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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-05-27 · Heft 11 (27.5.1921) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 11 (27.5.1921)
Date
1921-05-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SS. Jahrgang. Nr. 11 Berlin, 27. Mai 1921 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. AbonnementS'preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlaa: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6-*9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ♦ Jüdische Weltanschauung. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! tstNjtNI. (Lissa i. P.). — Wochenschau. — Philipp Mach zum 80. Geburtstage (mit Bild). — Mitteilungen über die Arbeit für " das Bibliothekswesen in Er-ez Jisrael. Don Professor Dr. Heinrich . L o e w e (Berlin). — Der Kontor-entag in Berlin (Stimmungsbild).. Don Fab ius Scha ch. — Die Juden unter den Premhsliden. sSchlutz.j Von Rabbiner Professor Dr. S ch w a r tz (Prag). — Feuilleton: Fvau HannaMaier. [2. Forts.j. Von Anna Go lds ch m i d t. — Jahrzeit. Von Dr. W i l l tz Cohn (Breslau). — Lrter a r i s ch e M i t r e il u n g. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Berlin-Charlottenburg. Tilsit. Lhck. Hamburg, Bochum, Bruchsal. — Von N a h und Fern. Jüdische Meitanlchsuung. Von 'Sanitätsrat Dr. Scher bei (Lissa i>. P.). n den Tagen des Passahfestes werden diesmal wohl viele, ^l in ägyptischer Erinnerung, daran gedacht haben, daß wir nun auch „sieben magere Jahre" hinter uns haben, und sie werden in froher, wenn auch durch die Tatsache etwas gedämpfter Hoffnung den „sieben fetten Jahren" entgegensetzen, die wir nun zu erwarten haben. So manche aber scheinen kein rechtes Vertrauen dazu zu haben, daß uns-diese „sieben fetten Jahre" in Europa beschieden sein werden, und sie erhoffen sie eher vom fernen Osten und Westen, denn noch nie ist der Strom der Auswanderer nach Palästina und Amerika so groß gewesen wie jetzt. Diese modernen Wandervögel erfüllen die Wünsche der antisemitischen Blätter. Aber wenn diese Blätter nicht müde werden zu schreiben: „Jüdische Weltanschauung ist jüdische Weltherrschaft", so sind sie sich vielleicht doch nicht dessen voll bewußt, daß ihre wühlende Agitation nach dem Rezept: „Steter Tropfen höhlt den Stein" Tausende von Juden dazu zwingt, sich die — Welt anzuschauen, um anderswo eine rechtlich gesicherte -Heimstätte zu finden, aus der sie in Ruhe leben können. Sich aus diese Weise die Welt anzuschauen, um ein Plätzchen zu finden, wo sie ihr müdes Haupt hinlegen können, ist ja nun einmal das geschichtlich-ahasv erische Los, das die Juden vielleicht bis ans Ende aller Tage tragen werden; denn Palästina, das „jüdische Land unter englischer Oberaufsicht", ist viel zu klein, um alle wandernden Juden aufzunehmen, so daß sie nach andern Ländern ziehen müssen, die ihnen auch ihre Türen zu verschließen ansangen. . Gibt es nun eigentlich eine „jüdische Weltanschauung", wie sie mit wenig Witz und viel Behagen immer wieder von den antisemitischen Blättern hervorgehölt wird, wenn es gilt, ihre Leser recht gruselig zu machen? In dem Sinne, wie sie sie meinen, sicher nicht. Höchstens in dem frommen jüdisch-optimistischen Sinne des „Gott wird helfen!" oder des „gam su l’toba" (,/ruch dies zum Griten") oder in der stoisch-gottvertrauenden Lebensauffassung, des Hiob, der da spricht: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Aber eine „jüdische Weltaufsassüng" nach bolschewistischem Borbilde (weil zufällig einige Juden an der Spitze dieser Bewegung stehen), die dahin geht, daß alles ruiniert werden muß, damit die Juden auf den Trümmern des Bestehenden ihre Welch errschastsgelüste befriedigen können, gibt es nicht und hat es nie gegeben, auch wenn sich die Antisemiten hundertmal aus phantastische, nie dagewesene Erzählungen aus Romanen von Sir John Retclifse und anderer berufen. Vielfach wird die Frage ausgeworfen: Wie kommt es, daß es unter den Führern der Kommunisten und Bolschewisten so viele Juden gibt, während doch die ganze Geschichte der Juden sie mehr für ein ruhiges, erhaltendes, friedliches Aufbauen, mehr im Sinne der Evolution als der Revolution, geschaffen zu haben scheint? Wir glauben, es liegt, abgesehen von einer gewissen Voreingenommenheit für die Enterbten der Menschheit, in dem kritischen Geiste der Juden, der gewohnt ist, alles haarscharf bis zu Ende zu denken. Das führt sicher oft, in der Wissenschaft sowohl wie in der Politik, und zumal in den Studien und Untersuchungen zur Lösung der sozialen Frage, zu geistigen „Irrwegen", doktrinären Uebertreibungen und heftigen Zusammenstößen in der Praxis. Aber das hat doch wahrlich weder mit dem Judentum noch mit den Juden att sich etwas zu tun. Man sollte daher nicht verallgemeinern und nicht behaupten, daß das die „jüdische Weltanschauung" ist. Es gab eine Zeit (noch während des Krieges), wo man viel von „deutscher Weltanschauung" gesprochen und geschrieben hat. Fritz M a u t h n e r hat einmal (vgl. „Berliner Tageblatt" vom 15. Juli 1917) den Begriff der „deutschen Weltanschauung" untersucht und kommt dabei zu folgenden Ergebnissen: „Weltanschauung erweckt so allumfassende Vorstellungen, daß sie sich nur schwer auf die Wünsche und Hoffnungen "eines einzigen Volkes einschränken lassen, und wenn es die Wünsche und Hoffnungen des eigenen Volkes wären. Aber der Gebrauch und Mißbrauch des Wortgespenstes Weltanschauung ist in den letzten Jahrzehnten so allgemein und so gewöhnlich geworden, daß man sich eigentlich über nichts mehr wundern darf, was von diesem Gespenste ausgesagt wird. Woran denkt man bei dem Begriff Weltanschauung? Eigentlich gar nicht an etwas Klares. Man stellte die uralten Fragen: Woher kommen wir, was sind wir, wohin gehen wir? -Man war aber kein Narr und wartete nicht auf Antwort. Schließlich hätte man entdeckt, daß es ebenso viele Weltanschau-' ungen gibt wie Antworten: eine idealistische und eine realistische, eine optimistische und eine pessimistische, eine religiöse und eine gottlose und noch andere mehr. Jede der vielen Weltanschauungen ist also geradezu das Gegenteil von einer Anschauung oder einer gesicherten Erkenntnis; sie ist viellnehr nur etwas wie eine Ansicht, eine vorläufige Annahme, eine Hypothese. Während aber die oft sehr nützlichen Hypothesen der Naturwissenschaft Erklärungsversuche sind, die nach weiteren Erfahrungen entweder zum Range von Gesetzen erhoben oder fallen gelassen werden, sind diejenigen Hypothesen, die sich für

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