Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 Die Beschränkung -er Einwanderung in Amerika. Washington, 23. Fvbrrmr. (Havas.) Die vereinigte Senatnnd Kammerkomm'isston, die den Gesetzentwurf über die Beschränkung der Einwanderung in die Vereinigten Staaten zu. prüfen hat, hat den Entwurf des Senats angenommen, wonach während fünfzehn Monaten vom 1. April an gerechnet die Zahl der Einwanderer einer Nation drei Prozent der Zahl ihrer zur Zeit der Volkszählung des Jahres 1910 :n den Vereinigten Staaten angesessenen Volksgenossen nicht übersteigen dürfe. Molk Trllmek. Ein Säkular - Denkmal. Von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer (Hamburg). (Schluß.) s geschah einst in der Residenz Oesterreichs, daß ein hoher Würdenträger der katholischen Kirche im Stephansdom eine judenfeindliche Sonntagsrede hielt; es war der Kardinal Rauscher, die Blätter berichteten davon. Am folgenden Sabbat, Schemini, bestieg Jellinek die Kanzel, und in scheinbarer Ruhe sprach er oder besser las er ans der Bibel, die er gewohnheitsmäßig aufschlug und nach Textverlesung wieder schloß: „Wir lesen heute aus der Heiligen Schrift: „Wenn der Priester in das Heiligtum eingeht, um den Gottesdienst zu verrichten, darf er weder Wein noch andere betäubende Tränke genießen. Was", so predigte der Meister, „besagt dieses Gebot, was will die Thora hier uns heute lehren? — Ein Priester darf kein Rauscher und ein RauscherkeinPriestersein!" — Sapienti sat. Zündend war dieses F r i ed e n s w o rt, das Jellinek «inst, der echte „Ahronsjünger". in seiner Rede über R. Jochanan ben Sakkai gesprochen: „Das Judentum ist eine Religion des Friedens unter den Menschen, der Freiheit des einzelnen, der Gleichheit aller vor Gott, der Wahrheit für Hohe und Niedrige, der reinsten Gottes- und der tätigsten Menschenliebe, ist eine Religion, welche weder innerliche Beschaulichkeit noch äußerliche Werktätigkeit begünstigt, nm mit unserem Propheten Ezechiel zu reden: eine Religion des Geistes, welche Frieden stiftet, Freiheit atmet, Gleichheit begründet, Wahrheit verbreitet, Liebe erzwingt, und dieses Judentum R. Jochanan ben Sakkais beherrscht immer größere Kreise, dringt immer tiefer in das Bewußtsein der Menschen ein, tritt immer siegreicher in der Geschichte einher!" Ein anderer Kernspruch ist es. in dem Jellinek seinen „Talmndjnden" schildert: „Er ist nicht schlaff und schläfrig, kein Kopfhänger und kein Nachbeter, nicht leichtgläubig und abergläubig, kein finsterer Frömmler und kein frömmelnder Betbruder, sondern ein freier Mann, der von seiner Geisteskraft vollen und frischen Gebrauch macht, um die Erscheinungen, die auf ihn einwirken, zu verstehen und auf dem Weg >der Erkenntnis immer weiter fortzuschreiten. Er ist «in Mann des Friedens, reizt nicht, hetzt nicht, schreit nicht, verabscheut es, Stamm gegen Stamm, Sprache gegen Sprache, Konfession gegen Konfession aufzustacheln, Haß und Feindschaft zu erregen. Wie die Biene aus Blumen Honig saugt, so nährt er ans den Blättern des Talmuds seinen Geist in friedfertiger, menschenfreundlicher Lehre, die er dann im praktischen Leben, im Hause, in der Gemeinde, im Staat, im Verkehr mit allen Völkern und Religionsbekenntnissen zu befolgen und . zu beobachten sich bemüht. Er ist ein treuer Jünger des ersten H o h e p r i e st e r s (Talmid schel Ahron). Er liebt und fördert den Friede n." So lehrte, dachte, schrieb, sprach und wirkte er, Ahron Jellinek, dieser Hohepriester des neuzeitlichen Judentums, ein halbes Jahrhundert bis zu seinem 74. Lebensjahre. Nach schwerem körperlichen Leiden, nach dem Verlust seiner Gattin erfolgte sein Heimgang m die Ewigkeit. Am 28. Dezember 1893 entriß ihm Jurpevator Tod den blühenden und reiche Früchte tragenden „A h r o n s st a b". mit dem er Millionen priesterlich geleitet, und schloß die beredten Lippen, aus denen Honig und Milch vom gelobten Lande der Gotteserkenntnis der Thora und der Wissenschaft in Fülle geflohen zur Belebung des Geistes und zur Erbauung der Herzen. Die Trauer um ihn war eine allgemeine, nicht nur in Wien, wo, wie um den biblischen ersten Hohenpriester, das ganzeHaus Israel weinte, mit seinen drei Söhnen und zwei Töchtern und deren Familien die große Gemeinde erschüttert trauerte, die Tempel in schwarzen Hüllen wehklagten und während des riesigen Leichenzuges die Straßenlaternen der Stadt brannten, in ganz Oesterreich-Ungarn und Deutschland und soiveit die Hiobskunde in -d i e Welt gedrungen. An seinem Grabe sprachen die Amtsbrüder M. Güdemann, A. Schmidt, I. Wolf, Rektor Schwarz, M. Kayserling (Budapest) und A. Kisch (Prag) und an den folgenden Sabbaten die Geistlichen und Wortführer Europas von dem schweren Verlust eines großen Fürsten im Reiche des Geistes, während seine Schüler, zu denen ich stets mit Stolz mich zählte, den Glisaischen Schmerzensrns: „Vater, Vater, Wagen Israels und sein Lenker!", tränenreich durch alle Lande trugen. Vorwärts wie der Wagen und sein Lenker wollte er ganz Israel bringen, ihm das hohe ethische Religionsideal in kristallener Klarheit vor- und darstellen. Daher singt und klingt eA in der Seele aller, was der unsterbliche Jellinek einst geredet über Religion und die Art ihrer Darstellung: „Die wahre Religion soll nicht nur den Geist erleuchten, von Wahngebilden und Truggestalten befreien. sondern wie die Sonne auch erwärmen. Denn die religiöse Aufklärung, die nicht die Tiefe des Herzens durchdringt, gleicht den Wintevsonnenstrahlen, die auf eine harte Eisdecke fallen, es glitzert und glänzt, scheint und schimmert, spielt verschiedene Farben, und doch ist das fruchtbare Leben der Natur unter Einwirkung des Frostes erstarrt; nur wenn das Herz vom Gott erfüllt ist, ihn warm un!d lebendig hegt und fühlt, entsteht der Funken religiöser Begeisterung., welcher die Seele durchzuckt, entflammt, sie bald in heilige, sichere, sveudige, selige Stimmung versetzt, der edelsten Vorsätze und Entschlüsse fähig macht." Was diese Eigenart seiner religiösen Vorträge anlangt, die viele veranlaßt hat, ihn den „l eb endigen Midrasch" zu nennen, das kündet fein Goldmund bei der Behandlung der r a b b i n i s ch e n P o e s i e „A g a d a ": „Sie wendet sich an die Vernunft und gibt ihr durch tausend Sprüche, Gleichnisse, Sinnbilder und Erzählungen eine sichere Anleitung, das Erhabene vom Niedrigen, das Edle vom Gemeinen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Sie beruhigt, beschwichtigt und tröstet das Herz, ermutigt in Stürmen des Lebens und der Geschicke und der Geschichte. Sie ist ein funkelnder Edelstein, dessen Farbenspiel das Auge ergötzt wie das Manna in der Wüste, das den Wanderer einst labte, stärkte, erquickte und die wunderbare Eigenschaft besaß, daß jedes Lebensalter, Kind, Jüngling, Mann und Greis, in ihnen den Geschmack einer Speise fand, die ihm zusagte. Sie gleicht dem Most, der, jung und mild, die Seele heiter stimmt, die Zunge löst und zu gefälligem Gespräch ermuntert. Aber sie hat auch «inen tiefernsten Charakter, und sie lenkt den Geist auf Wesen, Willen, Walten Gottes und seiner Werke, zeigt uns in der Geschichte die Pfade göttlicher Wahrheit und Güte, wodurch wir begeistert werden, Gott in seiner Herrschaft zu verherrlichen. Sie hat nicht Israel allein znm Inhalt, sie berührt auch andere Nationen, wie Chaldäer, Meder, Perser, Griechen, Römer, Parther, deren Gesetze, Sitten, aber nicht die Völker, die die Bande des Heidentums gelöst und durch