Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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und wies in einer Ansprache darauf hin, wie gerade die hiesige Gemeinde einesteils schwer betroffen wurde, andern-teils es dafür zeugt, dah Israels Söhne wohl ihre Pflicht gegenüber dem. Vaterlande zu erfüllen wissen. Nach -den Ansprachen 'der Vertreter der Stadt und der nulitärifcfjen Behörden sprach noch Dr. mod. Hirsch als Rangältester int Namen des Jüdischen Frontsoldatenbundes tietempsundene Worte der Kameradschaftlichkeit und der Vater'andsliebe, und die ganze Feier wurde durch ein Jiskorgebet und Kaddi'ch von 'unserem Rabbiner Tr. Straßbur,gier abgeschlossen.. Tie ganze Feier war umrahmt von Liedern eines Männer'doppelquartetts. Allen, die an beiden Feiern teilgenommerr haben,, worden diese Stunden der tvehmütigen Erinnerung, der stillen Mahnung und des Trostes im Andenken bleiben. — Am 17. September waren es auch nach deutschem Datum fünf Jahre, daß am Kolnidreabend unser Seelsorger Rabbiner Jef. Straßburger sel. von uns genommen ward. Es ist für die Israelitische Gemeinde daher dieser Abend besonders ernst, da sein Andenken unter >allen Gemeindenritgliedern, weiterlebt und sein Wirken und Schassen während seiner kaum zehnjährigen' Tätigkeit immer wieder erwähnt und nie vergessen werden' wird. Än seinem Todestage wurde die synagega-le Feier zur Einweihung des Ehrensviedhofes abgehalten und -damit -im stillen auch dessen gedacht, der die schweren Stunden des Kriegsbeginns .und weiteren^ Verlaufes mit seiner Gemeinde tief empfunden und der auch zu dem Ehrenfriedhofe! die Anregung' gegeben hat. Von Nah und fern — Die jüdischen Religionsvereine der südwestlichen Berliner Bororte Protestierten am vorletzten Sonnabendabend in einer in Friedenau abgehaltenen Versammlung gegen die Wahl des Tr. Löwenstein zum Oberstadt'schulrat. Schriftsteller Karl Beer der das Referat hielt, lehnte Tr. Löwenstein als Dissidenten und Nichtfachmann ab. Die jüdischen Eltern legten den größten Wert daraus, daß ihre Kinder eine religiöse Erziehung erhielten. Es wurde schließlich folgende Resolution angenommen: „Tie jüdischen Religionsvereine von Friedenau, Steglitz, Lichterfelde, Zehlendorf, Lankwitz, Südende und Dahlem Protestieren gegen die Wahl des Dr. Löwenstein zum Oberstadtschulrat von Berlin aus religiösen Gründen. Mit unseren christlichen Mitbürgern stehen wir auf dem Standpunkte, daß die Religion der Schule erhalten bleiben muß und wünschen, daß auch der iüdische Religionsunterricht zu reinem Rechte komme." - Die -diesjährige Generalversammln ng des H i l f s v e r e i n s der Deutsche n I u-den findet, wie bereits mitgeteil.t, Montag, den 11. Oktober 1920, abends 7 Uhr, in Berlin, Flug verbandhaus (früher Anw althaus), Blumeshof 17, statt. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Dr. James Simon, Herr Tr. Paul Nathan und Herr Generalsekretär Dr. Bernhard tt a h n werden über die Tätigkeit des Hilfsvereins berichten. — Der Verband der Ostjuden warnt vor einem etwa 35jährigen Mann, der sieh K r a u s nennt und mit einer gefälschten Sammelliste Spenden für etwa 40 Personen, die angeblich vor kurzer Zeit aus Bistriza (Siebenbürgen) geflüchtet sind, aufzubringen sucht. Kraus gibt an, daß er in Wien von der Anita-Müller ^Stiftung unterstützt worden sei und daß er die Absicht habe, mit der ganzen Gesellschaft nach Argentinien auszuwandern. Er zeigt Listen vor, auf denen sich die slcamen namhafter Berliner. Firmen befinden. Es wird gebeten, ihm vorkommendensalls sofort sämtliche Papiere abzunehmen. — Für die durchreisenden Ostjuden ist in Berlin im früheren städtischen Asyl in der Wiesenstraße eine Unterkunft eingerichtet worden. Die Leitung ist dem Jüdischen- Arbeiterfürsorgeamt üebrtragen' worden. —- Der Reichst und jüdischer Frontsoldaten veranstaltete am Sonntag, 26. September, vormittags IVA Uhr, auf dein Ehrenfelde des Friedhofes in Weißensee, Lothringer Straße, eine Gedenkfeier. — Aus Kattowitz .wird berichtet: In der letzten Zeit haben reaktionäre Blätter mitgeteilt, daß in die Kattowitzer Schieberaffüre Pasdzernik auch der dortige Stadtrat Guttmann verwickelt sei. Durch Rückfrage hat der Zentralverein festgestellt, daß Stadtrat Guttmann zwar kurze Zeit in Haft genommen, mangels jeglichen Verdachts aber aus dieser bereits entlassen worden ist. In die ganze An-gelegenhei't ist überhaupt kein Jude verwickelt. — Kurz vor Schluß des Blattes geht uns die traurige Nachricht zu, daß Professor Dr. M. B r a n n , Dozent am Jüdisch-theologischen Seminar zu. Breslau, am 26. d. M. im Alter von 71 Jahren verschieden ist. — Die in Nunrmer 31 aus der Wiener „Wahrheit" reproduzierte Notiz, betresfenld den 70: Geburtstag des Herrn Rabbiner Dr. Leimdörfer in Hamburg war, wie das genannte Blatt jetzt berichtigt, verfrüht. — Die Hauptversammlung des Deutschen Monistenbundes, die am 6. September in Weimar tagte, streifte in ihrer Stellungnahme zur Politik auch die Judenfrage. Als ein Rückfall in die traurigste Kulturbarbarei wurde der Antisemitismus bekämpft und die Beseitigung aller Rassefragen gefordert. — Aus Bad Nauheim wird geschrieben: Trotz aller großen Schwierigkeiten wurden während dieses Sommers im hiesigen Israelitischen Frauenheim 13.5 herzkranke Frauen und in der Israelitischen .Kinderheilstätte 176 herzkranke -und skrofulöse Kinder verpflegt. Beide Anstalten sehen sich bewogen, auch während der Wintermonate Kranke in beschränkter Zahl gegen Vergütung der Selbstkosten zu verpflegen. — Aus Frankfurt wird gemeldet: Bei Gelegenheit der Eröffnung einer Warenausgabestelle der American Relief Administration Warenhoufe teilte Oberbürgermeistier Vo-igt mit, daß der Bankier James S p e y e r in New-Iork, einer der Hauptsörderer dieser in gemeinnützigem Sinne für die Verbesserung der Volksernährung in Europa wirkenden Gesellschaft, vor kurzem der Frankfurter Universität eine Stiftung in Höhe von VA Millionen Mark zum Andenken an seine verstorbene Schwester, Frau Eduard Beit v. Speyer, machte. Der Oberbürgermeister sprach dem anwesenden Spender den Dank der Stadt aus. — Seit einiger Zeit treffen in Basel zahlreiche beßarabische Juden ein, welche nach San Paolo (Brasilien) auswandern. Sie kommen von Triest und begeben sich über Mailand, Basel, Genf nach Marseille, woselbst die Einschiffung erfolgt. Sie wurden von dem Auswanderungsagenten P. Christophides in Triest (Hotel de la Bille) offenbar unter falschen Versprechungen überdie Verpflegung auf der Reife ausgebeutet und -anstatt auf dem kürzesten auf dem nicht nur kostspieligen, sondern auch Zeitraubenden und mühevollen Weg über Basel nach Brasilien gesandt. Das Jüdische Auswanderungsburean in Basel hält sich für verpflichtet, hierauf die Hilfsgesellschaften aufmerksam zu machen. — In Wien starb -am 10. August der berühmte Professor der Ohrenheilkunde Dr. Adam Pollitzer, 85 Jahre alt. Der Verewigte war auch Präses des Wiener Jüdischen Museums und nahm an allem, was die jüdische Gemeinde betrifft, stets regen Anteil. Er war eine Zierde der Wiener Universität wie der berühmte Elektrotherapeut Professor Moritz Benedikt, der in demselben Alter am 14. April d. I. starb. Professor Benedikt stammte aus der alten Jüdischen Gemeinde Eilenstadt in Ungarn. — Die Pester Jsraelitifche Religionsgemeinde hat den Ankauf der Bibliothek des verstorbenen Oberrabbiners Dr. Samuel Kohn beschlossen, die, mit der schon früher erworbenen Bibliothek Wilhelm Bachers vereint, die Grundlage einer öffentlichen Bibliothek der Gemeinde bilden wird. Diese Bibliothek, für deren Einrichtung schon alle Vorkehrungen getroffen sind, wird vorläufig zweimal wöchentlich dem Publikum und den Forschern zur Benutzung geöffnet sein. Zum Leiter der neuen Bibliothek wurde der Rabbiner Dr. Max Weiß -eingesetzt. — Laut „Mantuirea" hat der hebräische Dichter Bialik an die rumänische Regierung das Ansuchen gerichtet, ihm die Einreise nach Rumänien zu gestatten, da er das bolschewistische Rußland verlassen und mit Familie nach Palästina übersiedeln möchte. Dem Ansuchen Bialiks wurde stattgegeben; seine baldige Ankunft in Beßarabien steht bevor. — Entgegen anderslautenden Meldungen berichten die „Times" telegraphisch aus Palästina, daß die jüdische Einwanderung ohne Zwischenfall eingesetzt hat. Die allwöchentlich zu Hunderten ankommenden Immigranten finden Unterkunft und Arbeit in jüdischen Kolonien. Die Behörden erließen eine Verordnung, wonach jede anttliche Kundgebung in englischer, arabischer und hebräischer Sprache publiziert werden muß. -- Beamte der American Federation of Labour erklärten, daß der amerikanische Kongreß aufgefordert werden wird, neue Gesetze zur Eindämmung der Einwanderung -aus Europa zu beschließen. Im Lause des Juli sind 56 105 neue Immigranten in Amerika eingetrofsen, deren Zahl noch viel größer wäre, wenn nicht der Mangel an Schiffsraum so .groß wäre. — Aus New Dort -wird gemeldet: Das Amerikanische jüdische Komitee erhielt von dem Falascha-Forscher Dr. Jacques F a i t l o v i t s ch, der im November Amerika verließ, die Nachricht, daß er hoffe, in der Abefsymen sich anschließenden italienischen Kolonie Erythräa bis Ende des Jahres ein Seminar zur Heranbildung von jungen Falaschas zu Lehrern zu errichten. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastpatze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Zunge, Berlin-Friedeltau. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.