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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-05-13 · Heft 10 (13.5.1921) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 10 (13.5.1921)
Date
1921-05-13
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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120 JFrau Hanns Maier. (1. Forts.) Von A n n a G o l d s ch in i d t. ls die Alten Rudolf das Geschäft übergaben, d. h. die Leitung, Mitinhaber waren sie geblieben, waren sie nach unseren kleinstädtischen Begriffen reiche Leute gewesen. Die heutigen Maierschen Umsätze und Einkünfte wirbelten für uns schon im Märchenhaften herum nnd wurden von skeptisch veranlagten Leuten zuerst mit einem ungläubigen „wenn's wahr ist! hingenommen und dann mit tiefem Respekt weiter berichtet. Den Auswärtigen erzählte man sie als eine der Merkwürdigkeiten der Stadt. Leute, denen es gut geht, vertragen sich meistens gut. Der waghalsig geniale, witzig flotte Neffe, die steifleinene, weltabgewandte Tante standen auf zärtlich neckendem Fuße miteinander. Das heißt: er neckte; sie brummte lind tadelte, bis er sie ins Lachen brachte. Seine Methode war, mit aller Welt fertig zu werden. Es waren kleine drollige Geschichtchen im Umlauf, wie er die gallige Tante zu nehmen wußte, und wie sie ihn nach allen Regeln der Kunst m ihrer kratzbürstigen Art verwöhnte. Als Rudolf Maier eingezogen wurde, schrumpfte für seine Tante Amalie der Weltkrieg zu einer einzigen, fein kostbares Leben bedrohenden Flintenkugel zusammen, und sie soll das Menschenmögliche geleistet haben im Paketschicken. Dabei ist er, glaube ich, niemals in Gefahr gekommen. Kein Mensch konnte heute noch glauben, daß die beiden einmal, allerdings nur in geschäftlicher Beziehung, Gegner gewesen waren. Mit welchem Stolz mochte wohl heute Tante Amaliens Auge den gewaltigen strahlend erleuchteten Häuserkomplex überschauen, aus dem, wenn die Fabrikpfeife, ertönte. Tausende wohlbezahlter, zufriedener Arbeiter und Arbeiterinnen nach allen Seiten strömten und an dessen Stelle hier früher zwischen brachliegendem Gelände und elenden Häusern das langggestreckte, schmalbrüstige Fabrikhaüs gestanden hatte, in dem die Arbeiterinnen vor Frau Amalies Jnspizientenblick gezittert und über zu geringe Freiheit geschimpft und die Arbeiter stumpf und dumpf ihre nüchterne Tagelöhnerarbeit getan und ihren freudlosen Tagelohn eingestrichen hatten. Heute war das alles anders. Herr Rudi gab mit vollen Händen, Geld und Freiheit; er machte die Arbeiter von materiellen Sorgen frei, er führte ein selbsterfundenes System ein, das sie am Gewinn beteiligte, und es wurde Fabelhaftes geleistet nach dem Rezept, das die Eilten, am wenigsten aber Frau Amalie, wohl nie begriffen hätten, daß freie zufriedene Menschen mehr und Besseres schaffen als mürrische Knechte. Ab und zu, auch das sprach sich herum, war eine von den Arbeiterinnen allzu zufrieden und glückselig gewesen. Es hieß, auch darin habe Herr Rudi eine glückliche Hand. Es hatte noch immer ohne Tragik geendet. Vater und Onkel erfuhren nichts davon, und Tante Amalie auch nicht mehr, seit sie das eine Mal, als man sich ratsuchend an sie gewandt, gezeigt hatte, wie sehr sie noch der alten ungerechten Schule angehörte, die dem Weib alle Schuld und Schande aufbürdet und keine Gnade und Schonung kennt. Seitdem ordnete Herr Rudi solche kleine Peinlichkeiten immer ohne die „helfende und heilende Frauenhand". Der eine Werkführer dankte seinem ältesten, vier Wochen nach der Hochzeit geborenen Söhnchen, das unverkennbar den Maierschen Familientypus zeigte, den mitgebvachten Wohlstand mit ewiger Hochachtung, und auch seinem jungen Chef blieb er dauernd dankbar gewogen. Und mit unserem Stadttheater war Herr Rudi auch alljährlich eng liiert. O ja, sein Junggesellentum kostete unendlich viel Geld — na, das machte ihnr ja nichts —, und Tränen kostete es wohl auch, und das — machte ihm wohl auch nichts. , Olga, Steinberg! Der schöne Rudi mag schon viel angerichtet Haben, aber bei den Tränen muß ich doch nur an Olga Steinberg denken, denn ihre Augen sahen aus wie lauter Tränen und schlaflose Nächte und langes, jahrelanges Herzweh. Ich begriff vollständig, daß im Hause Steinberg sich der ständige Kummer der Eltern über diese „fixe Idee" der Tochter zu wahren Familienkonslikten gesteigert hatte, die schon oft plötzliche Reifen Olgas verursacht hatten und von denen sie doch immer ungeheilt, und ohne den Eltern mehr als vorher den Willen zu tun, zurückgekehrt war. Jetzt 'pflegte sie Verwundete. Vorher hatte sie sich schon in den verschiedensten Berufen versucht, immer wieder herausgerissen von ihren eigenen Unruhen und dem Verlangen der Eltern, die ihr einziges Kind für sich haben und dann recht gut verheiraten möchten. Gelegenheit bot sich für das reiche und noch immer schöne Mädchen unzählige Mal. Und sie schlägt alle Partien aus und verzehrt sich in Sehnsucht nach dem einen, der es so wenig verdient, der sich ihr wohl auch einmal wie so vielen anderen ein wenig genähert hat, der sich nicht zur Ehe entschließen kann, doch aber auch nicht völlig mit dem armen reichen Mädchen bricht. Steinbergs und Maiers, die beiden angesehensten Familien unserer Stadt, die früher innig befreundet waren, sollen schon einmal ganz auseinander gewesen fein dieser Sache wegen, aber Olga selbst bahnte den Verkehr zwischen den beiden Häusern wieder an. Nun lebt sie blaß und in gereiztem Widerstand gegen die stumm gewordenen Wünsche ihrer Eltern ihr freudlos eintöniges Altjungfernleben und hat sich wenigstens das spärliche Glück erobert, ihren Angebeteten ab und zu sprechen zu dürfen. Und er pflegt harmlos den Verkehr und quält die Aernrste sicher maßlos damit, daß er das ihr und aller Welt gegenüber „Freundschaft" nennt. Wissen möchte ich nur, wie Herr Maier junior innerlich, so vor sich ganz allein, seine Lebensweise mit seinem streng gläubigen Standpunkt in Einklang bringt, denn — ein zweites Spiel der Natur — der „schöne Rudi" ist orthodox, so orthodox wie die Alten. Und daß sie in diesem Punkt, der ein Hauptpunkt bei den Maiers ist, übereinstimmen, erklärt wohl viel die völlige Harmonie zwischen den gegensätzlich Gearteten. In dem Punkt kennen sie alle keine Duldsamkeit. Der schöne Rudi — übrigens bemerke ich eben, daß er gar nicht mehr schön ist; er sieht doch recht verlebt aus neben der blühenden Stiefmutter. Umsonst werden sie ihn ja auch nicht so schnell' zurückgeschickt haben vom Militär — spricht liebenswürdig eifrig, sehr eifrig sogar, von der rechten Seite auf sie ein. Und auf einmal stöhnte ich ordentlich "auf vor Schreck über mich und meine Schlechtigkeit. Gestern beim Tee haben wir uns noch selbstgefällig erzählt, daß wir in einer Beziehung ganz gewiß besser seien als die „alte gute Zeit". Teekränzchen gibt es noch, aber Klatschkränzchen ganz gewiß nicht mehr. Sicher, wir Heutigen reden nicht mehr über unsere Nebenmenschen. Das kommt, weil wir vielleicht doch aufgeklärter, tiefer durchgeb — — na, ich will uns lieber keine Elogen machen. Eben fühle ich mich höllisch weit weg von der Aufgeklärtheit und der durchgebildeten Tiefe. Aber warum sähe sie sonst so — so — nun, wie soll ich sagen? — so innerlich festlich, so angeregt und belebt ans? Herr Jakob Maier ist doch nun mal ein Greis — Herr Gott, nun stolpert er noch gar über den Rinnsteig. Und gleich ist er umringt, sorglich gestützt von seinen vier Getreuen, Die schöne Frau und der Sohn sehen ganz verändert aus vor Schreck und Teilnahme. Wenn die eben noch andere Gedanken gehabt hätten, die zwei, dann — allen Respekt vor der Disziplin im Maierschen Hause, sie wissen sich zu beherrschen. (Fortsetzung folgt.)

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