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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-06-27 · Heft 26 (27.6.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 26 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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den ganzen Tag die Station nicht verlassen können. Wüste Szenen spielten sich bei der sogenannten „Militürrampe" gegenüber der Raczynskagösse, wo „Halleristen" in Begleitung von halbwüchsigen Burschen jeden Juden anhielte.n und arg zurichteten. Zu großen Plünderungen jüdischer Geschäfte kam es in Ochoto. Eine Gruppe „Halleristen" zog dort früh vor das städtische Proviantlager in Grojecka 49, und mit den lauten Rufen: „Juden brauchen kein Brot!" schlepptensie sämtliche dort harrenden Juden aus den Reihen, die sie zu Boden warfen, in mörderischer Weise mißhandelten und so lange mit den Füßen traten, bis sie bewußtlos hinsankeru Es kam auch zu zahlreichen gewaltsamen Bartabschneidereien. Um 7 Uhr abends wiederholten sich die wüsten Szenen in noch schwereren Formen. Eine tausendköpfige Menge rottete sich an den Straßenecken von Zelazna, Zlota Twardo und. Towarowa und traf offen Vorbereitungen zu einem Pogrom. Jüdisckp Passanten erlitten schwere Mißhandlungm. Dem 60 jährigen Leib Heiligmann (Zelazna 30) und zwei anderen Juden schnitten zlvei Soldaten den Bart ab, wobei einem von den Opfern ein Stück Fleisch aus. der Wange ausgeschnitten wurde. Auf Ersuchen der jüdischen Abgeordneti.n Tr. Thon und Advokat Hartglaß wurde eine Militärubteilung nach den gefährdeten Plätzen gesandt. Um 3 Uhr nachmittags erhielt der Sejmklub bei Z. I. N. N. die erste Nachricht über die Exzesse, worauf Abg. Hartglaß sofort mit dem Belvedere der Stadtkommandantur, dem Stabe der Haller scheu Armee, in Verbindung trat. Ueberall wurden wirksame Maßnahmen in Aussicht gestellt. Tatsächlich wurde bald eine Gendarmerieabteilung ausgesandt, die jedoch dem Mob nicht gewachsen war und infolge der Häufigkeit und Gleichzeitigkeit der Fälle an verschiedenen Punkten der Stadt nichts auszurichten vermochte. Als die Lage gegen Abend namentlich auf Zelazna besonders drohend wurde, ersuchte Dr. Thon bei der Stadtkommandantur wiederum telephonisch um Hilfe, woraus eine abgesandte größere Polizeiabt.ilung den zusammengerotteten Pöbel zerstreute. Am Freitagabend machten die „Bewaffneten" die Straßen von Praga unsicher, wo sie es besonders auf die vom Gottesdienst heimkehrenden Juden absahen, die sie in unglaublich roher Weise mißhandelten. Am Samstagabend wiederholten sich die Ausschreitungen gegen die Juden von Praga in verstärkter Weise. Unter der jüdischen Bevölkerung herrschte Panikstimmung. Eine Interpellation über die Exzesse in der Sitzung des Warschauer Stadtrates vom Freitag (während die Ausschreitungen noch im vollen Gange waren), über die Abg. Dr. Davidsohn mit den: Präsidium verhandelte, ist durch den Widerspruch der Rechten verhindert worden. Der Antrag des jüdischen Ratmannes Lew auf sofortige Behandlung der Davidsohnschen Interpellation entfesselte eine erregte Debatte. Tie Rechte versuchte den Eindruck der Ereignisse durch allerlei Mätzchen zu verwischen, während die P. P. S.- Ratleute Jaworowski und Hvllubka sich Blühe gaben, die Rechte zugunsten des Antrags zu beeinflussen. Ter letztere Redner bemerkte, es dürfe nicht zu einer Einmischung des englischen Gesandten kommen. Der bekannte Antisemit Dymvwk gab die harmlose Erklärung ab, daß eine Pogromagitation überhaupt nicht stattfinde (Ruse von jüdischer Seite: „Befreiungsarmee!"), er lehne daher den Antrag ab. Ratmann Schwalbe wies auf die von der Sejm-Mehrheit gebilligte Entschließung zur Ergreifung von Maßnahmen gegen die Vorgänge in Ezenstochau hin. Trotz ihres Antisemitismus haben die Führer der Rechten doch die Notwendigkeit energischer Blaßnahmen gegen die Pogrome im gegenwärtigen politischen Moment erkannt. Darauf wurde die Behandlung der Anfrage mit Stimmenmehrheit beschlossen. Tr. Davidsohn gab dann auf Grund eigener Beobachtungen eine ausführliche Schilderung der Ereignisse; seine Rede wurde von häufigen zynischen Zwischenrufen unterbrochen. Der Dringlichkeitscharakter der Anfrage wurde jedoch mit einer Mehrheit von 52 gegen 40 abgelehnt, worauf die auf der Tagesordnung stehenden Punkte zur Beratung gelangten. Von MH und Mn. Ter Privatdozent für Philosophie in Berlin, Professor Dr. Ernst E a s s i r e r , ist zum ordentlichen Professor an die Hamburger Universität berufen worden. Professor Eassirer ist als Kantianer ein Schüler des verstorbenen Professors Dr. Hermann Cohen (Marburg) und war als sein Nachfolger dort in Aussicht genommen. Seine Kandidatur scheiterte aber an antisemitischen Hemmungen. — Dr. Moritz I anow itz, vor seiner Uebersiede'lung nach Berlin Rabbiner in Dirschau, ist nach kurzem Leiden am 15. Juni verschieden und am 19. d. M. unter großer Beteiligung auf dem Friedhof in 4 - - ---.. Weißensee beigeseht worden. — Als Opfer seines Berufs verschied am 17. Juni Dr,.. med. Martin Wolf fenstern im 30. Lebensjahre. Die Beerdigung fand am 20. Juni aus dem Friedhof in Weißensee statt. -- Alls Pr.-Holland wird geschrieben: Hier vereinigte sich nach einer .Versammlung der Transportarbeiter, eine Rotte von jungen Burschen und bemächtigte sich des Beigeordneten der Stadtverwaltung, des Lederhülldlers L e s s e r, führte ihn nach der Weskebrücke und stürzte ihn von der Milien Böschung ins Wasser. Der alte Wann versuchte den Fluten zu entrinnen-, wurde jedoch von den Burschen, die durch wütende Weiber aufgepeitscht wurden, immer wieder ins Wasser zurückgestoßen, bis er das Bewußtsein verlor. Es gelang schließlich den Angehörigen, den Schwerverletzten in Sicherheit zu bringen. Am Dienstag kamen Regierungstruppen hierher, und die Ordnung ist wiederhergestellt. Siebzehn der Nebeltäter, darlinter drei Frauen, wurden verhaftet und abtransportier.t. — Seinen 70. Geburtsag feierte am 20. Juni Kommerzienrat Bankier Heinrich Belgard in Graudenz. lieber dreißig Jahre steht er als» Stadtverordneter und Stadtrat im Dienst seiner Vaterstadt und ist Mitglied der Handelskammer und Vorsitzender der Synagogengemeinde. — Herr Wilhelm Wolfs in Lübben i. L. fonnte dieser Tage gleichzeitig seinen 70. Geburtstag und sein vierzigjähriges Jubiläum als Erster Vorsteher der Jüdischen Gemeinde feiern. Die Gemeinde ehrte seine Verdienste durch Verleihung des Morenu-Titels. Die Urkunde darüber überreichte ihm Herr Kantor Haller bei einem Festgottesdienst, mit einer herzlich empfundenen Ansprache. — Laut dem Jahresbericht der Präparandenschule „Talmud Thora." in Burgreppach besuchten im Berichtsjahre 38 Schüler die Anstalt. Von den ehemaligen Schülern der Schule beklagt die Anstalt den Verlust von 28 tapferen Helden, die aus dem Felde der Ehre ihr Leben ließen. Zu ihrem Andenken und zum Andenken all derer., zu deren ehrendem Gedächtnis die Angehörigen eine Stiftung bei der Anstalt errichtet haben — von diesen verzeichnet der Bericht 55 — hat die Verwaltung beschlossen, einen Freiplatz für eine Kriegerwaise evtl, zwei Halbsreiplätze für zwei Söhne von Kriegsteilnehmern zu errichten. An Stipendien für unbemittelte Schüler hat die Anstalt die namhafte Summe von 3116 Mark verausgabt. Die Anstalt Plant, Unterrichtskurse für Gartenbau und Bodenbewirtschaftung, für Handsertigkeitsunterricht und für Handelslehre sowie eine vollständige Bürgerschule anzugliedern. Sie hat bereits jetzt Knaben vom 9. Lebensjahre ausgenommen, die in den angegliederten Vorklasfen unterrichtet werden. —- Tie Jüdische Preßzentrale Zürich teilt mit: Der Sitz, der von der Weltkonferenz der jüdizch-orthodoxen Verbände, die im Februar 1919 in Zürich stattsand, gegründeten Siedlnngs- und Handelsbank für Palästina, der ursprünglich in London oder New Uvrk fein sollte, wird mm nach Zürich verlegt. Das Aktienkapital besteht aus 100 000 Inhaberaktien ä 100 Francs. Zweck der Bant ist: Unterstützung aller Unternehmungen in Palästina, die sich bestreben, Palästina im Sinne des Verbandes zu entwickeln. — Aus Wien wird berichtet: Ter Präsident der Nationalversammlung. hat dein außerordentlichen Professor der Physik an der Universität in Wien, Dr. Felix E h r e n h a s t, den Titel und Charakter eines ordentlichen Uuiversitätsprofessors verliehen und den Privatdozenten Tr. Bernhard Geiger zum außerordentlichen Professor für iranische und indische Philologie an der Universität in Wien ernannt. — Tie tschechischen Behörden wollten schon vor mehreren Monaten die Juden, die während des Krieges aus Galizien eingewandert waren, aus Alährisch-Ostrau und Umgebung ausweisen. Diese Judenausweisung wurde jedoch eingestellt, und zwar, wie die tschechische Presse berichtet,, infolge eines aus Paris aus Befehl Amerikas eingetrofsenen Verbotes. — Aus Lemberg wird gemeldet: Auf Verordnung der polnischen Militärbehörden in Ostgalizien wurden sämtliche jüdischen Gymnasiasten aus den Mittelschulen ausgeschlossen. Als Grund dafür wird angegeben!, daß die jüdischen Schüler während der ukrainischen Herrschaft durch die Fortsetzung des Schulbesuches sich gegen die Neutralität vergangen hätten. — Das Jüdisch-Theblogi'sche Seminar in Ameri'ka hat 'beschlossen, Herrn Oberrabbiner Dr. Hertz in London anläßlich seines 25jährigen Amtsjubiläums den Doktorgrad für hebräische Literatur honoris causa zu verleihen. ___ Verantwortlicher Redakteur: Albert Ratz in Berlin.Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: MaxFahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Moste.

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