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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-12 · Heft 50 (12.12.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 50 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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..Arbeitsfeld" nach der Hauptstadt Polens — nach Warschau -- und hält jetzt Vorlesungen über Ritualmord bei den Juden. Das ist einer, der in Polen Karriere macht. Oalsstins. z. Jerusalem, im November. In der Kolonie Rischon le Zion hat am Freitag, den 1. Cheschwan, ein denkwürdiges Leichenbegängnis stattgesunden. Die seinerzeit auf Befehl von Djemal Pascha in Damaskus Hingerichteten jungen Naaman Belkind und Josef Lischansky sind mit Genehmigung der englischen Behörden ausgegraben und nach ihrer Heimat Rischon le Zion zur Beerdigung übergeführt worden. Die beiden unglücklichen jungen Menschen, die von den türkischen Beh-ören des Verkehrs mit den Engländern beschuldigt waren, hatten seinerzeit unter Tortur und Folterungen ein Protokoll unterschreiben müssen, in dem sie die ihnen zur Last gelegten Beschuldigungen zugestanden. Sie waren beide in einem Grab beerdigt worden. Ter einzige jüdische Zeuge der Hinrichtung war ein sephardischer Ehacham NatanielTarap, der in der Alliance-Schule in Damaskus hebräischen Unterricht erteilt. Er erzählt, daß er des Nachts geholt wurde, um der Hinrichtung zweier aschkenastscher Juden beizuwohnen. In früher Morgenstunde wurden die beiden Verurteilten gefesselt zum Galgen geführt, begleitet von einem türkischen Offizier und mehreren Soldaten. Belkind und Lischansky hatten völlig ruhige Gesichter und bekundeten keine Spur von Angst und Unruhe. Der türkische Offizier fragte sie, ob sie Zigaretten wünschten, was sie ablehnten. Nachdem der Ehacham mit ihnen die Sterbegebete gesagt hatte, fragte er sie, ob sie ihren Angehörigen etwas zu bestellen hätten. Lischansky schwieg. Belkind sagte zu dein Ehacham: „Ich freue mich zu sehen, daß Sie wirklich ein guter Jude sind. Uebermitteln Sie unseren Brüdern meinen herzlichsten Gruß." Die Ruhe, mit der die beiden jungen Leute in den Tod gingen, hat aus die ganze Umgebung tiefen Eindruck gemacht. - Der lebhafte Kampf, den die jüdischen Führer in Jerusalem für die Rechte der hebräischen Sprache führen, hat in der arabischen Presse Mißstimmung hervorgerufen. Während die arabischen Zeitungen in Palästina die Berechtigung des Hebräischen in etwas milderer Form ablehnen, tut es die arabische Presse in Damaskus in sehr gehässiger Weise. Sämtliche Zeitungen in Damaskus ohne Ausnahme erklären sich als Gegner der hebräischen Sprache und drücken ihre Entrüstung darüber aus, daß Jerusalemer Juden es gewagt haben, bei der Negierung die Gleichberechtigung des Hebräischen zu verlangen. Tie hebräische Sprache hat aber einen Erfolg errungen, der weit über die Grenzen unseres Landes hinaus gewiß mit Freude aufgenommen werden wird, und zwar bei der Amerikanischen Medizinischen Expedition „Hadassah". Die Hadassah gründete eine Schule zur Ausbildung von Krankenschwestern. Sämtliche Fächer werden ausschließlich in hebräischer Sprache unterrichtet. Von Aah uni! Mn. — Ein neues jüdisches I u ge n dhei m im Zentrum Berlins hat die M i S r a ch i - Äugendgruppe begründet. Im Scheunenoiertel, in dem die ärmste jüdische Bevölkerung der Reichshaupistadt wohnt, ist daS neue Heim untergebracht. An jedem Nachmittage kommen die Kinder hier zusammen, um unter sachkundiger Leitung sich in jüdischem Wissen weiterznbilden. Die körperliche Ertüchtigung der Jugend wird durch Beranstaltumg van Turn- und Wan der nachm i klagen gesördert. An den Abenden versammelt sich die schulentlassene jüdische Jugend deS Bezirks in den Heimräumen, umjüdische lind allgemeine Anregung und Belehrung zu empfangen. — Ter Direktor der Hivich-Kn-pfernnd Me'-sing-werke A.-G., Herr Benno Leo galt, ist znm stellvertretenden Handelsrichter ernannt worden. — Der frühere Repräsentant der Berliner Jüdischen Gemeinde Herr Lskar Loe wen borg, Mitinhaber des Bankhauses G. Loewenberg u. Co., ist nach kurzer Krankheit am 7. d. Nt. im Alter von 66 Jahren verschieden. Die gemäßigte konservative Richtung der Berliner Judenheit verliert in dem Heimgegangenen einen ihrer angesehensten lind ehrlichsten Vertreter. — Im Alter von 71 Jahren starb am 5, d. M. Herr Ludwig Vvgelsdorss, Seniorchef der Firma M. Borchardt Nachfolger. Der Tod dieses durch Wissen und Herzensgüte ausgezeichneten Mannes bedeutet für viele Vereine und Wohlfahrtseinrichtungen, deren Förderer er war. einen schmerzlichen Verlust. •— Wie aus'Danzig berichtet wird, wird die neue Aera der Freistadt Danzig durch antisemitische'Exzesse eiuge.eitet. Die schmutzigsten Flugblätter und Zettel , gelangen zur Verteilung. Mancherseits wird behauptet, daß die Polizei, die übrigens von einem Sozialdemokraten geleitet wird, die' antisemitischen Plakatkundgebungen, schütze. — An der 500jährigen Jubelseier der Universität Rostock nahm Herr Landesrabbiner Dr. Silberstein als Ehrengast teil. — Die lebhafte antisemitische Propaganda, die in der letzten. Zeit in München durch MEvainschläge usw. betrieben, wird, veranlaßte-die is.raeli tische .KMu-sgemeinbe sowie den Zen-tralverei-n. deu.tscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu einer Vorstellung bei der Polizeidirektion. Die Behörde sicherte der Abordnung zu, daß sie unter keinen- Umständen GewaUM-tig-keiten dulden werde. — In Würzburg sind von jüdischen Mitbürgern in den letzten drei Tagen über 8000 Mark für kommunale Zwecke .gestiftet worden, was Herr Bürgermeister Grie'er als ein Zeichen von Gemeinsinn besonders hervorhob. — - Aus Erfurt wird uns geschrieben: Am 15. d. M. feiert der einer, erste Kantor und Lehrer der E-rfnrter Synagogengemeinde, Josef R o t h - schild, mit seiner Gattin das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Möge dem in unserer Gemeinde und in weiten Beru.fskolle.gen- und Bürgevkreisen beliebten und geschätzten Jubelpaare seine körperliche und geistige Frische bis in die 'fernste Zukunft erhalten bleiben. . Im ' Monat Oktober 1919 sind für den Jüdischen Nationalsonds 2 3 2 8 1 6,58 Frank an Spenden eingegangen, die sich auf verschiedene Länder verteilen. — Aus Wien wird uns geschrieben: Zum Nachfolger des im Frühjahr plötzlich verstorbenen Direktors der Wiener Universitätsbibliothek Hosra-t Himmel'bauer wurde der bisherige Vizedirektor Hofrat Tr. S. Frankfurter ernannt. Tie Ernennung erfolgte aus Grund einstimmigen Vorschlages des akademischeu Senats und der Bibliothekskom Mission. H-osrat Tr. Frankfurter, der in der Wiener U-niversitätsbibliothet von der Pike auf gedient' hat, ist ein weit über die Heimat hinaus bekannter bibliothekarischer Fachmann. Im wisserrschastlichen Vereinsleben Wiens spielt er gleich seinem Vorgänger eine markante Rolle, nnd weiteren Kreisen ist er namentlich als Vorkämpfer für das humanistische Gymnasium bekannt. — Das Londoner Jüdische Korrespondenzbureau meldet: Ende September fand' in Moskau der Prozeß gegen den Staatsanwalt Wiper statt, der befanntti^ im Beilis-Prozeß die Anklage vertrat.' Der Prozeß, der drei Tage dauerte, erregte das lebhafteste Interesse der allgemeinen und insbesondere der jüdischen Oessenkuchkeit. Als Staatsanwalt fungierte Krilenko, der erste Generalissimus der bolscheMstischeu Revolution. Er forderte für Wiper, der sich selbst verteidigte, die Todesstrafe. Das Tribunal vernrteilie Wiper, der 50 Jahre alt ist, zu zwanzig Jahren Internierung im Konzentrationslager. — Aus Einladung der „Bne-Brith" fand in Konstantinopel am 22. November eine Konferenz aller jüdischen Organisationen, Institutionen, Vereine und Vertreter der jüdischen Presse statt, um über eine Hilfsaktion zugunsten der russischen Juden zu beraten. Die Versammlung, beschloß die Gründung eines Komitees, das eine großzügige Aktion einleiten wird. — John D. Rockefel ler, Vater und Sohn, spendeten den Vereinigten Jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften in New Jork 75 000 Dollar. Da die Rockeseller Christen sind, verdient die Spende verzeichnet zu werden. — Rabbi Dr. Stephan Wise sprach sich, wie „Jewish Chronicle" berichtet, in einer Predigt gegen die Politik eines Stahltrustmagnaten aus und bezeichnet sie als die intensivste Schuld an der Verbreitung von revolutionären und bolschewistischen Ideen im Lande. Als darauf einige prominente Mitglieder der Gemeinde ihren Austritt aus der Gemeinde erklären wollten, offerierte Wise seine eigene Demission mit den Worten: „Wenn ich bei jeder moralischen Frage schweigen müßte, weil ich ein Jude bin, wenn meine Lippen versiegelt sein müssen, damit ich dem jüdischen Namen nicht schaden solle, wenn Wahrheit und Gewissen nur zu sprechen gebieten, dann wünsche ich an einem Platze zu leben, klein oder groß, nah oder entfernt, wo ein Mann leben kann, ohne seine Selbstachtung zu verlieren." Doch beschlossen 16 hervorragende Mitglieder der Gemeinde unter Führung von Oscar S. Strauß, daß die Gemeinde für die Aeußerungen von der Kanzel nicht verantwortlich sei, und daß Dr. Wise der freie Ausdruck religiöser, sozialer und politischer Ansichten zugebilligt werden müsse. ___ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: M a x Z u n g e, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

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