Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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-• 4 Juden Fußtritte gab, daß er um stürzte. Ich machte darauf die Chargierten aufmerksa-m, die mich jedoch offen auslachten. Dieselben Szenen wiederholten sich auf jeder Station bis Hrubeschaw; wie in Zamosc, Mjanczin, Worbkowicz usw. In Hrubeschaw, traf ich auf der Straße viele -umherirrende Juden, Opfer der Mißhandlungen auf den Bahnstationen. In einem Hotel fand -ich drei Schwerverwundete,: den 48jährigen Schachna Sitz aus Warschau (Nalewki 14), dessen ganzer Körper -mit Wunden bedeckt war und dessen mit einem Messer ganz zerschnittenes Gesicht durch einen Arzt förmlich zm sammengenäht werden mußte; den 24jährigen Chaji-m Simcha Bregep aus Wladimir-Wohlinsk, dem man den Schädel eingeschlagen unÖ eine Uhr und 600 Kronen geraubt hatte; der Polnische Gendarm, der ihn nach Zamosc brachte, mlym ihrn unterlvegs den Rest feiner Barschaft ab; ferner den 50 jährigen Michel Neuermann aus Hrubefchaw, den inan mit ei n ae sch lag e nein Schädel aus dem Bahnwagen warf. Nur durch ein Wunder entging er dem Tode, und als er im Bahnhof um Wasser bat, um das Blut abzuwaschen, wurde ihm dies verweigert. Wie mir berichtet wurde, sind sämtliche Hotels mit Gästen, die in schwerverletztem Zustande ihre Reise unterbrechen mußten, überfüllt. In Zamosc allein befinden sich 26 Schwerverwundete. In Hrubchchaw selbst kam es am Donnerstag und Freitag, den 1. und 2. Mai, zu einem richtigen Pogrom. Geschäfte wurden geplündert und Personen mißhandelt. Mit Mühe gelang es dem. Kommandanten, die Ruhe wiederherzrbstellon.. In kleinen Orten hingegen, wo höhere Behörden nicht vorhanden sind, sind die Juden dem Terror eines jeden ankommenden polnischen Soldaten ausgeliefert. Im benachbarten Horodlo hielten sich während der ganzen Woche mehrere Bewaffnete auf, die eine förmliche Jagd ans die Juden veranstalteten, die sie zu Zwangsarbeit schleppten. Am Freitag, den 9. Mai, wurden 30 Juden zum Holzladen eingezogen; beim Gang in-die Synagoge zum Freitagabendgottesdienst wurden zahlreiche Inden zur Arbeit weageschleppt. Erst nachdem die Gemeinde ein Lösegeld. von 300 Kronen zahlte, wurden sie befreit. Aus Wladimir-Wohlinsk eintresfende Personen berichten über dort vorgekommene Ausschreitungen gegen die Juden. Von Iah und Frrn. — Ter Ehrenbürger der Stadt Berlin Geheimer Justizrat Oscar Cassel feierte am 4. d. M. feinen 70. Geburtstag. Im Namen der Stadt hat Oberbürgermeister Wermnth, begleitet von verschiedenen Herren des Magistrats, feine Glückwünsche überbracht und dabei namens der Gemeindebehörden eine Stiftuugsurkunde für eine Stiftung von 25 000 Mark überbracht, aus deren Ertrag ein befähigter Student der Jurisprudenz ein Stipendium erhalten soll. Namens des S tadtver ordne tenköllegiums gratulierten die Stadtverordnetenvorsteher Hermann und Tr. Wehl, Stadtverordneter Rosenow überbrachte die Wünsche der Deutschen demokratischen Fraktion. Ebenso ließ die ehemalige Fraktion der Linken mit ihren Glückloünschen ein Eriunerilugsgeschenk überreichen. Aus den Kreisen der Bürgerschaft unb der Bernfsgenossen sowie zahlreicher Vereine, denen der Jubilar sich die langen Jahre hindurch gewidmet hat, waren unzählige Glückwünsche und Gratulations'fpenden eingegangen. Stadtrat K a l r s ch (Berlin) ist vom Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zum Ehrenmitglied ernannt worden. — Am Sonntag, den 25. Mai, nachmittags um 3% Uhr, fand auf dem Sportplatz des Berliner Sportklubs, Cicerostraße Ecke Kurfürstendamm, ein Turn- und Sportfest der national jüdischen Ju.gendvereine Berlins statt. Turnerische Vorführungen, Fechten und Spiele haben neben leichtathletischen Wettkämpfen und Stafettenläufen den Zuschauern einen Einblick in die Mannigfaltigkeit der Bestrebungen gegeben. — In Berlin ist ein ,,Verband jüdischer Ingenieure für den technischen Ausbau Palästinas" entstanden. Seine Ausgabe ist hauptsächlich der Zusammenschluß der in Deutschland wohnenden jüdischen Ingenieure, Architekten, Chemiker und sonstigen Vertreter verwandter Berufe, die den technischen Aufbau des jüdischen Siedelungswertes in Palästina zu fördern bereit sind, und Verbindung mit anderen Organisationen in anderen Ländern, insbesondere in Palästina selbst. - Dem Rabbiner Dr. Kopfstein li.rv Beuthen O.-S. wurde der Charakter und der Titel als Oberrabbiner verliehen. — Der Lehrer S t e i n w e g in Laasphe wurde von der Bürgerschaft als Stadtverordneter gewählt. Zwei politische Parteien hatten ihm das Mandat eingetragen. In der ersten Sitzung der neugewählten Stadtverordneten schlug man Steinweg als Vorsteher vor, . doch lehnte er das Ehrenamt ab. — Das Grundbuchdes Kölner Judenviertels aus den Jahren 1135 bis 1425. wird demnächst vom „Verein für Rheinische Geschichtskunde" veröffentlicht werden. Gemeinderabbiner Dr. Kober in Köln ist mit der Herausgabe und wissenschaftlichen Bearbeitung des umfangreichen und historisch außerordentlich interessanten und wertvollen Materiials betrau-t worden. — Im württembergischen Verfassungisentwurf, den die Landesversammlung in dritter Lesung angenommen hat, wurde die israelitische Religionsgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechtes mit Steuerrecht anerkannt. Die Mitglieder der bisherigen israelitischen Oberkirchenbehörden wurden von der Staatsbehörde anerkannt. — Aus dem Berichte des Vereins für jüdische Lungenkranke in der Schweiz ist die erfreuliche Tatsache zu entnehmen, daß bereits alle Vorbereitungen getroffen sind, um Mitte Juni 1919 die Heilstätte zu eröffnen. Die Erhaltung der Heilstätte wird jährlich 100 000 Franken beanspruchen. Es ist aber anzunehmen, -daß es jeder als eine dringende Ehrenpflicht ansehen wird, das große Werk nach Kräften zu unterstützen, damit es möglich wird, diese bedeutsame Institution zu erhalten und auszubauen. — Ter in Zürich abgehalteue Internationale Frauenkongreß sprach sich in seiner Schlußsitzung energisch gegen die Kulturschande der Pogrome aus. 7— Die französische Wissenschaft hat einen schweren Verlust durch den Tod des Dr. Hippolyte Beruhet m, Professor der medizinischen Fakultät von Nancy, Offizier der Ehrenlegion, erlitten. Professor Bernheim , war in der ganzen Welt durch seine Studien über den Hvpnotismus berühmt. Er war der Gründer der psychologischen Schule in Nancy und Begründer der Psychiatrie in Frankreich. „Jntransigeant" meldet unterm 28. v. M. aus Versailles, daß der Viererrat einen neuen Vertrag, betreffend die Rechte der Minderheiten . der Juden, in den durch den Krieg neu entstandenen Staaten, namentlich in Polen., der Tschecho- Slowakei, in Südslawien und in dem vergrößerten Rumänien, vorbereitet hat, der rein menschliche Ziele verfolgt. ■— Während die englischen Behörden den zionistischen Plänen dauernd ihre wärmste Förderung versprechen, macht die englische Zeitung! „Daily News" auf das unglückliche Los der in England internierten ga l izi scheu Jude n aufmerksam. Tie Regierung kann sie nicht nach Polen zurücksenden, da sie bei ihrer Rückkehr dorthin gefährdet sind. Die Zeitung verweist darauf, daß es eines freien Landes nicht würdig ist, daß nach fünf Monaten nach Abschluß des Waffenstillstandes eine große Schaar am Kriege vollständigi unschuldiger Menschen gefangen gehalten werde. — Der Unruhe und Unsicherheit der Zeit ist einer der Größten der Großen zum Opfer gefallen. Durch eine Kugel, die ihn bei einem Spaziergang auf der Straße traf, wurde in Dünaburg (Dwinsk) der dortige Rabbiner Rabbi M e i r Simch 0 Hak 0 hen im Alter von 70 Jahren getötet. Der Verstorbene war einer der größten zeitgenössischen Gaonim und sein tragisches Ableben hat die weitesten Kreise tief erschüttert. — Dem „Kurjer Warszawfki" wird aus Wilna gemeldet, daß sich die neue Städteverwaltung auf den Boden der offiziellen Anerkennung aller vier Sprachen, nämlich der polnischen, litauischen, weißrussischen und jüdischen, gestellt habe. Alle Verlautbarungen werden in diesen vier Sprachen erscheinen, in welchen auch Eingaben überreicht werden können. Die Stadtverwaltung wird auch alle Schulen, die jüdischen inbegriffen, dotieren. — Aus dem Haag wird gemeldet: D e n A u s s ch l u ß P 0 l e n s a u s dem Völkerbund verlangte Jakob Schiff, der bekannte Führer der amerikanischen Juden, in einer großen Versammlung, in der er dafür eintrat, daß'Polen die Zugehörigkeit zum Völkerbund verweigert werden müsse, solange die polnische Regierung den Judenverfolgungen nicht Einhalt gebiete. In der englischen Presse würden die Nachrichten über die Judenpogrome in Polen unterdrückt, weil England ein politisch starkes Polen wünsche. Auch der frühere Präsidentschaftskandidat Hughes trat für die Juden in Polen ein. Im Lause des Tages fanden noch andere bedeutsame Versammlungen zugunsten der Juden statt. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: M a x F a h r n l ä n der , Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.