Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 21 Berlin, 21. Mai 1920 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wüchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. - Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Der Segen der Sinaistunde. Von Bezirksrabbiner Dr. ipilljull« B e e r rn a n n (Heilbronn). — Die Abschiaffung der Predigklieder. Vom Georg Minden. — Die Woche. — Das jüdische Religionsideal. Von Rabbiner Dr. L u d w i g P i ck (Berlin). — Indische Universitäten. Von Friedrich Cvns i >l i a r i u s. — Der Begriff „kndosch" und seine Gegensätze. Von I. Herzberg (Brom'berg). fSchlutz.f — Ern Buch von Clemencoau. Nach N. W. I. (Wien). — Feuilleton: Fest der Offenbarung. Bon S. K a tz (Gelsentirchen). — Moses, auf Sinai. Von S. A s ch n e r. — Esther. Roman von Clementine Krämer. [7. Fortsetzung.f Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentiuns"): Berlin, Königsberg, Warmbrrmn i. Schl., Breslau, Düsseldorf. Heilbronn, Zürich, Budapest. — V>o n N a h und Fern. Der Segen der Sinsiltunde. Zum Sckabuothfeste. Von Bezirksrabbiner Dr. Beer mann (Heilbronn). Sinniger Brauch schmückt den Gottesaltar am Gedenktage der Offenbarung mit -den Blumen der Flur und dem Laub des Waldes. Die Gottesgabe, der die Feier gilt, die Thora, ist selber ein Immergrün, ein Lebensbaum. Sie hat Israel, das schmerzgekrönte, das Leidgewöhnte, mit unbezwing* barer Dulderkraft und unbesiegbarer Heldengröße gegürtet: Als Gott die Thora seinem Volke gab, sprach er zum Todesengel: Der Lebensborn der Thora wird sich an diesem Volke mächtiger erweisen als dein tödlich Gift . . . Es gehört zu den zündenden Gedankenblitzen des Sohar, daß bei der Auslegung der Offenbarungsgeschichte darauf hingewiesen wird, wie ein wunderbarer, seelischer Zusammenhang zwischen der Gäbe, dem Spender und dem Empfänger waltet, wie Thora, Moses und Israel von demselben Geiste durchrauscht und durchflutet sind, der aus Gott strömt und in Gott mündet. Die Thora! Der Judenhaß, der heute gegen die Iudenheit Sturm läuft, hat auch dem Judentum den Vernichtungskampf angesagt. Drei Vorwürfe schleudern die Feinde der Thora entgegen: 1. Sie bietet nicht Gesinnungs-, sondern Gesetzesreligion. Als ob nicht die Forderung „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen" ins Heiligtum der Gesinnung führte! Hat doch der ritenstrenge Talmud das Wort geprägt: nachmajia libba bai, „Gott will das Herz!" Und dringt nicht der Schlußakkord des Zehnworts: „Du sollst nicht gelüsten", in die innersten Tiefen des Gewissens? Das Leben im Gesetz hat seinen Sinn und Wert. Es will durch eine feste Ordnung die Gemeinschaft mit ewigen Gedanken durchdringen und ihr die idealen Ziele auf Schritt und Tritt vor Augen hätten. Aber nur insoweit sich .in ihr Gesinnung ausspricht oder durch sie Gesinnung geweckt wird, hat sie für unsere Frömmigkeit Bedeutung. 2. Das Thora-Judentum soll einen Gott der Rache kennen! Es spricht im zweiten Gebote von dem Gotte, „der ahndet die Schuld der Väter an den Kindern". Ja, kann denn die Tochterreligion, die einen Gott der Liebe predigt, die Tatsache der Vererbung leugnen, wie sie nicht nur Ibsens „Gespenster" so überaus bühnenwirksam dar^tellt, sondern das Leben sie täglich in wahrhaft erschütternder Deutlichkeit predigt. Und waltet nicht auch hinter dieser Naturgesetzlichkeit der Gotteswille, der uns durch Hinweis auf diesen Zusammenhang das Verantwortlichkeitsaefühl schärfen und gegen den verderblichen Einfluß des Bösen wappnen will? Der Gott der Liebe wird genugsam betont, heißt es doch: „Er wahret seine Gnade bis ins tausendste Geschlecht," hat er sich doch kundgegeben als der Gott „barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue." Ja, der Talmud gebraucht als gewöhnliche Benennung der Gottheit den Ausdruck Rachmana, „Der Erbarmer." 3. Die Forderung der Liebe, die dieser Gott ergehen ließ, sei auf den Stammesgenossen beschränkt. Nun erläutert doch die Thora selber, wie sie ihr Gebot im 19. Kapitel des dritten Buches verstanden wissen will. Nachdem sie erst befiehlt: Du sollst lieben deinen Nächsten, er ist wie du", betont sie Vers 36 ausdrücklich: „Wenn in eurem Lande ein Fremdbürtiger weilt, so sollst du ihn lieben, er ist wie du. Er trägt Menschenantlitz, ist Gotteskind wie du." Und steht nicht an der Pforte der Offenbarungsgeschichte der Satz, der reinsten Humanitätsgeist und allumschließenden Universalismus atmet: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein, ein heilig Volk," die Führer zu Gott und zum Guten für die ganze Menschheit: Ki li kol haarez, „Denn mein sind alle Lande"? Der Geist der Liebe und Gerechtigkeit hat Moses an den Sinai getrieben. Was dieser Geist an verklärender Macht vermag, er hat in ihm Leben und Gestalt gefunden. Der Leidenschaftliche, dessen Vulkannatur in dem feuerspeienden Offen* barungsberge sein Gleichnis hat, der in der Zornesglut den gewalttätigen Aeghpter niederschlägt, wird zum Heiligen der Geduld und der aufopfernden Liebe. Der, der dankbar den Namen der ägyptischen Königstochter trug, die gesagt hatte, ich habe ihn gerettet, fühlt sich gedrängt, wo er nur kann, sich als Moscheh, als Retter und Helfer zu bewähren. Und wie er als Kind nach der Sage dem Tyrannen, auf dessen Schoß er spielte, die Krone vom Haupte riß, so hat er sein lebelang der angemaßten Gewalt ihr Recht streitig gemacht und auch die Krone der» Pöbelherrschaft, nach der der Aufwiegler Korah trachtete, in den Staub geworfen. Und während andere Erlöser und Befreier der Selbstvergötterung nicht entgingen, blieb er ein Mensch in schlichter Güte! So ganz Mensch. Das ist seine Größe. Das meint die talmudische Scherzfrage: „Wo kommt Mose zuerst in der Thora vor?" Antwort: „Bereits in den ersten Kapiteln der Thora, da heißt es: beschaggam hu basar, weil 'er nur Mensch war." Gott hat für Israel ein Herz gehabt, wie Israel für Gott ein Herz gehabt hat. Das war unsere Gnadengabe, für den ethischen Monotheismus ein.wundervolles Feingefühl gehabt zu haben. Oder schärfer gesagt: Das war unser Gottesgeschenk, daß in unserem Volke Menschen lebten, die nicht ruhten, bis sie den Gott der Liebe und Gerechtigkeit fanden und seinem