Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Weltanschauuriigen ausgeben, unuützlich, wenigstens für die Wissenschaft; sie können durch Erfahrung weder bestätigt noch widerlegt werden. Weltanschauung, wenn es eine gibt, ist eine persönliche Angelegenheit wie die Religion. Gerade die Begriffe, mit denen man bestenfalls auf die uralten Fragen des Woher, Was und Wohin eine Antwort fucht, sind von einem Volke zum andern gewandert durch Entlehnung und Uebersetzung, sind gemeinsames Gut oder Scheingut der Kulturmenschheit, sind zwischen den Völkern, was die Muttersprache zwischen den Menschen des einzelnen Volkes ist. Es gibt also auch nach dieser Auffassung keine deutsche Weltanschauung in dem Sinne, wie wir von einer deutschen Dichtung, einer deutschen Musik oder einer deutschen Notwehr reden." Und wie es keine „deutsche" Weltanschauung gibt, so gibt es auch keine „jüdische" .Weltanschauung, wenigstens nicht in der Art, wie die Gegner der Juden sie ihnen durchaus unterstellen wollen. Wenn man aber trotzdem an einer jüdischen Weltanschauung sesthalten will und sie rein religiös und vom historischen Standpunkte als monotheistisch bezeichnet, dann wird man dem wohl zustimmen können, auch wenn die lieben Freunde, die den Juden kein Verdienst gönnen, mit gewohnter Taktik gleich damit zur Hand sein werden, daß der Lehrer des Pancheismus, Baruch Spinoza, ein — Jude gewesen ist. Wochenschau. Berlin, 23. Mai. om 13. bis zum 17. Mai fand in Hannover der 17. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt, an dem 225 Delegierte aus allen Teilen des Reiches teilnahmen. Die Eröffnungsrede hielt der Vorsitzende Dr. Rosenblüt (Berlin), dann folgten Begrüßungsansprachen von Rabbiner Dr. Freund (Hannover), von Leo Voß von der Londoner Misrachi-Zentrale und von dem Vertreter der jüdischen Gemeinde. Nach der Wahl des Präsidiums referierte Richard Lichtheim über die allgemeine Lage der zionistischen Bewegung. Er besprach das Programm der neuen Exekutive und setzte sich dabei besonders mit dem amerikanischen Programm auseinander: „Die Ereignisse in Jaffa zeigen, daß keineswegs das Ende, sondern erst der Anfang der zionistischen Politik da ist. Die Zionistische Organisation hat Politik zu führen mit den Engländern und mit den Arabern. Es ist unzweifelhaft, daß England an der Politik der Balfour-Deklaration sesthält. Mit den Arabern wollen wir ein friedliches Zusammenleben, aber wir müssen ihnen beweisen, daß wir eine reale Macht sind. Darum ist unsere stärkste politische Waffe die wirtschaftliche Arbeit in Palästina. Um sie zu fördern und gegen alle unsere Gegner stark zu sein, müssen wir innere Streitigkeiten zurückstellen." Für den nationalen Einheitsblock sprachen Dr. Hantke und Julius Berger, für de'n Misrachi Voß und Dr. Aron B a r t h , für die Fraktionslosen Dr. L e s s e r (Mannheim) und Professor Heinrich Loewe, für den Hapoel Hazair Kurt Blumenfeld und Welt sch. Mit großer Aufmerksamkeit folgte die Versammlung den Ausführungen Dr. Rosenblüts über die zionistische Arbeik in Deutschland: „Nur die innere Stärke des deutschen Zionismus würde es ermöglichen, Erfolge auch bei Nichtzionisten zu erzielen. Der Zionismus, vom Bewußtsein des Galut ausgehend, müsse als Freiheitsbewegung das ganze jüdische Volk erfassen. Wir brauchen an leitender Stelle Menschen, die dieses Galmgefühl als Quelle ihres Zionismus besonders stark empfinden. ,Der Ernst unseres Zionismus bewährt sich in unseren Leistungen für den Keren Hajessod und in der Pioniergesinnung der Jugend. Wir wollen durch eine Bündnispolitik ohne Gestnnungskompromisse das gesamte deutsche Judentum für die Palästinaarbeit gewinnen." Der Zionismus hat niemals die Auffassung vertreten, daß die Zionisten in den Ländern des Galut „Fremde" sind. Wir sind —insbesondere i n Westeuropa — durch Bande geistiger und materieller Art mit unseren Mitbürgern verknüpft. Wir betonen nicht unsere „Fremdheit", sondern unsere „Besonderheit", die um so mehr mit einem positiven Bekenntnis zum Staat/ mit einer innerlichen und warmen Beziehung zum Staatsleben verknüpft ist, je mehr der Staat erkennt, daß alle Menschengruppen in ihm das Recht auf freie Entfaltung ihrer Eigenart haben. Gerade da, wo der Entwicklung jüdischer Eigenart freiester Spielraum gelassen ist, dienen die Juden am freudigsten dem Staatsinteresse und fühlen sich am meisten als seine voll mitverantwortlichen Träger." Kurt Blumenfeld erörtert? in zweistündiger Rede die Erfahrungen der praktischen Arbeit des letzten Jahres und die Prinzipien des radikalen Zionismus und wurde nach Beendigung seiner Rede Gegenstand lebhafter Ovationen seitens des ganzen Delegiertentages. Die wichtigsten Punkte, die den . Delegiertentag beschäftigten und die in den vielen Reden und Debatten zur Erörterung gelangten, bildeten neben der Auseinandersetzung mit der amerikanischen Auffassung des Zionismus die innere Krisis im deutschen Zionismus und die Frage einer Verständigung mit den Nichtzionisten, um den Palästinaaufbaufonds schaffen zu können. Folgende Beschlüsse wurden gefaßt: Resolution zur Politik der Exekutive. 1. Organisation. Der Delegiertentag der Z. V. f. D. erblickt in der zionistischen Weltorganisation den Ausdruck der nationalen Einheit und des nationalen Willens des jüdischen Volkes. Dieser nationalpolitische Charakter der zionistischen'-Organisatiion ist die Voraussetzung zur Erringung politischer Erfolge mtito zur Gewinnung der ideellen und materiellen Kräfte zum Aufbau Palästinas. 2. Leitu n g. Der T>elegiertentag fordert, daß der Kongreß eine von einheitlichem Willen geleitete Exekutive ernsetzt, die die verantwortliche Führung auf allen Gebieten zionistischer Tätigkeit ausübt. Der Sitz der Exekutive soll entsprechend den gegenwärtigen politischen, organisatorischen und finanziellen Erfordernissen in London sein. Die Aufbauarbeit in Palästina soll von einem in Palästina wohnenden Teil, der Gesamtexekutive geleitet werden, unter Heranziehung von Vertretern des Jischuw. 3. Politik. Der. Delegiertentag der Z. V. f. D. bekundet sein festes Vertrauen in die von England in der Balfour^-Deklaration nieder gelegte und von der palästinensischen Landesverwaltung unter Sir Herbert Samuel bereits eingeleitete Politik, welche zur Errichtung der nationalen Heimstätte in Palästina führen soll. Der Delegiertentag vertraut darauf, daß keinerlei Zwischenfälle die Durchführung dieser Politik beeinträchtigen werd'en. Es ist der ernste Wille des jüdischen Volkes, den Wiederaufbau Palästinas in friedlichem Einverständnis mit der arabischen Bevölkerung; durchzusühren. Der Delegiertentag erhebt jedoch entschiedenen« Protest gegen die blutigen Exzesse in Jaffa und erwartet, daß der jüdischen Bevölkerung die nötige Genugtuung gewährt und daß für Ausrech'terhaltung der Sicherheit Sorge getragen wird. Der Delegievtentag spricht d-ie Erwartung aus, daß die zurzeit verfügte Sperrung der Immigration unverzüglich wieder aufgehoben wird. Die Stetigkeit der Einwanderung und! Kolonisation ist die unerläßliche Vorbedingung für das Gelingen der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina. 4. K e r e n H a j e s s o d. Der Delegiertentag erblickt in der Schaffung des Keren Hajessod als der zentralen Institution für den Aufbau Palästinas eine Aufgabe aller Inden. Die intensivste Arbeit für den Keren Hajessod muß im Vordergrund aller zionistischen Tätigkeit stehen. 5. Amerika. Der Delegiertentag gibt der Erwartung Ausidiruch daß >die Bemühungen der Exekutive unter Führung Dr. Weizmanns zur Durch-