Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 38 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Als Wortführer des Frankfurter Ortsausschusses hielt Dr. Eduard Strauß eine Begrüßungsansprache, die mit begründeter Verehrung den Namen Hermann Cohen nannte und aus der man erfuhrdaß das Streben des Vereins mit der Errichtung eines Forschungsinstituts bereits eine wichtige Stufe der Verwirklichung erstiegen hat. Da Rabbiner'Dr. Baeck (Berlin), der über die Prinzipien, des jüdischen Geisteslebens sprechen sollte, am Erscheinen verhindert war, erwuchs dem anderen Vortragenden, Rabbiner Dr. Nobel (Frankfurt), die Aufgabe, allein für die ideelle Ausfüllung des Festrahmens zu sorgen. Er löste sie mit einer zwar locker gefügten, aber geistgesättigten Betrachtung: „Von Gabirol Zu Goethe". Die Brücke zwilchen dem Größten der deutschen Dichtung und jenem jüdischen Dichterphilosophen aus dem maurischen Spanien des elften Jahrhunderts, dessen „Lebensquell" als vermeintliches Werk eines arabischen Autors durch die Jahrhunderte hin die Geister beschäftigt hat, schlug der Nachweis, daß beider Denken, immer wieder um das uralte Rätsel kreist, wie sich die verwirrende Fülle der Einzeldinge zu dem All-Emen als tragendem Urgrund verhalte. Die Ueberlieserung zeigt Goethe hier in der Gefolgschaft Spinozas. Doch ob auch unter dessen die Materie und den Geist kühl-mathematisch parallelisierendem System verborgene Mystik glühe — näher als der große Pantheist des siebzehnten Jahrhunderts steht dem Weimarer Olympier nach der Ueberzeugung Nobels (der für die Möglichkeit einer realen Einwirkung über Giordano Bruno als Zwischenglied .das. Zeugnis Erich Schmidts anruft) Gabirol mit seiner für die jüdische Nechtgläubigkeit fast frevelhaften Lehre, daß das allumfassende göttliche Urwefen neben den geistigen zugleich auch materielle Elemente und Formtendenzen in sich hege. Zu dieser Verkündigung spricht das Wort Goethes, der sich betrachtend in die Weltwirklichkeit vertiefte, um stets aufs neue die göttliche Einheit des Seins zu erleben und als Bildner zu bezeugen, ein freudiges Ja. Und wie Gabirol trotz seines kühnen Unterfangens, begrifflich Positives von Gott auszu sagen, im letzten, sich vor dem Geheimnis beugte, vor dein alles irdische Gewirr und alle Spekulation versinkt, so ist auch für die Weltdeutung Goethes alles Drängen, alles Ringen „ew'ge Ruh' in Gott dem Herrn". — Nach überleitenden Worten von Dr. Strauß stattete sodann Justizrat Dr. Lilienthal (Berlin) den Frankfurter Gesinnungsfreunden und Helfern den Dank des Verwaltungsausschusses der Akademie ab. Professor Tr. Des sauer (Berlin), von dem Vorstand und der Arbeitsgemeinschaft des Forschungsinstituts entsandt, lieh der Zuversicht Ausdruck, daß sich Frankfurt dank den hier gegebenen beispiellos günstigen Vorbedingungen zu einer Hochbürg erneuten jüdischen Geisteslebens entwickeln werde. Von Ksh unv Fern. -- A ls Auftakt der großen Hilfsaktion für das deutsche Kind fand beim Reichspräsidenten ein Teeabend statt, an dem die führenden Persönlichkeiten der großen Hilfsorganisationen aller Konfessionen und Parteien teilnahmen. Als Vertreter der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden nahm der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Bildhauer Eugen C a s p a r y, an der Veranstaltung teil. — Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden veranstaltet am Montag, den 2 4., und Dienstag, den 2 5. Januar 19 2 1, im Anschluß an den Gemeindetag. des Deutsch-JsraetitiMn Gerneindebundes in Berlin ihre Wohlfahrtstagung, auf der eine Reihe für die Ausgestaltung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland überaus wichtiger Fragen zur Besprechung gelangen wird. Nähere Mitteilungen über -die Referenten und die Tagesordnung werden demnächst bekannt-gegeben. — In £ st e - t o de (Ostpreußen) starb nach kurzer Krankheit das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Herr Max F r i e dl ae nd e r. JahrzehiNtelang hat er die Interessen seiner Heima.tgemein.de und der Stadt Osterode als Stadtverordneter und in zahlreichen Ehrenämtern in selbstloser Weise wahrgenommen. — Das Gymnasium in Waldenburg beging kürzlich die Feier seines 50jährigen Bestehens. Zu dem Festakt erschien eine Anzahl der Festtetlnehmer mit dem Hakenkreuz. Vom Festausschuß wurde die Teilnahme am Kommers'von der Ablegung des Hakenkreuzes abhängig gemacht und diese Forderung mit Pcm für die Dauer des Festes zwischen den Teilnehmern vereinbarten Burgfrieden begründet. Die antisemitische Presse tobt über diese Verhinderung ihrer Hetzpropaganda bei einem friedlichen Fest. — Aus Breslau wird uns geschrieben: Der Heimgang von Fräulein Jenny Elb o gen, die durch ihre Persönlichkeit wie als wissenschaftliche, und Religionslehrerin gleichermaßen hohe Wertschätzung genoß, wird hier in den weitesten Kreisen schmerzlich empfunden. Die Beerdigung, die am 29. November stattfand, gestaltete sich zu einer warmen Trauerkundgebung. Die weite Friedhofshalle war dicht gefüllt, und tiefergristen lauschten alle, die erschienen waren, der Verewigten die letzte Ehre zu erweisen, den rührenden Worten treuen Gedenkens, die Professor Dr. Elbogen' (Berlin) seiner Schwester, mit der ihn das innigste Verhältnis verband, widmete. — Zum leitenden Arzte der gynäkologischen und geburtshilflichen Abteilung im Krankenkause der Israeli tischen Gemeinde zu Frankf u r t a. M. wurde an Stelle des verstorbenen SanitätSrats Dr. Baerwal'd Professor Dr. Franz Cohn dortselbst gewählt. -- Man schreibt uns aus Aachen: Herr Lehrer Wallach Vorsitzender . des Vereins israelitischer Lehrer im diesseitigen Bezirk, ist -als beratendes Mitglied für die Angelegenheiten der jüdischen Volks- und Religionsschule in die Aachener Orts- und Bezirkslehr er kammer berufen worden. — Professor Glotz, Dozent für griechische Geschichte an der Universität in Paris, wurde zum Mitglied der Akademie ernannt. Damit zählt die Akademie zwölf Juden und zwar Henri Bergson, Hadamard, Lippmann, Ferdinand Vidal, Brunschwig, Levy-Bruhl, Lyon-Caen, Raphael Georges Levy, Salomon Reinach, Theodore Reinach und Baron Edmond de Rothschild. — Die Alliance Jsraelite hat in der von ihr gegründeten und unterstützten. Normalschule in Paris einen neuen Kursus für hebräische Sprache und jüdische Literatur eingerichtet, deren Leitung dem früheren Direktor des Seminars in Konstantinopel, Rabbi Abraham Danon, einem bekannten Pädagogen und Hebräer, übertragen wurde. — Die „Jca" (Jewish Colonisation Association) bemüht sich, in Palästina Arbeitsmöglichkeiten für jüdische Einwanderer zu schaffen. Sie stellt zu diesem Zweck auch Maschinen und Geräte zur Verfügung. Ferner wird sie Kredite zum Häuserbau bereitstellen. — Wie das Jewish Correspondanoe Bureau aus Jerusalem mitteilt, ist dort der Begründer der Jüdischen Nationalbibliothek, Dr. Josef C h a s a n o w i c z, gestorbon. — Aus Bukarest wirb gemeldet, daß sich in Rumänien 1000 Familien zu einer Genossenschaft vereint haben, um nach Palästina zu übersiedeln. Ihr Kapital beträgt 30 Millionen Lei. — Eine Meldung aus Warschau besagt: Die Regierung verbot den Juden Handel mit Gegenständen, die für christlichreligiöse Zwecke gebraucht werden. — Eine große Anzahl russischer Juden aus Buchara flüchtete vor den Bolschewisten nach Indien. Sie verlangen, daß man ihnen Pässe nach Jerusalem, ihrer ursprünglichen Heimat, ausstellen, soll. — In Palästina -langte eine interessante Einwanderergruppe .aus Sibirien an. Es handelt sich um zwölf Penrfonen unter Führung von Nowe menski, .dem Vorsitzenden des Jüdischen Nation-alrats und der Zionistischen Organisatro-n Sibiriens. Nur mit großer Mühe hat diese Gruppe von der bolschewistischen Regierung die Ansreise-erlaiubnis bekommen. Als sie bereits unterwegs waren, wurde ncch ein Verhaftungsbefehl gegen sie' erlassen. Die zwölf Personen -haben darauf eine unsäglich schwere Wanderung durch die Wüste Gobi vollführt, bis sie schließlich nach langer Reise Palästina erreichten. — Aus New Jork wird berichtet: Aus eine Begrüßung des jüdischen „Tageblattes" -an Harding erhielt das Blatt aus der Kanzlei des künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas folgendes Antwortschreiben: „Senator Harding verurteilt alle Verfolgungen der Juden aufs schärfste, wie er überhaupt gegen jede Art von Gewalt und Ungesetzlichkeit ist. Präsident Harding wird diese Auffassung vorn Rechte aller Menschen zur Grundlage seiner Regierungspoliitik machen. — Herr Julian L -ewit veröffentlichte ein Buch über die Teilnahme der amerikanischen Inden am Kriege. 225 000 jüdische Soldaten umfaßte die Armee, Proportionen um ein Drittel größer als die andere Bevölkerung. 3500 sind gefallen und 1800 verwundet. Unter ihnen waren 10 000 Offiziere, von denen 60 den Obersten rang bekleideten. — Jacob H. S chr f s hinterließ der Vereinigung /der. Jüdischen Philanthropisch-en Gesellschaften in New Jork 5Ö0 000 Dollar, dem Montefiore-Heiin und Krankenhaus für chronische Krankheiten 350 000 Dollar, dem Jüdischen Theologischen Seminar von Amerika 150 000 Dollar, dem Hebrew Union College in Cincinnati 100 000 Dollar und einer Reihe weiterer Institutionen Beträge von 50 000, 25 000, 10 000 und 5000 Dollar. Verantwortlicher Redakteur: Alb e rt 5t atz in BerlirvPankow, Florastratze 88. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max ZungF, Bevlinckvtedenau. Druck und Verlag von Rudolf Moste.