Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- Seite 3 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8 sitzende, Herr Dr. Siegfried Moses, Mitglied des Präsidiums des A.-F.-A., noch einmal in warmen Worten des inzwischen verstorbenen Generalsekretärs Fritz Mordochai Kaufmann, widmete dem bisherigen 1. Vorsitzenden des A.-F.-A., Dr. Bernhard Kahn, der für die Zeit seiner Tätigkeit als europäischer Direktor des Joint Distribution Comitees aus dem Präsidium des A.-F.-A. ausscheidet, warme Worte des Dankes und begrüßt freudig dessen Bereitwilligkeit, seine Kräfte auch weiterhin dem gemeinsamen Werke zur Verfügung zu stellen. Nach Erledigung der Formalien erstatteten dann die beiden Sekretäre des F.-A.-F., Herr Dr. Werner S e n a t o r und Herr Alfred Berge r, den Bericht über die Tätigkeit des A.-F.-A. Bekanntlich ist das Arbeiterfürsorgeamt zum Schutz oer nach Deutschland gekommenen ostjüdischen Durchwanderer und Flüchtlinge geschaffen worden. Es ist die Zentralstelle der sozialen Fürsorge für die ostjüdischen Flüchtlinge in Deutschland und verwaltet als solche gleichzeitig die vom Joint Distribution Comittee überwiesenen amerikanischen Hilfsgelder. Die Tätigkeit des Amtes war eine außerordentlich schwierige und wichtige. Durch die neuartigen, mit Erfolg anMoandten Methoden -des A.-F.-A., die soziale Fürsorge produktiv zu gestalten, ist außerordentlich vrel erreicht worden. Das A.-F.-A. stellt für die oft von ihren Heimatsstaaten nicht vertretenen, oft auch staatenlosen ostjüdischen Flüchtlinge, eine gewissermaßen „konfnlartsche" Hilfe dar. Im Einvernehmen mit den Behörden wurde vom A.-F.-A. die Legitimierung der Flüchtlinge durchgeführt. Erst jetzt war es möglich, 'ihnen Ausreisemöglichkeiten zu verschaffen, sie in Arbeit zu bringen, usiv. Hierbei muß erwähnt werden, daß ein außerordentlich großer Teil der ostjüdischen Einwanderer in Deutschlandwährend' des- Krieges zwangsweise auf Beseht der Obersten Heeresleitung nach Deutschland gebracht worden ist. Diese Menschen konnten nicht zurückkehren, die Heimat war und ist ihnen verschlossen. Es war notwendig, sie während' ihres Aufenthalts in Deutschland produktiven Ber'ufen zuzuführen. In Gemeinschaft mit dem Jüdischen Arbeitsamt ist dem A.-F.-A. die Lösung dieser Aufgabe über Erwartem geglückt. Wir haben heute in Deutschland Taufende und aber Tausende wirklich produktiv schaffender ostjübischer Arbeiter. Jim rheinische ' westfälischen Jmdustriebezirk sind zirka 12 000 bis 15 000 ostjüdische Arbeiter beschäftigt, davon zirka 3000 -unter Tag in den Kohlenbergwerken, ebensoviel im Berg- und Hüttenbau, der Rest als Handwerker in den verschiedensten Groß- und Kleinbetrieben. S o h gt das A.-F.-A. nicht nur durch Worte, sondern durch Taten der antisemitischen Hetze den stärksten Damm entgegengesetzt. Mit Hilfe des A.-F.-A. war es möglich, der großen'' Oeffentlichkeit zu zeigen, daß der ostjüdische Arbeiter, dem die Rückkehr und Auswanderung» versperrt ist, ein durchaus arbeitswilliges und brauchbares Element bildet. Es ist dem A.-F.-A. ferner gelungen, die Errichtung von' Ko'nzentration'stagern für Arbeiter bisher zu unterbinden; anstatt in Konzentrationsliagern langsam körperlich und moralischzu verkommenarbeiten heute die Flüchtlinge und ernähren sich ehrlich von ihrer Hände Werk. Die Vertreterversammlung sprach der Tätigkeit des A.-F.-A. ihre vollste Zustimmung aus. Allseitig wurde anerkannt, daß hier wirklich 'ein produktives, echt jüdisches Werk ausgebant worden ist. Die Versammlung, war sich darüber einig, daß nunmehr, da die reichen amerikanischen Gelder nicht mehr fließen, in Deutschland selbst genügend Beträge aufgebracht werden müssen, um das Werk mit aller Kraft weiterzuführen. Es ist zu hoffen, daß dieser Entschluß 'wirklich in die Tat umgesetzt wird. Das hier begonnene große Werk, an dein alle deutsch-jüdischen Verbände im engen Verein mit den ostjüdischen Organifatio!nen gearbeitet haben und arbeiten, darf nicht zerfallen, sondern muß weidergesührt werden. Das Arbeitersürsorgeamt wird daher bereits in der nächsten Zeit an diie jüdische Oeffenklichkeit herantreten mit der Bitte, ihm die Meiiersührung der Arbeit durch schleunig e Finanzierung zu ermöglichen. Es steht außer allem Zweifel, daß dann auch aus Amerika weitere Mittel fließen werden. Nach der Stellungnahme aller Verbünde steht Won jetzt fest, daß das deutsche Judentum weiterhin mit aller Kraft daran arbeiten wird, die Arbeit des Arbeiterfür sorgeamtes zu' lermöglichien. Berlin, -7. Juni. . Das Zentr al'bwreäu für jüd i s ch e A u s w a n de r u n g s a n g e l e g e n. h eite n (H i lssverein >d e r D e u L s.ch e n I n d e n) macht tne über Deutschland nach .den überseeischen Ländern gehenden jüdischen Auswanderer auf folgendes' auffnerkfam: Viele Emigranten, die beim Antritt ihrer Reise ihr Gepäck bloß bis! zur deutschen Grenze aufgegeben haben, versäumen es, das Gepäck an der nichtdeutschenw ie auch ^an der deutschen Grenze persönlich revidieren zu lassen. Des weiteren versäumen sie dann, das Gepäck der Eisenbahn zur Weiter'beförderung zu'übergeben. Es kommt daher sehr oft vor, daß die Emigranten erst in Berlin merken, daß infolge des von ihnen begangenen Versehens das Gepäck an der nichtdeutschen oder an der deutschen Grenze liegen geblieben ist. Sie sind dann -gezwungen, zur Grenze zurückzukehren, was mit vielen Spesen und großem Zeitverlust verbunden ist. Manche Reise wird hierdurch gefährdet Daher beachte jeder Emigrant, der über Deutschland nach den überseeischen Ländern fährt, folgende Ver- , haltu-ngsmaßregeln: 1. Der Emigrant muß sein Gepäck sowohl -an der nichtdeutschen wie an der deutschen Grenze zollamtlich revidieren lassen. 2. Der. Emigrant muß sein Gepäck zur Weiterbeförderung übergeben. 3. Hat der Emigrant das Gepäck dann wieder nur bis zur Grenzstation auf, deutschjem Boden zur Beförderung! aufgegeben, dann muß er, dort angekommeu, das Gepäck nach erfolgter Zollrevision wieder der Eisenbahn zur Weiterbeförderung übergeben. Die oben erwähnten Fehler werden meist von Emigranten begangen, die, obwohl sie keinem Emigrantentransport irgendeiner Schiffahrtslinie angehören, sich doch während der Reise -einem solchen anschließen. Diese Emigranten befinden sich dann in der irrtümlichen Annahme, daß der den Transport begleitende Agent der Schis,fs,g.es.ellfcha.ft sich auch ihres Gepäckes -annimmt. Es muß daher betont werden, daß die Agenten der Schiffahrtfahjrtslinien sich nur mit das Gepäck derjenigen Emigranten kümmern, die Fahrkarten der vom Agenten vertretenen Linie besitzen, die auch ausdrücklich von der Schiffahrtsgesellschaft der Obhut des Agenten anvertrant worden sind. N8-. Memel, 3. Juni. Konzertsänger Leo G-oll an-in (Berlin), der idealste Interpret des jüdischen Volksliedes, hat hier kürzlich mieibenrnn einen erfolgreichen Liederabend veranstaltet, über welchen das „Memeler Dampfboot" wie folgt.berichtet:; ,Mund zehn Jahre sind es her, seit der große Ausbeuter des jüdischen Volksliedes, Leo Gollanin (Berlin), im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur gesungen hat. Die wenigen, die ihn damals hörten, stellten bewundernd fest, daß seine Kunst, sein Tonpoetentum, in nichts nachgelassen hat. Und bei allen, die ihn zum ersten Male hörten, entzündete die hochentwickelte, technische und geistige Kultur mit dem ersten Ton das Feuer-der Seele. Des Künstlers gut ausgeglichene Stimme, die sich besonders bei den ersten Gesängen zeigte, die klangvolle Reinheit langgezogener Töne bis zum letzten Hauch, die Klarheit der Textaussprache fesselten, die höchste klangliche und seelische Differenzierung der Vorträge und die rhythmische Sicherheit machten erstaunen. Tonvoller klingender Künstlergesang! Ergreifend war die letzte Strophe des; „Aheim", ein Liedchen, das schildert, wie ein in die Heimat zurückgekehrtes jitzdisches Kind nichts mehr vorsindet, auch Vater und Mutter nicht, die längst tot sind. Wie rollende Tränen Perlten die Töne hervor, um bei den Worten „kei Heim" in einem sehnsuchtsschweren lang hingehauchten Seufzer auszuklingen. Von hochdramatischem Ausdruck durchseelt war „Die Mame und das Kind", ein uraltes jüdisches Volkslied, das die Stimmung, nach einem Pogrom, festhält. Das Eili, eili, lomo asoiwtonu?" (Mein Gott, warum hast du uns verlassen?) durchzitterte die bange Frage der Verbannten nach dem Ende des Exils. Recht neckisch war „A'Retenesch" (Rätsel), das herzliches Lachen hervorrief. Stürmische Heiterkeit erweckte das Liedchen „Bulbe" (Kartoffel), das der Künstler wiederholte. Allen Vorträgen wurde reicher Beifall zuteil. Am Schluß der angesetzten Vortragsfolge gingen die Wogen des Beifalls sehr hoch und erzwangen eine Zugabe: „Freitag aus der Nacht". Schließlich gab der Künstler dem' Abend dadurch einen harmonischen Abschluß, daß er die Nationalhymne der Zionisten „Hoffnung" sang, die von den Anwesenden stehend angehört wurde. Ein kurzer Beisallsdank und ein genußreicher Abend war zu Ende. Dank auch gebührt der Gattin des Künstlers, die ihn sicher am Klavier begleitete." r. Breslau, 3. Juni. Die Hauptversammlung der Ortsgruppe Breslau deS „Jüdischen Frauenbunds" fand am 24. Mai statt. Die Vorsitzende, Frau Prof. Guttmann, begrüßte zunächst die zah'lveichen Anwesenden, insbesondere den verehrten Gast, Frau Henriette May (Berlin), und gab in großen Zügen Mitteilung über die erfreu-