribünenkarten für Kongreßgäste kann daher nur in einem verhältnismäßig geringen Ausmaß erfolgen. Tie Verteilung dieser Karten durch das Kongreßbureau könnte natürlich nur nach zufälligen Umständen geschehen und würde zu Nnzuträglichkeiten Anlaß geben. Demgemäß wird das Kongreßbureau Tribünenkarten überhaupt nicht an Einzelpersonen, sondern nur an die Zentralen der zionistischen Landesverbände und die Landesbureaus der zionistischen Sonderverbände ausgeben. Bestellungen aus Tribünenkarten für den Zionistenkongreß sind daher nicht an das Kongreßbureau, sondern sofort ausschließlich an die Zentralen der zionistischen Sonderverbünde zu richten. Anderseits bleibt das Kongreßbuveau bemüht, durch, Schaffung einer möglichst großen Anzahl billiger Stehplätze der zu erwartenden Nachfrage nach Gastkarten einigermaßen gerecht zu werden. Die tschechoslowakischen Behörden bringen dem Kongreß das größte Interesse entgegen und bemühen sich, den Kongreßbesuchern in weitestem Maße Erleichterungen zu gewähren. Insbesondere wird die Visaerteilung an solche Reisende, die sich durch eine offizielle Bescheinigung ihrer zionistischen Landesorganisation respektive ihres zionistischen Sonderverbandes als Besucher des Kongresses ausweisen, von allen tschechoslowakischen Konsulaten ohne weiteres geschehen. Voraussichtlich wird auch eine Ermäßigung der Vitagebühren für Kongreßbesucher gewährt werden. ch Aufschub des Antisemitenkongresfes. Die antisemitische Wochenschrift „Plain English" berichtet,. daß der sür September in Budapest geplante antisemitische Weltkongreß verschoben Wörden ist. Laut dieser antisemitischen Zeitung hätten gewisse dunkle Kräfte, sich in politische Motive hüllend, Verordnungen „von oben" erwirkt, wonach es nicht wünschenswert sei, diesen Kongreß in Budapest abzuhalten, und die mutigen Ungarn hätten sich dieser verhüllten Verordnung, sofort gefügt. J. P. Z. * Blutiger Pogrom tu Jsrnid. Paris, 2. Juli. (Havas.) Der „Temps" meldet, daß vom 24. bis zum 27. Juni vor der Räumung Jsrnids griechische Hilfstruppen und sogar griechische Marinesoldaten das mohammedanische und das jüdische Viertel plünderten. Glaubwürdige Zeugen erklären, sie hätten ungefähr 100 brennende Häuser und 60 Leichen gesehen, die letzteren zum größten Teil mit auf den Rücken gebundenen Händen. Das griechische Kommando und die griechischen Offiziere lehnten es ab einzugreisen. Seesoldaten vom französischen Torpedoboot „Bambara" unternahmen es, den Brand zu löschen. Seesoldaten von einem amerikanischen Torpedoboot schützten die amerikanische Kolonie. * Judenverfolgungen in Weißrußland. Warschauer Zentralstellen erhalten unausgesetzt Berichte aus Weißrußland über Mordtaten und Plünderungen, welche von Banditen, die sich unter dem Namen „Powstanci" organisierten, ausgeführt wurden. In letzter Zeit organisierten sie in der Slucker Gegend förmliche Pogromzüge, bei welchen Hunderte von Juden das Leben einbüßten. Nach Wilna gelangen gleichfalls Meldungen von Pogromen in der Mosirer Gegend, wo die Banden nicht nur morden und plündern, sondern auch Juden als Geiseln verschleppen. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge, welche mit Hinterlassung ihrer ganzen Habe aus ihren Wohnorten fliehen, wächst dadurch von neuem an. Die zionistische Zentrale in Wilna hat gleich nach Einlangen der Schreckensmeldungen Schritte unternommen, um den gefährdeten Juden Schutz zu bieten. Unter den Ermordeten befinden sich wie bei allen ähnlichen Bestialitäten zum großen Teile Greise, Frauen und Kinder. Es besteht der Verdacht, daß diese Banden, die sich rmmer mehr und mehr ausbreiten, von Stellen und Personen außerhalb Sowjetrußlands gestützt und gefördert werden „Wiener Morgenzeitung." # In Rostow a. Don fand vor einem proletarischen Tribunal eine Gerichtsverhandlung gegen die Jeschiboth statt. Der Beschuldigungsakt war von der jüdischen Sektion beim Bildungskommissariat Zusammengestellt und behauptete, daß die Jeschiboth einen klerikalreaktionären Einfluß auf die Juden ausüben, Haß gegen die sowjetistische Bildung verbreiten und Müßiggänger heranbilden. Das Gericht erklärte die Jeschiboth als schuldig und beschloß deren Schließung. J. P. Z. # Juden unter japanischem Schutz. Aus Wladiwostok wird gemeldet, daß der Oberbefehlshaber der japanischen Armee in Sibirien eine Proklamation erlassen hat, wonach er unter keinen Umständen Exzesse oder Pogrome gegen die Juden zulassen werde. Die Kundmachung war leider durchaus notwendig, weil man von dem derzeitigen russischen Militärbesehlshaber in Wladiwostok, General Seimarow, auf jüdischer Seite das Schlimmste befürchtet. * Der polnische Konsul in Konstantinopel. Unter den hiesigen Emigranten herrscht große Aufregung über das Vorgehen des hiesigen polnischen Konsuls, der den polnischen Staatsbürgern mosaischer Konfession die Erteilung von Visen und Reisemöglichkeiten absichtlich verweigert. Das Lächerliche dabei ist, daß der Konsul selbst ein getaufter Jude ist. Die Emigranten sammeln jetzt Unterschriften, um bei der Warschauer Regierung und im Wege der Presse gegen die antisemitische Haltung des Konsuls zu protestieren. J. C. B. * Aus und über Palästina. Haifa soll, so berichtet der Haifaer Berichterstatter der „Kölnischen Volkszeitung", nunmehr Mittelpunkt der Mehlindustrie und des Mehlhandels für das In- und Ausland werden. Hierzu hat sich eine Gesellschaft mit einem Kapital von fünf Millionen Francs gebildet, an deren Spitze Herr Baron Edmond v. Rothschild steht. Eine ähnliche Gesellschaft hat sich gebildet zur Ausbeutung aller Landesprodukte sür Essenzen und Parfümerien. Der früher deutsche Besitz auf dem Berge Karmel wird durch jüdische Unternehmer in kleinen Parzellen zum Zwecke von