Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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-- ä74 Dauer kann keiner verfangen. Zu tief aber ist in der Gegenwart dieser judenfeindliche Geist der Bildungsschicht eingeiinpft. Wir werden noch lange mit ihm zu kämpfen haben. Darüber sollten wir uns nicht täuschen. Kein Parteiprogramm ändert d^ran etwas; denn es ist eben nur ein Programm. Was wir zu tun haben? Zusammenschluß, Arbeit an uns selbst, Gewinnung der Jugend, Belehrung über unsere Religion und Geschichte, Solidarität in der Gemeinschaft in der Richtung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der auf dem unumwundenen Bekenntnis zum deutschen Vaterlande, auf dem Willen zum Iu-dentum aufgebaut ist. Wir lehnen jede Untergangsstimmung ab und alle Folgen, die daraus sich ergeben. An dem Grabe der Hoffnung vergangener Tage pflanzen wir eine neue Hoffnung auf: den Glauben, daß, so wenig unser Judentum untergehen kann, so wenig die Heimat ein Interesse auf die Tauer hegen wird, eine Gemeinschaft von deutschen Juden zu vernichten, die mit dem deutschen Vaterlande stehen und fallen wollen. Dir Woche. Berlin, 19.. August. ie Antisemiten ruhen nicht; sie sind in ihrer Wühlarbeit j ebenso unermüdlich, wie sie in ihrem fanatischen Haß im Lügen und Verleumden groß sind. Seit einer Reihe von Wochen überschütten sie Deutschland mit vielen Millionen Cremplaren von Flugschriften, die an die Zeiten der achtziger, und neunziger Jahre erinnern, aber das damals in antisemitischer Hetze Geleistete noch überbieten. Die Flugblätter gehen als „Streng vertraulich" vom „Ausschuß für Volksaufklärung" in Berlin, Köthener Straße 4.Z, vom „Deutschen Schutz- und Trutzbund, Landesverein Württemberg", vom „Deutschvölkischen Bund" in Hamburg aus, solveit sie nicht anonym verbreitet werden. In einem dieser Flugblätter, „Als Handschrift gedruckt", heißt es: „Wer ist es nun, der Euch von der Arbeit zurückhält? Ter Jude und feine Helfershelfer! Er behauptet ja von sich, daß er allein Handel und Wandel verstände und in den Händen halte. Zwar ist sein Handel meist nur Betrug, aber er hat recht. Zurzeit hat er Euch fest in den Händen, Ihr seid sein! Saht Ihr ihn schon selbst schwer arbeiten, diesen Schacherer und Wucherers Saht Ihr seine schwielige Faust schon? Meinst du, deine Frauen und Kinder seien nur durch die Rot gestorben? Rein! Sie sind auch gestorben dadurch, daß der Jude dich um Fett, Vieh und Riehl betrog. Wer mästete sich mit den verboten geschlachteten Schweinen hauptsächlich? Ter Jude! Es hinderte also den Juden sein Glaubensritual nicht, uns das Schweinefleisch zu entziehen." In diesem Tone geht es lustig weiter! Ein Flugblatt, „Die Maske ist gefallen", wirft den Juden vor, daß sie den deutschen Siegeswillen untergraben haben, daß sie Spartacns und die Bolschewisten bezahlen, die Kriegsanleihen herunterbringen, Europa zum Tollhaus machen. Zwei große Wochenschriften, die im Gegensatz zrl diesen „Vertraulich" von Hand zu Hand in Riesenauflagen übermittelten Flrtgblättern überall öffentlich zu haben sind, das „Deutsche Wochenblatt", Herallsgeber Richard Kunze, und „Der gerade Weg", hauen in dieselbe Kerbe. Darin wird die neue Verfassung geradezu als ein rein jüdisches Machwerk bezeichnet und der Vater des Werkes, Herr Tr. P r e u ß, als „Jude" entlarvt. Selbst an der Kohlennot sind die Juden schuld! Man treibt, bemerkt der „Vorwärts", eine gefährliche, wahnsinnige Volksvergiftung, die unfehlbar zu Pogromen führen muß und die deutschvölkifchen Kreise sicherlich noch zu neuen herrlichen Taten begeistern wird. Jedenfalls verdienen es die antisemitischen Ausgeburten, nicht mehr „streng vertrau» lich" genommen, sondern weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu lverden. Eine ge h e i m n i s v o l l e A n z c i ge, die in der „Deutschen Zeitung" mehrere Male zu finden war, steht offenbar mit der Generaloffensive der Antisemiten in engerem Zusammenhänge. Zuletzt fand sich diese Anzeige in der Nummer vom 12.. August. Sie hatte folgenden Wortlaut: „In wichtiger Angelegenheit sind uns mehrere tausend Anschriften unserer Leser und Freunde' mitgeteilt worden, doch möchten wir sie restlos erhalten, damit wir unseren Verlagsfreunden alsdann unmittelbar nähertreten können. Keiner darf fehlen. Wir bitten daher um weitere Zusendung. Verlag der „Deutschen Zeitung", Berlin SW ii, Hedemannstraße 12." Aehnliche „wichtige Angelegenheiten" lagen schon öfters vor. Sie betrafen gewöhnlich die Vorbereitung von „besonderen .Zusammenlnnften" der Gesinnungsgenossen der „Deutschen Zeitung". Alan braucht gar nicht besonders auf die Heimlichtuerei in der Vorbereitung dieser „wichtigen Angelegenheiten" hinzuweisen, mn sofort zu erkennen, daß es sich offenbar um Dinge handelt, die das Licht des Tages zu scheuen haben. * Die Dame mit der Ohrfeige. Tie „Deutsche Tageszeitung", schreibt das „Berliner Tageblatt" vom 14. August, äußert ihre Empörung darüber, daß auf dem Potsdamer Platz eine jüdische Tarne einen Händler, der das antisemitische „Deutsche Wochenblatt" verkaufte, ins Gesicht geschlagen und feine Verhaftung durch einen Schutzmann veranlaßt habe. „Tie Menge habe für den Händler Partei ergriffen und es wäre beinahe zu ernsten Ausschreitungen gegen die Dame 'und den Schutzmann getommrn." Leit die Regierung eine Stelle *uv Bekämpfung des Autisemitismus geschaffen habe, fühlten sich die Juden „völlig als Herren der Lage" und legten „ihrer Hemmungslosigkeit keine Zügel mehr an". Die „Deutsche Tageszeitung" richtet eine Anzahl Fragen an die Regierung, von denen die vierte lautet: „Was gedenkt sie gegen diese Lynchmethode einer Dame der jüdischen Gesellschaft zu tun?" Dazu möchten wir vor allem bemerken, daß die Dame aus dem Potsdamer Platz sich mehr in Gefahr begeben zu haben scheint als wcrhrend des .Krieges die sämtlichen Redakteure der „Deutschen Tageszeitung". Tie Stelle zur Bekämpfung des Antisemitismus, die der „Teutzcheu Tageszeitung" mißfällt, mußte leider geschaffen werden, da antisemitisch-reaktionäre Klüngel das Land mit Flugblättern überschwemmen, die ebensosehr von dem Geldüberfluß wie von der Gemeinheit dieser Kreise zeugen. Ob die Dame recht daran getan l)at, den Händler ztt ohrfeigen, könnte man nur entscheiden, wenn man über die Ansführung des Mannes Näheres wüßte. Sollte er seilte schmutzige Ware mit pöbelhaften Bemerkungen laut angepriesen und die Tame direkt beleidigt haben, so wird man es begreiflich linden müssen, daß er eine klatschende Antwort erhielt. Wenn der Händler nur schweigend sein Wochenblüttchen seilgeboten hat, so bat die Ohrfeige sich verirrt. Sie hätte dann feine zahlenden 'Auftraggeber treffen müssen, die aber leider auch jetzt so andere Leute vorschicken und persönlich den Ohrfeigen fernbleiben, wie die meisten von ihnen während des Krieges den Granaten ferngeblieben sind. * Die Reichswehr und der Antisemitismus. Das W. T. B.- verbreitet folgende Erklärung: In der Presse ist neuerdings verschiedentlich-die Behauptung ausgetaucht, daß die Reichswehr der antijemitischen Bewegung oder gar einer Pogromhetze nahestehe. Demgegenüber wird von maßgebender militärischer Stelle nachdrücklich betont, daß weder in der Reichswehr besondere antisemitisch gesinnte Formationen vorhanden sind und geduldet lverden. noch irgendeine antisemitische Werbetätigkeit gestattet ist. Dir Reichswehr steht, wie allen anderen parteipolitischen Bewegungen, auch der antisemitischen fern. * Der preußische Minister .des Innern gibt, wie die „P. P. 91." an zuständiger Stelle erfahren, in einem Erlaß an die Regie-