Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 4 (9.1.1838)
- Date
- 1838-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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£6 Correspoirdeuzeii, Auszüge, Repliken. Aus Papa, (Schluß.) Oft fühlt man sich versucht, auszurufen: Wäre eS doch nur ganz beim mittelalterlichen Alten geblieben! fände der Jude nur noch heute, wie ehemals, seine irdische — wenn auch unfreiwillige — Unglückseligkeit seiner himmlischen Bestimmung so sehr untergeordnet, daß er sein einstiges Heil mit der erlittenen peinlichen Bedrückung diesseits, und mit der Wiedervergettung an seinen Feinden jenseits in ein gerechtes Verhältniß stellen könnte, wie ehemals! Er fände Beruhigung in dem Forschen der heiligen Schrift und ihrer Auslegung und bestiege triumphirend den Scheiterhaufen, oder duldete, was noch mehr ist, die heutige, höhnende und herzzerschneidende - Verachtung seiner Mitmenschen mit Gleichgiltigkeit. Aber seitdem den Juden der Zutritt zu den Wissenschaften geöffnet, und die humanen Gefühle in den Herzen derselben allgemein Platz gefunden; da es fast keinen Juden und 'chwerlich mehr nur einen Rabbiner gibt, der dem Nichtjuden einen Lheil an Gott und seine Ansprüche auf das Himmelreich rreitig machte, — seitdem will der Jude, wie natürlich , auch 'einen Theil an der Erde nicht gern aufgeben. Die gelauterten Ideen des Jahrhunderts haben ihm die ausschließenden Ansprüche auf das Jenseits benommen , und ihm dafür Selbstgefühl und Erkennung der eigenen, aber gefesselten Kraft gegeben. Diejenigen aber, die mit der Beschlußnahme über unser Geschick gewöhnlich betraut werden, wie des Gutachten freier Städte, Innungen, Zunft- und Gemeinde-Korporationen u. s. w., werden uns nie unser menschliches Recht gewähren, und doch sind es diese und ihre unhaltbaren Entgegnungen, welche auch von den Großen und Bessergebildeten entweder zu sehr berücksichtigt, oder doch zum willkommenen Vorwand angenommen werden. Es bleibt daher nichts übrig, als dem Anstoße des Zeitgeistes in der gegebenen Richtung zu folgen. Es handelt sich darum, alle unsre moralische und geistige Kraft möglichst und gegen alle anstrebende Hindernisse zu entwickeln, und auf diese-Weise die Mitwelt oder doch die nächste Generation davon zu überzeugen, daß es wenigstens cm uns nicht liegt, wenn der Staat, den wir und unsere Vorfahren seit Jahrhunderten haben tragen und erhalten geholfen, uns noch immer als Fremdlinge betrachtet, und von unfern Mitbürgern als solche behandeln läßt. Nehmen Sie, Herr Redakteur, den aufrichtigsten Dank der mir Gleichgesinnten, für die Bemühung und Leitung, der Sie sich bei Herausgabe Ihrer Zeitschrift unterzogen haben. Die Richtung unserer Zeit ist eine solche, daß weder Völker noch Ideen mehr durch Feuer und Schwert, sondern durch Wissen, Bildung, Humanität, und durch deren Vermittlerin, die Presse, emanzi- Pirt werden können. Die edle Freiheit, mit welcher Ihr geschätztes Blatt nicht scheuet, jeden ungerechten Gegner offenen Visirs rn die Schranken zu fordern, die weise Mäßigkeit, mit welcher Sie den Feind jedes Mal nur zu entwaffnen, doch nie zu verletzen bedacht sind; die Festigkeit, mit welcher Sie durch die Dornen unseres eigenen Aberglaubens, wie durch die Schaar der mit vergifteten Pfeilen kampfenden Judenfeinde Ihrem unverrückten Ziele entgegen gehen — das alles zeigt von einem Streben, das Ihnen alle beffergesinnte Menschen befreunden, aber die höchste Achtung selbst bei Ihren und unfern Gegnern erwerben muß. — Doch ich kehre nach Papa zurück. — Wer zur Heilung eines Nebels beitragen will, muß die Ursachen desselben aufzufinden rrachten, und an der Unmöglichkeit ihrer Erforschung scheitert oft die Kur des erfahrnsten Künstlers. — Bei Untersuchung des berührten Uebels dieser Gemeinde fallen auf besondere Weise Ursache und Wirkung in ein einziges Moment zusammen. Der einheimisch gewordene Mangel an solchen Anstalten , die eine zeitgemäße gerstige und religiöse Bildung der Israeliten Hervorbringen sollten, verursacht zugleich, daß das Bedürfnis einer solchen Anstalt gar nicht gefühlt wird, und ich bin überzeugt, daß dem einmal angeregten und erwachten Gefühle die kräftige Lhat bald folgen würde. Ich möchte die Schwierigkeit zur Errichtung von geeigneten Lehranstalten nicht/ wie so oft geschieht, in dem Widerspruch und in den Gegenbemühungen der^Alten, am Herkömmlichen, wenn auch äußerst Mangelhaften, Festhaltenden finden. Es liegt in der Natur -der Menschen, daß in der Civilsation weder Wissenschaft, noch irgend eine Erfindung des Geistes sich überall und allgemeinen Eingang verschaffen konnte — mit Ausnahme des Falles, wo eine weise, aber auch physische That im Stande ist, das Gute einzuführen, ohne die Meinung des Volkes befragen zu dürfen — bis nicht die Nothwendigkeit die Menschen darauf führte; so wie im Gegentheil alles'Gute bei den Menschen Aufnahme findet, sobald es ihnen durch Umstande oder Gewohnheit zum Bedürfniß geworden. Demnach thate es Noch, die israel. Einwohner Papa's daran zu gewöhnen, oder davon zu überzeugen, daß ein besserer Unterricht für ihre Kinder-riöthig und von der höchsten Wichtigkeit sei, woran zu glauben ihnen bisher nicht eingefallen war. — Wol gibt es daselbst, wie auch unter ihren Vorstehern und Vertretern Mehre, denen eS an besserer Einsicht und redlichem Willen nicht gebricht, das Gute zu befördern, und die jeden humanen Zweck nicht nur mit ihrem Rathe, sondern auch mit ihrem Gelde und ihren Kräften unterstützen möchten. Auch ist der Gedanke an eine bessere Einrichtung deS ifraelit. Schulwesens schon öfters in den Gemeindesitzungen zur Sprache und Verhandlung gekommen. Aber diese wenigen würden zu stark in Anspruch-genommen, wenn sie allein die Schule jfonturen sollten, und im Allgemeinen findet der Gedanke wenig Anklang. Denn je unwissender ein Mensch ist, desto mehr ist dieser in der Regel mit seinen .Kenntnissen zufrieden, und die Schule, in welcher er selber Unterricht empfangen, dünkt ihm für seine>Kinder und für die Jugend aller Welt noch lange gut genug, diejenigen abgerechnet, welche des unverbesserlichen Glaubens sind, daß in jeder Schule, wo nur Unterncht in deutscher Sprache gegeben wird, den Kindern nichts anderes als das völlige Aufgeben der Religionsgesetze beigebracht wird. Wie ist aber dem abzuhelfen? wie macht man besseres Wissen zum Gemeingut unter den hiesigen Juden? wie könnte auf die Erwachsenen eingewirkt werden, und ein glücklicher Einfluß hierdurch auf die kommende Generation gewonnen werden? Ich weiß es nicht! die wenigen mit besserer Einsicht Versehenen sind nicht in der Lage, ihre subjektiven Gesinnungen auf ihre Committenten zu übertragen. Es sind Männer, die ihr Geschäft und ihre anderweitige Sorge haben und ein Oberhaupt ist nicht da, welches die verschiedenen Kräfte und Meinungen in sich aufnähme und koncentrirte. Der in sehr hohem Rufe und großer Autorität gestandene Rabbiner W. R ap poport ist vor 9 Monaten, als ein in den letzten Lebensjahren unthatiger Greis von 86 Jahren zu einer bessern Welt entschlummert, und einen andern zu wählen, ist noch nicht in Anregung gekommen. — Hier ist vielleicht der einzige Punkt, wo der Menschenfreund seinen Hoffnungsanker auswerfen darf. Wenn die Gemeinde bei ihrer einstigen Wahl nicht so sehr die Berühmtheit und ausgezeichnete Gelehrsamkeit berücksichtigen und lieber einen jungen, thatkräftigen Mann wählen wird, der nickt eben witzige oder scharfsirmige Bemerkungen über die heilige Schrift, bei den wenigen Schriftgelehrten niederlege, sondern bestrebt sei, den Geistesarmen und Ununterrichteten ein heiliger Vermittler zu fein, der ihn durch religiöse Belehrung seinem Gotte näher bringe, und, was besonders Noth thut, ihn Eindringlich belehre, daß nicht nur das Gebet, sondern jede Ausübung von Bürgertugend und Menschen Pflicht, nicht minder ein Gottesdienst sei, und daß die moralische und religiöse Leitung seiner Gemeinde es ist, die dem Rabbiner als erste Pflicht gelten müsse; so könnte, bei den hinreichenden financiellen Mitteln in Papa eine der blühendsten Gemeinden im Königreiche entstehen. Redacteur: vr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.