Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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85. Jahrgang. Nr. 7 MltflClIlCitlC Berlin, 1. April 1921 Ein unparteiliches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehn täglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rndolf Mosse, Berlin. ffftftolf* Louis Lewandüwski. Zu seinem 100. Geburtstag. Von ümjOll-. B. Jacobsohn (Berlin-Friedenau). — Wochenschau. — Vaterland und Weltbürgertum. Von Dr. € t t o Philipp N e u - mann. — Louis Lewandowski. Ein Gedenkblatt zu seinem 100. Geburtstage. -Von Musikdirektor Aron Fried m a n n (Berlin). — Wiener Brief. Von H az o fe. — Tie jüdische Bühne.. Von Sam u e l Me i.seis (Wien). (4. Forts.s —' Feuilleton: Pogrom und Krieg. Schauspiel in fünf Akten. Von Meta Opet-Fuß (Breslau). ^Schluß.) Literarische M i t t.e i l u n g e n. — B ü ch e r e i n l a u f. — Berichtigung.- Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg.-Memels Breslau, Oppeln. .Offenbach a. M.. Mannheim, Budapest. — Von Nah und Fern. Louis Lrwandowldi Zu seinem 100. Geburtstag. Von M I acvb s o h n (Berlin - Friedenau). . Bvgeisterumg. . . „Fassest du die Aknse beim Zipfel, Hast.du wenig nur getan; Geist und Kunst auf ihrem höchsten,Gipstl Akuten alle Menschen an." Goethe. in Jahrhundert schließt am 3. A p r i l dieses Jahres, seitdem der Synagoge in Louis Lewandowski ein Tonkünstler von Gottes Gnaden erstehen sollte, ein genialer Komponist, dessen Schöpfungen für den jüdischen Gottesdienst zn denbesten dieser Art gezählt werden können und die von bleibendein Wert sind. Wenn Goethe, diesererhabene Schönheitsapostel im weitesten Sinne, zur Kennzeichnung höchsten Kunstschaffens meint: die Kunst auf ihrem höchsten Gipfel - - und die Musik ist ja die edelste Kunst - mute alle Menschen an, jo wäre man versucht, den Künstler Lewandowski ■ einen recht Großen auf seinem Spezialgebiete zu nennen, denn seine Werke muten nicht nür an, sie begeistern und erheben zu Gott. Nicht ohne tiefe Bedeutung ist es, wenn der Dichter seinem Vierzeiler die Ueberschrist „Begeisterung" voransetzt.- Sie ist die Voraussetzung und der mächtigste innere Antrieb für den schaffenden Künstler, wenn er sein Ideal erreichen soll. Und Leivandvwskis Lobenswert, das der Derhervlichnng Gottes gelveiht ist, trggt deutlich die Merkzeichen tiefinnerlicher Begeisterung. Wohin es gedrungen ist - und es hat sich weiter Verbreitung zu erfreuen —, hat es überall die Gemüter zu frommer Andacht emporgehvben. Es erübrigt sich indes, an dieser Stelle auf den Werdegang dieses berühmten Sangmeisters näher einzugehen, und die ersten Anfänge künstlerischer Betätigung des jugendlichen Regens chori bis zum Höhepunkt seiner Leistungen zu verfolgen, zumal das rein biographische Material bereits in anderen Arbeiten zusammengefaßt vorliegt'). Hier handelt esst sich vornehmlich um ein Mort des ') Siehe Friedmanns „Lebensbilder", II. Teil, Berlin 1921. Ferner Joseph Singer in der „Oesterreich-Ungarischen Kantorenzeitung", Wien 1886: Gedenkens zu Ehren des hochverdienten Mannes anläßlich seines hundertsten Geburtstages, zugleich als Ausdruck des Dankes eines seiner ältesten Schüler. Der Verfasser weiß sich darin eins-mit der großen Anzahl von Kantoren, die in Lewandowski ihren Wegweiser, Führer und fruchtbaren Anreger zu eigenem Schaffen verehren. Denn für ihren eigenen künstlerischen Gesangsvortrag an heiliger Stätte hat ^er Unvergängliches geschaffen, weil seine Gesänge ihres musikalischen Inhalts sowie.ihrer Formschönheit wegen niemals ihre andächtige Wirkung auf die Zuhörer verfehlen. In einer Würdigung des Meisters zu dessen sechzigstem Geburtstag sagt der Verfasser unter-anderem"): „Der Gottesdienst in der stNeuen Synagoge" zu Berlin ist bezüglich seines musikalischen Teils ausschließlich das Verdienst des genialen Leiters desselben; ihm ist es auch zu danken, daß dieser Gottesdienst trotz der weitgehenden Neuerungen, welche die eigentliche Gebetsliturgie im Lause der Zeit erfahren hat — und die gegenwärtig noch weitere wesentliche Veränderungen ausweist — durch die musikalische Ausgestalt ung entschieden einen konservativen Charakter besitzt." Wie aber dieser Künstler es verstanden hat, unsere altehrwürdigen Melodien in neuer Gestalt festzuhalten und ihnen neuen Reiz zu verleihen, das wissen diejenigen Fachmänner zu beurteilendie etwas tiefer in den Geist dieses Jahrhunderte hindurch brächgelegenen oder verunstalteten Gebiets gedrungen find. Auch die von Lewandowski neu geschaffenen Gesänge, Rezitative, Soli für den Kantor und die vielen Chöre atmen jüdischen Geist und jüdische Empfindungsweife, weshalb der Gottesdienst bei allen fortschrittlichen Veränderungen seine bodenständige Eigenart besitzt. Damit ist aber die historische Kontinuität gewahrt geblieben: der -einzig' richtige Standpunkt, den der Synagogenkomponist einnehnsen muß, wenn das Charakteristische unseres Gottesdienstes mit der Zeit nicht gänzlich ver-1 lorengehen soll. . „Wir stehen aus den Schultern unserer Vorgänger", sagte mir einst mein hochverehrter Lehrer Lewandowski. Einer der bedeutendsten seiner Vorgänger war aber unstreitig der berühmteste Kantor des neunzehnten Jahrhunderts, S a l o m v n S u l z e r, dessen Standardwerk „Schir Zion" den jungen Musiker und Chorleiter mächtig anzog, seine Phantasie beschwingte und ihn zu Neuschöpfungen sicherlich mit anregte. Was Wunder, wenn dieser auserwäihlte Sangmeister feine eigenen Wege ging, aus der Seelenfülle und aus den Tiefen seiner eigenen Gefühlswelt heraus dann Werke schuf, die Entzücken und Bewunderung hervorriefen! Seine gesamte Musik für die „Neue Synagoge" in Berlin,, wo er übet ein halbes ") Siehe.Jacobsohn „Der israelitische Gemeindegesang", S. 14—18, Leipzig 1884.