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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-03-12 · Heft 11 (12.3.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 11 (12.3.1920)
Date
1920-03-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 12. März 1920 84. Jahrgang. Nr. 11 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3SI — Postscheckkonto 324. Begründet von Rsddlner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46 49, zu richten. Verlag von Rudolf Alosfe, Berlin. flttftftTf* Organisation, Normallehrplan, Einheitssiddur. Vorschläge Mß ui)Uli. von Rabbiner Dr. Neu selb (Briefen). — Gesamtorganisation des deutschen Judentums. Don Dr. I s m a r Freund (Berlin). — Die Woche. — Ferrenerholung für Kinder des Mittelstandes. Von Dr. C. Finkel (Berlin). — Sidonie Werner. Von Marie V e s;- mertnh. — Die Tragik im Leben eines jüdischen Dichters. Von I. Herzberg (Bromberg). — Ein Zitat aus der Bibel im Talmud. Von Rabbiner Dr. F r i-e d m >a n n (Lublinitz). — F e u i l l e t o n: Hersch Nieslech. Von Elias N a ch t (Berlin). — Literarische M i t - t ei l u n ge n. — Spre ch s a a l. — Drucksehl e rberichti g u n g. Der Gemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitrmg des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Wreschen, Breslau, Lübeck. Aachen, Düsseldorf, Siegburg, Haag, Budapest. — Von N a h und Fern. Organisation, Aormallehrpisn Linheitsüddur. Vorschläge von Rabbiner Tr. Neufeld (Briefen), eine Ausführungen in Nr. 35 dieser Zeitschrift vom 29. August 1919, die von den Vorteilen einer Judenorganisation sprachen, Haiden, soweit mir bekannt, keinen Widerhall gefunden. Dennoch komme ich heute aus diese mit jedem Tage brennender werdende Frage zurück. Heute, wo aus politischen Gründen Tausende von Juden ihre kleinen polnisch werdenden Gemeinden verlassen, wo fast alles in Berlin zusammenströmt und ehemals angesehene Gemeinden zusammengeschmolzen sind und vor dem Zusammenbruch stehen, heute empfinden wir den dringend nötigen Ausgleich zwischen Groß- und Kleingemeinde, auch in finanzieller Hinsicht, als eine der wichtigsten Gegenwartsausgaben. Was hat es für einige wenige Großgemeinden für Vorteile, daß immer mehr Juden aus Provinzgemeinden sich dort zusammendrängen? In finanzieller Hinsicht jedenfalls sind die Vorteile belanglos, das Mehr an Steuern, und wenn es selbst in die Hunderttausende geht,, ist für Berlin wenigstens — doch nur ein Tropfen am Eimer. Und was geht den kleinen Gemeinden mit diesen Tausenden leistungsfähiger. Juden verloren? Die heften Balbattim, die Intelligenz, die den anderen geistige Anregung zu geben vermag, verschwindet aus der Kleinstadt und taucht iin Meer der Großstadt unter, wo man ihrer Anregung nicht bedarf. Die steuerkräftigsten Mitglieder gehen den kleinen Gemeinden verloren und machen ihnen so die Existenz fast zur Unmöglichkeit. Wie anders, wieviel besser für die religiöse Entwicklung würde sich alles gestalten, wenn durch eine Zwangsorganisation für einen Ausgleich in finanzieller Hinsicht gesorgt wäre, wenn eine gleichmäßige Judensteuer im ganzen Reich alle Gemeinden zu ihrem Rechte kommen ließe! Es sind wirklich nicht materielle Interessen, die hierbei auf dem Spiele stehen, sondern die höchsten ideellen Güter der Religion. Geld ist nun einmal der nervus rerum und die Voraussetzung für alles Schassen; nicht nur zum Kriegsühren, sondern auch zu jeder Friedensarbeit gehört Geld. Und darum muß die Notwendigkeit einer gleichmäßigen Judensteuer ^zum Ausgleich zwischen Stadt und Land, zwischen Großnnd Kleingemeinde so dringend betont wenden. Die Schaffung der Organisation könnte aber auch unmittelbar in das geistige Leben der einzelnen Gemeinden tief eingreisen und große Erfolge zeitigen. Ter seit Jahrzehnten geforderte Normallehrplan für den Religionsunterricht ließe sich gesetzlich einführen, und vielleicht wäre es auch möglich, ein einheitliches Gebetbuch oder genauer gesagt: zwei Gebetbücher, je eins für konservative und für liberale Synagogen, zu schassen. Im profanen Unterricht gilt es als selbstverständlich, daß der gesamte Unterricht im ganzen Lande nach einheitlichen Gesichtspli alten und einem einheitlichen Lehrplan erteilt wird. Und bei uns? Wie oft hat man schon die gleiche Forderung erhoben, wie oft hat man Ansätze dazu gemacht! In Westprenßen ist ein Lehrplan für den Religionsunterricht an Volks- und Religionsschulen gemeinsam vom westpreußischen Synagogenverband und westpreußischen Rabbinerverbanö ausgestellt worden und wird allen Gemeinden zur Benutzung empfohlen. Aber wo bleibt die Behörde, die sich mit Nachdruck für die tatsächliche Benutzung des Lehrplans einsetzen kann? Herr Rabbiner Dr. Rosenberg (Thorn) hat vor Jahren im Aufträge des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland einen Lehrplan für den Religions¬ und Geschichtsunterricht an höheren Schulen ausgearbeitet. Der Lehrplan ist in verschiedenen Kommissionssitzungen eingehend beraten worden, man hat ihn in einer öffentlichen Versammlung des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Berlin vor etwa vier Jahren gründlich durchgesprochen; aber wer hat ihn in seiner Gemeinde eingeführt? Es bleibt alles dem Belieben des einzelnen Lehrers überlassen. Das ist aber wahrlich kein Jdealzustand, wenn nach dem biblischen Ausspruch jeder tut, was recht ist in seinen Augen. Wer hat den Nachteil davon? Das jüdische Kind und damit die Zukunft des Judentums. Denn wenn ein Kind aus einer Gemeinde in eine nur 20 Kilometer entfernte Nachbarstadt kommt, wird es entweder in eine tiefere Klasse zu jüngeren Kindern gesetzt werden, weil in der alten Gemeinde nicht genug gelernt wurde, oder aber es hat mehr gelernt, als in der neuen Gemeinde je gelehrt wird, und erhält überhaupt keinen Unterricht mehr. Bei Einführung eines Normallehrplans ließe sich all dieses vermeiden. Ohne die Lehrfreiheit zu beschränken, könnten wir dann die gleichen Vorteile erreichen, die der profane Unterricht bei uns bietet. Denn wenn heute ein Volksschüler oder Gymnasiast aus Memel nach Köln oder aus Schleswig nach Kattowitz kommt, wird er ohne Schwierigkeit in die entsprechende Klasse ausgenommen und kommt in den meisten Fällen ohne Zeitverlust vorwärts. Wie im Unterricht, sieht's leider auch im Gottesdienst aus. Jede Gemeinde hat ihren eigenen Siddur. In Danzig wird anders gebetet als in Breslau, in Berlin anders als in Frankfurt a. M. Wenn man will, könnte man in dieser Freiheit einen Vorzug sehen, der sogar der geschichtlichen Begründung nicht entbehrt. Selbst unsere Sch'mone Eßra, der Kern des

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