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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-07-11 · Heft 28 (11.7.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 28 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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83. Jahrgang. Nr. 26 Allgemeine Berlin, 11. Juli 1919 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch« Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. „Meine Brüder suche ich." Bon Hermann Becker ^Berlin). — Die Wvche. -- Weltfreimaurerei, Weltrevolutioir, Weltrepublik. Don Paul Al >o ck i l e s. — Seminarlehrer Jakob Feinstem. Von Dr. M. Katz (Münster i. W.). — Die Dhora im Lichte der Agada. Von Albert Katz. — Die Juden als Retter in der Not. Von Dr. I. B. Münz. — F' euilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel M eise l s. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Kattowitz, Oppeln, Bremen, München, Bruchsal, Frankfurt a. M., Jttlingen, Karlsruhe, Wien. — Von Nah und Fern. „Meine lörüver suche ich." Von Hermann Becker (Berlin). aS Wort des Joseph aus grauer Vorzeit, das der irrende, des rechten Weges sich nicht bewußte Jüngling an den ihm Fremden, doch mit der Scholle Verwachsenen und des Landesbrauches Kundigen in banger Ungewißheit richtet: „Meine Brüder suche ich", ein Wort, das uns entgegenhallt, sooft die Armen und Mühseligen in Israel bittend die Hände uns entgegenstrecken, auf daß wir sie stützen und aufrichten sollen, es schallt uns auch heute entgegen aus dem Munde vieler Tausender, die als Opfer einer kurzsichtigen, kleinlichen und rachsüchtigen Politik Haus und Hof verlaßen, der ihnen liebgewordenen Heimat den Rücken kehren müssen, dem Ort, da Geschlechter in unermüdlichem Fleiße ihren Nachkommen ein stattlich Haus bereitet haben. Unter diesen Tausenden von Heimatlosen verdienen diejenigen unsere besondere Teilnahme, die als Führer und geistige Berater bisher den nunmehr Flüchtigen in jahrelanger Treue dienten und die jetzt selbst der Führung durch die bodenständigen Eingeborenen bedürfen, wenn sie nicht dem Elend und der Not anheimfallen sollen; es sind dies die Lehrer und Kultusbeamten, zum Teil auch die Rabbiner, welche durch Auflösung ihrer Gemeinden oder auch durch den Machtspruch des rachsüchtigen und unmenschlichen Siegers „unstet und flüchtig" geworden sind und die nun in banger Ungewißheit, mit bebenden Lippen und bekümmerten Herzens rufen: „Meine Brüder suche ich." Wie einst der fromme Joseph im Auftrag seines Vaters den Weg in die Irre angetreten hatte, so treten auch diese Flüchtigen, getreu dem Befehle des himmlischen Vaters, Her in seiner unbegreiflichen Weisheit ihnen das harte Geschick auserlegt hat, ihren Leidensweg an in der festen Gewißheit, daß auch ihnen die Bodenständigen, welche ein gütiges Geschick vor Not und Elend bewahrt hat, den rechten Weg zeigen werden. Nicht eine der bekannten „Hilfsaktionen", die sich mit einer baren Geldunterstützung, Lieferung von Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Darlehen oder Beschaffung von Unterkunfts- und Wohnräumen begnügt, will ich durch die nachstehenden Ausführungen anregen. Das wäre für diese Notleidenden der bekannte „Tropfen auf den heißen Stein", sondern es gilt die Beschaffung von Arbeit, die Ueberführung in einen anderen redlichen Erwerb, wenn sich oben für diese Flüchtigen keine Möglichkeit bietet, sie anderweitig in ihrem bisherigen Berufe zu -verwenden. Es sei mir gestattet, Mittel und Wege für diese Hilfsaktion in nachstehendem zur Erwägung vorzuschlagen. * Beginnen wir mit der letzten Art dieser Hilfsaktion und untersuchen wir, ob es möglich ist, unsere vertriebenen Lehrer, Kultusbeamten und Rabbiner -in ihrem bisherigen Berus zu verwenden. (Ich möchte hier in Parenthese bemerken, daß die Nennung der Rabbiner, aus dem Grunde an letzter Stelle erfolgt, weil uur wenige Rabbiner von der Ausweisung bzw. der Brotlosigkeit infolge der Auflösung ihrer Gemeinden betroffen worden sind.) In den von den Polen zum größten Teile besetzten Ostprovinzen, besonders in Posen, West- und Ostpreußen, aber auch iit Elsaß-Lothringen, gab es bereits vor dem Kriege jüdische Gemeinden, die durch Abwanderung -eines großen Teiles ihrer Mitglieder in die Großstädte, >darunter leider der wohlhabenidsten, von Jahr zu Jahr kleiner wurden und dev Auflösung unaufhaltsam entgegeneilten. Alle Mittel, die von den großen jüdischen Verbänden, insbesondere durch die Berufsberatung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sowie durch Vereine zur Beförderung des Ackerbaues unter den Juden versucht wurden, haben den Zug nach dem Westen hin in die Großstadt nicht aufhalten können; denn nicht nur bei den Juden — wenn auch bei diesen verhältnismäßig mehr als bei den anderen Religionsgemeinschaften — ist aus verschiedenen Gründen die Entvölkerung des flachen Landes und der Kleiustädte, die erschreckende Zunahme des Proletariats in den Großstädten von Jahr zu Jahr fortgeschritten. Die Gründe für diese Erscheinung sind oft genug erörtert worden und daher allgemein bekannt, so daß sich hier eine Wiederholung erübrigt. Für unsere Aufgabe genügt es, wenn wir in wenigen Worten auf die Gründe der Abwanderung -unserer wohlhabenden Glaubensgenossen aus den Kleinstädten in die Großstädte kurz eingehen. Diese Gründe sind: 1. der Wunsch, sich mit den zum Zwecke der beruflichen Ausbildung -in die Großstadt -geschickten Kindern oder sonstigen nahestehenden Verwandten zu vereinigen, 2. der Wunsch, nach einem langen, arbeitsamen, aber dennoch entbehrungsreichen Leben von den Bildungs- und Geselligkeitsmöglichkeiten sowie von den Kultuverrungens-chaften in der gesamten Lebensführung in -der Großstadt Gebrauch zu machen, 3. die Versorgung heiratsfähiger Töchter, 4. die liebe Eitelkeit, es den schon früher in -die Großstadt abgewanderten Gemeindemitgliedern nachzumachen und so schnell als möglich den -Staüb der Kleinstadt von den Füßen zu schütteln. — In

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