Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 bcm christlichen Block hervorgegaugenen Kabinett, inn-erh-M der eigenen Partei, ringen zwei Strömungen um die Macht. An der Spitze der einen steht Ministerpräsident Karl Huszar, der bestrebt ist, den Wünschen der Entente und den Gesetzen der politischen Moral in der korrektesten Weise nachLekommen; die andere trägt seinen Vorgänger — und gegenwärtiger Kriegsminister im Kabinett — Stefan Friedrich. Vor kurzem noch Inhaber einer kleinen Reparatürwerkstätte, die ihm genügte, um sich als „Fabrikant" zu bezeichnen, wandte er sich, da das Geschäft nicht ging, der Politik zu undmachte sich nach dem Sturze des Bolschewismus durch einen Putsch, Zum Ministerpräsidenten der ungarischen Republik. Von der Entente nicht anerkannt, wurde der zum Rücktritt gezwungene, in seiner Eitelkeit gekränkte Mann, der schon bisher -den gefährlichen Kurs der Straße eingeschlagen hatte, zum Scharfmacher, der mit den Verhältnissen nicht rechnen ' will und keine Rücksicht auf die Nähe der Friedensverhandlungen nimmt. Lieber heute als morgen möchte er eine Schreckensherrschaft einführen, die ihn wieder hochbringen soll, den weißen Terror, der eigentlich ein schwarzer ist, -und sucht alle unruhigen Elemente für sich und seine Pläne gegen den Sozialismus und das Judentum zu gewinnen. Ob er Ministerpräsident sei, oder nicht, erklärte er letzthin, geschehen werde hier doch nur, was er will. Seither nimmt man ihn nicht mehr ernst. Er hat dennoch alle Hände voll zu tun und er scheint viele Hände zu haben. So wenig glaubt dieser Mann daran, daß es mit seinem zufälligen Ein-tagsglück nun endgültig vorbei sein könnte, daß er die ihm seinerzeit zugestandene Wohnung eines Ministerpräsidenten im Ministerprüsidinm seinem nunmehrigen Nachfolger mit dem Bemerken nicht überließ, daß er, Friedrich, nach den Wahlen im Januar oder Februar ja ohnedem wieder Ministerpräsident werden würde: also lohne es sich ihm nicht, auszuziehen. Gab mm der gegenwärtige Ministerpräsident fremden Missionen im Mnisterprüsidium ein Souper, so fand sich die Gesellschaft immer in der ganz kölnischen Situation, daß der vormalige Ministerpräsident und nicht der gegenwärtige eigentlich der Hausherr war und so auch der jetzige Ministerpräsident nur sein Gast. . . Hinter Friedrich steht unter anderem auch die sogenannte antis e m i t i s che P a r t e i, die sich regelrecht konstituierte und ihre Visitenkarte mit der vollständigen Demolierung des sozialdemokratischen Organs „Nepfzava" mxb des großenliberalen' Blattes „Est" abgegeben hat. Kein Fenster, keine elektrische Birne blieb intakt. Tie eisernen Rollbalken wurden mit Stemmeisen gelöst, Gemälde und Wanddekorationen besudelt, die Schreibmaschinen mit Hämmern zertrümmert; in die Setzmaschinen und Notationspressen wurden Bleistücke eingelassen, welche die Maschinen bei der Inbetriebsetzung sprengten. So geschehen lvenige Tage, nachdem eine Regierungsverordnung über die Scherung der freien Ausübung der bürgerlichen Freiheitsrechte erschienen ist. Tie aufrührerischen Hetzen, die man gegen die einer gewissen Richtung nicht willfährige Presse in Wort lind Schrift von unverantwortlicher, mitunter sogar von Verantwortlicher Seite in Szene setzte, tragen so ihre Früchte. Nun wird rede Nedakuon Tag und Nacht durch gewaltige Aufgebote bewacht. Die Sozialdemokraten aber haben eine Gemlgtuung verlangt, welche die ganze Konzentration und damit vielleicht auch den Frieden selbst in Frage stellt, wenn die Agitation für den Nassen- und Klassenhaß nicht unterbleibt. Offiziell steht die Regierung, auf ei nein korrekten Standpunkt, doch inoffiziell werden verschiedene Regelwidrigkeiten zwar' nicht von der Regierung begangen, aber geduldet. Tie Preßfreiheit ist eine theoretisch vollständige, nur wird sie eingeschränkt vorn Mob und der Zensur. Auch die Versammlungsfreiheit besteht, sofern sie nicht den gleichen Beschränkungen unterliegt. Tie liberalen Blätter werden durchwegs drangsaliert. Das sind unhaltbare Zustände. Von Aah und Fern. — Der Verbandder Ostjuden beabsichtigt im Februar d. I. eine mehrtägige Hamptversammlung der Vertreter der ihm angeschlossenen Vereine im Deutschen Reiche in Berlin abzuhalten. Die Berliner Gemeindeverwaltung hat dem Verbände als Sitzurigsraum den Saal der Repräsentantenversammlung zur Verfügung gestellt. — Der bekannte Hebraist und Literarhistoriker Tr. Simon B e r n f e l d beging am 3. d. M. seinen 60. Geburtstag. — Der außerordentliche Professor der Mathematik an der Berliner Universität, Tr. Jssai S ch u x, ist zum ordentlichen Professor daselbst ernannt worden. — Am 29. Dezember waren dreißig Jahre seit dem Tode Ludwig P h i l i p P s o n s, des unvergeßlichen Begründers dieser Zeitung verstrichen. — In Kottbus wurde kürzlich ein Einbruch in die Synagoge verübt. Der oder die Täter haben die eiserne Umzäunung abgerissen und die Haupteingangstür mittels Nachschlüssels geöffnet. Gestohlen wurden fünf seidene und zirka fünfzehn wollene Betmäntel, ferner zwei zirka % Meter hohe, stark vernickelte Leuchter sowie mehrere Ärustschilder der Thorarollen. Die Brustfchi'lder bestehen ansgetrie'benem Silber und sind mit kleinen silbernen Ketten und Glöckchen versehen. Der Schaden beträgt zirka 6000 Mark. Anscheinend handelt es sich mit' Diebe, -die systema-trs-ch Ktrcheneinbvüch«e vewütberv. — Die A u s - Wanderungsbewegung unter den Juden in Posen ist sehr lebhaft. Seit dem Abzug der Deutschen aus der Stadt sind mehr l.ls 1000 jüdische Familien aus Posen zunächst nach Deutschland abgewandert. Trotzdem diese 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung Posen verlassen haben, ist das Verhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung nicht wesentlich geändert, weil an Stelle der abgewanderten Juden eine beträchtliche Zahl Juden aus Kongreßpolen hinzug-etommen ist. In Breslau ist Tr. Arnold Löwen-thal, der Bu-reanvorsteher der Shnagogengemeinde, plötzlich gestorbeg. Mit ihm ist einer der Pflichttreuesten Beamten dahingegangen, der seine ganze Person in den Dienst der Gemeindeverwaltung stellte und nicht ermüdete, zum Wähle der Allgemeinheit zu arbeiten. — Die Gießener israelitischen Religionsgesellschaften richteten ein Anschreiben an den Magistrat, in dein sie sich über das ungezogene Benehmen der Schüler der Gießener höheren Lehranstalten Legen die jüdischen Mitschüler und die Verrohung, die sich in der Zertrümmerung der Fenster jüdischer Wohnungen und Gotteshäuser kundtut, beschweren. Der Oberbürgermeister erklärte, daß die Stadtverwaltung für die Abstellung der Mißstände unzuständig sei, daß aber ein Einschreiten der zuständigen Stellen geboten erscheine. — In Frankfurt a. M. verstarb plötzlich Frau Posen, geb. Weinberg, die würdige Gattin des durch seine tiefe Frömmigkeit und jüdische Gelehrsamkeit bekannten und allseitig verehrten Herrn Jakob S. Posen. Die große Beteiligung! an der Beerdigung legte von ihrer Beliebtheit und der Verehrung, die sie genoß. Zeugnis ab. — In dein hohen Alter von nahezu 85 Jahren v exschied in Mainz Herr Josef Fulda, der Seniorchef der Firma Josef Fulda (Mainz), eines der bedeutendsten Bankhäuser Süddeutschlands. Die Ahnen des Verklärten' stammen -aus Frankfurt a. M. Nach dem Brande der Frankfurter Judengasse 1717 sind sie nach Mainz verzogen, vermutlich mit dem Haupte der Familie, des Vorstehers Rabbi Perez Fulda, dessen Nachkommen dauernd Ehrenstellen in der Mainzer Gemeinde einnahmen. — Aus Wien wird gemeldet: Adolf Stand, 1907 bis 1912 Vertreter der Stadt Brody im Reichsrat, Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees, Präsident der Delegation des Jüdischen Nationalrats für Ostgalizien in Wien usw., ist im 50. Lebensjahre ' verschieden. — In Szabadka verschied der frühere Oberrabbiner i Moritz K u t n a im Alter von 94 Jahren. Während der Beisetzung wurden auf Befehl der Serben die Geschäfte geschlossen. — Das Interesse für die hebräische Sprache unter der studierenden Jugend in Caml brigde ist in leßter Zeit außerordentlich stark Leworden und die Zahl der die hebräische Sprache Studierenden in stetem Wachsen begriffen. Unter den Studenten macht sich auch ein starker und aufrichtiger Wunsch, hebräisch zu reden, bemerkbar, und zwar nicht nur unter der jüdischen Jugend, sondern auch unter den christlichen Studenten, die in Zukunft mit der palästinensischen jüdischen Bevölkeruung . in Berührung zu kommen glauben. — Aus Manchester wird gemeldet: Rabbiner Dr. Moses, Berlin, der aus Hamburg stammt und seine Bildung, an denr Hildesheimschen Rabbinerseminar und an der Universität Berlin genossen hat, starb im 71. Lebensjahr. — Ein großer Teil der Moskauer jüdischen Gemeinde, ist infolge des bolschewistischen Regimes in alle Winde zerflattert und die offizielle' Tätigkeit der Gemeinde hat aufgehört. Nach den letzten Nachrichten entwickelt aber die Gemeinde eine starke unoffizielle Tätigkeit und zeichnet stch speziell durch ihre große Hilfsarbeit zugunsten der armen jüdischen Bevölkerung aus. Auf Kosten der jüdischen Gemeinde werden billige Volksküchen in einigen Teilen von Moskau erhalten, und übrigens alle Armen, ohne Unterschied von Glauben und Nationalität, bekommen Mittagessen zu dem „billigen" Preise von 15 und 22 Rubel. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Masse.