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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-08-15 · Heft 33 (15.8.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 33 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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83. Jahrgang. Nr. 33 Berlin, 15. Huguft 1919 Allgemeine Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 5i*fe Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 tlt. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $e-$9, Z» richten. Verlag von Rudolf Mosse Berlin. Nnser Trost! Von Bezirksrabbiner Dr. Veermann jlUlJull. (Heibbronn). — D i e Woche. — Hie Rhodus hic salta! Don Dr. Phil. Jacob Jacobson. — „Eine Rettun'gstat." Von I. N e ß 1 e r - C o h n. — Die Juden vor 600 Jahren in der Mark Brandenburg. Von Alfred Knut h (Schöneberg). — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Don Samuel M e i s e l s. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Cranz, Posen, Forst (Lausitz), Augsburg, Fürth, Düsseldorf, Essen (Ruhr), Bonn a. Rh., Kassel, Frankfurt a. M. — Von Nah und Fern. Ansrr Trott! Mn Bezirksrabbiner Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). am 9. Mb des Jahres 1914 in unseren Gotteshäusern -VV die wehmutsvollen Klänge der alten Trauerweisen ertönten. ahnten nur ganz wenige, daß der eben auSgebrochene Krieg das Heiligtum unseres deutschen Vaterlandes in Trümmern legen werde und daß wir nach fünf Jahren am Grabe unserer nationalen Hoffnungen stehen werden. Wir deutsche Juden tragen besonders schwer unter dem Zusammenbruch des deutschen Staates. Abgesehen davon, daß in dieser Zeit der Gärung verjärt geglaubter Haß von neuem zu verderblicher Lohe entfacht ist. hat der Gewaltfriede einen großen Teil der Glaubensbrüder in der West- und Ostmark des deutschen Landes, im Elsaß und in West- und Ostpreußen und vielleicht auch in Oberschlesien von unserer deutsch-jüdischen Gemeinschaft losgerissen; wertvolle Bestände, die an Zähl und Bildung einen schätzbaren Einfluß aus unsere Gesamtheit geübt haben, abgesehen davon, daß unsere Glaubensgenossen durch die wirtschaftlichen Erschütterungen aufs schwerste betroffen sind, gerade weil wir zum großen Teil aus den GMeten des Handels und der Industrie uns betätigen. Wir brauchen Trost. Was hat uns die alte Stimme, die aus den letzten Tagen des babylonischen Exils durch die Jahrtausende zu uns hallet: „Tröstet, tröstet mein Volk", was hat sie uns zu sagen? Sie zeigt uns bei aller äußeren Zerrissenheit, die unser Judentum davbietet, die innere Einheit, die uns zusammenhält. Seit Jahrtausenden über das Erdenrund zerstreut, fühlten wir Juden uns doch im tiefsten als zusammengehörig. Mochten auch Umgebung und Volkstum aus die Ausgestaltung der religiösen Normen und Formen bedingend und bezwingend eingewirkt haben, mochten spanische, deutsche und russischpolnische Juden sich in Aufbau und Ausbau ihrer gemeindlichen Einrichtungen unterscheiden, gemeinsam war ihnen die treue Hut der religiösen Geistesschätze, wie sie in unserem heiligen Schrifttum uns entgegenleuchten, gemeinsam war ihnen der Geist gegenseitiger Hilfe, der da spricht: „Wir sind alle Kinder eines Vaters." Wenn ein Glied Schmerz erleidet, ftthlt's der ganze Körper, sagt Jude Halewi in seinem Kufari, wenn ein Jude leidet, nimmt die Gesamtheit an seinem Unglück teil. Und das gilt auch für die Gegenwart. Mögen abendländische und morgenländische Juden, mögen Fromme und Freie ihre religiösen Bedürfnisse auf noch so verschiedene Art befriedigen, das Sch'ma Jisrael, das dreimal heilig, das Thora-, Propheten- und Psalmwort ertönt doch in allen jüdischen Gotteshäusern, in der Dorfsynagoge, wo man nur mit Mühe die vorgeschriebene Zehnzahl der Beter erreicht, wie in dem Prachttempel der Weltstadt, wo Orgelklang und Kunstgesang die Seelen der Tausende himmelwärts tragen. Und daß das Gefühl der gegenseitigen Anteilnahme seine alte Kraft bewährt, zeigt die Hilfswilligkeit und Gebefreudigkeit, wo es gilt, den bedrängten Stammesgenossen beizustehen: handle es sich darum, den Opfern der Pogrome Rettung zu bringen oder den Rabbinern und Lehrern, die in den polnisch gewordenen Gemeinden des deutschen Ostens teilweise keine Wirkungsmöglichkeit mehr Haben, eine neue Existenz zu zimmern. Aber auch bei unserer äußeren Schwäche, die doch sichtbar zutage liegt in unserer Wehrlosigkeit gegen die Ausbrüche der Verfolgungswut, ist die innere Kraft unseres Stammes ein nie versiegbarer Born des Trostes. Die drei Säulen, die unsere Gemeinschaft erhalten, stehen noch. Das Thorawort, dem Jochanan einst rettende Schulen baute, ist noch heute, zumal im Osten in Lehrhaus und Kinderschule, Tausenden ein Quell dev Labe. Der Gebetsdienst in der Synagoge führt in die Nähe dessen, der uns Heimat geworden ist durch alle Flucht der Zeiten, und die jüdische Nächstenliebe ist immer noch unermüdlich bestrebt, die Wunden zu heilen, die des Hasses rauhe Hand geschlagen hat. Und schließlich bei aller Hingabe an das irdische Streben das erlösende Bewußtsein unseres himmlischen Zieles. Gewiß, wir Juden können heute weniger denn je Schwärmer und Träumer sein. Die Sorge um den Tag muß und wird machtvoll unsere Seele bewegen. Unser wirtschaftlicher Daseinskampf wird sich verschärfen und wird die höchste Krastanspannung von uns heischen. Bei alledem werden wir aber das höhere Bewußtsein unserer gottgewiesenen Aufgaben nicht verlieren; wir werden uns nicht restlos an die Welt der Sachgüter hingeben, sondern uns kühn zu einer weltüberlegenen Wirklichkeit erheben. Wir werden niemals aus dem Auge verlieren, daß wir dazu da sind, die Welt zu einem Reiche des Allmächtigen zu veredeln. Der ungezogene Liebling der Grazien, der kecke Spötter Heinrich Heine,>hat uns Juden die Avantgarde des Einig- Einzigen genannt. . Nun, wir werden Pioniere des Ewigen bleiben und aus allen Schlachtfeldern der Gedanken weiter mutig ringen. In unseren Seelen werden die alten Gebetsworte: „Dein Name ist mit dem unfern verknüpft" den Widerhall finden: „Die Menschenwürde ist in eure Hand gegeben, bewahrt sie." Die Welt braucht Ideale. Mag die Stimmung gegen uns Juden in allen Schichten und Parteien lieblos und ungerecht sein, mag keine politische Richtung eine schützende

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