Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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ünßi' in der ^schecho-Slowakei verbleiben können. Ende dieses Nlonates beginnt die Hoimbeförderung jener Flüchtlinge, die sich l>ereits gemeldet haben (bis nun etwa 2000). Die weitere Flüchtlmgsaktion wird' als Beauftragter der Delegation des Jüdischen NaLionalrates für Ostgalizien der Flüchtlingsreserent beim Prager Jüdischen Nationalrat, Professor Tr. Engel, leiten. Die Prager ukrainische Gesandtschaft hat Professor Engel ihre Unterstützung Ungesichert. Sruilch-Lrltrrreich. *22 Wien, im Mai. Die dunkelsten Nachrichten des jüdischen Elends in unserer Stadt enthüllte ein Vortrag der Frau Anitta Nt ü l l er, der bekannten Vorkämpferin der jüdischeil Flüchtlingsfürsorge. Frair Ntüller hat das jüdische Elend Wiens in seinen Schlupfwinkeln ausgesucht; die Organe des von ihr geleiteten Amtes haben Erhebungen gepflogen, Material gesainmelt, besonders krasse Fälle photographisch festgehalten. Tie traurige Ernte dieser Bemühungen hat nun ein Lichtbildervortrag vor die Oefferrtlichkeit gebracht; die Wirkung war erschreckend und erschütternd. Die Aufnahmen zeigten zunächst das furchtbare Wohnungselend, das verheerend auf Gesundheit und Moral einwirtt. Man bekam schauderhaft enge schmutzige Löcher Zu sehen mit feuchten. Zerfallenen Wänden, in denen Familien von acht bis zehn Personen wohnen. Die Binder sind meist rhachitisch und tuberkulös, immer halb verhungert, die Eltern gebrochen und resigniert. Schöne und gesunde Menschen gehen in dieser trostlosen Behausung rettungslos zugrunde, niemand Nimmt sich ihrer an. Die Gemeinde Wien hat nicht einmal Versorgungsanstalten oder Spitäler zur Verfügung, um auch nur in den dringenosten Fällen ein Asyl gewähren zu tonneu. Oft mußte seitens des sozialen Aintes der Frau Müller tagelang gesucht werden, bevor eine Unterkunft für einen Unglücklichen deschafst iverden konnte. Nicht minder tm argen liegt die Fürsorge für verlassene Kinder. Das Jugendheim der Stadt Wien, das für 200 Kinder Platz hat, beherbergt meist gegen 800; die Kinder verkommen in Schmiitz, Elend und Aussatz. Diese Kinder werden nietft an private Zieheltern abgegeben. Es ist höchste Zeit, daß sich die jüdische Gemeinschaft dieser Verpflichtung bewußt wird. Frau Müller konnte nur an den: Stand der Sterbestatistik Nachweisen, wie über alles Erwarten groß die Zahl dev verelendeten Juden Wiens ist. Bon 4035 Todesfällen waren 2001 aus ein Gratisbegräbnis angewiesen, d. ch, daß etwa 50 Prozent der Wiener Juden in Not und Elend leben, etwa 100 000 Menschen! Rachitis, Tuberkulose, Leuchen greifen nur sich, und täglich sterben ein paar Menschen buchstäblich den Hungertod! Die ergreifenden Einzelhelten erschütterten das große Publikum auf das tiefste. Von Mh unv Lrrn. Das vorbereitende Komitee für die Errichtung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums hat für den 25. Mai die interessierten Kreise zur Gründungsversammlung nach Berlin eingeladen. — Von erfahrener Seite ist der Vorschlag gernacht worden, zwecks intensiver Ausgestaltung der Bibliotheken jüd. Vereine und Gesellschaften eine Organisation ihrer Bibliothekare und Gesellschaften zu schaffen. Es soll hier die Arbeit der Bibliothekare durch allgemeine Leitsätze erleichtert und die Möglichkeit des Austausches non Erfahrungen geschaffen werden. Wir nehmen an, daß die Schaffung dieser Organisation jedem Bibliothekar nur lvillkommen sein kann. Interessenten wollen sich an Herrn Paul L i n'd e n b e r g, Berlin, Blücherstraße 23, lvenden. -- Das neueste antisemitisck>e Flugblatt sucht diejenigen, die nicht alle werden, mit einem antibolschervistischnr Mäntelchen zu blenden. Das letzte Flugblatt: ,.Bolschewisten Sünden" versteigt sich zu, geradezu blödsinnigen Behauptungen. Es enthält unter anderem den Satz: „Anläßlich der letzten Kämpfe in Berlin verlautete, daß das jüdische Bankhaus Bleichröder zwei Millionen Mark an die Spartakisten gezahlt habe." Die Antisemiten scheinen anzunehmen, daß Bleichröder so „rneschugge" geworden ist, wie sie selber es sind. — Aus Königsberg i. Pr. wird uns geschrieben: Die hiesige Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland hielt am 29. April im Sieburgerhans ihre diesjährige Eeneralversannnlung ab. Nach einem einleitenden Referat des Herrn I. F a b i a n über die Arbeiten der Vereinigung und der Ortsgruppe, die in den Kriegsjahren naturgemäß nur schwach betrieben werden konnten, und über die Aufgaben, die in der näheren und fernen Zukunft mm der Vereinigung zu erfüllen wären, besprach Herr Professor Tr. Th. Eohn die Schrift des Rabbiners Dr. Norden (Ellxwfeld): „Grundlagen unb Ziele des religiös-liberalen Judentums". Au die Ausführungen knüpfte sich eine längere Aussprache. Tie Neuwahl des Vorstandes bildete -den Abschluß der Versammlung. — In der letzten Sitzung des „Neutralen Jüdischen Jugendbundes" zu Rybniek O. S. hielt Herr Rabbiner Dr. D'ienemann (Ratibor) einen Vortrag über „Die jüdische Kongreßbewegung". — Das in Paderborn erscheinende Sonntagsblatt „Leo" hatte verschiedene antisemimitische Artikel gebracht. Daraufhin ist der Lande sausschuß für Rheinland und Westfalen des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beim Bischöflichen Generalvikariat in Paderborn vorstellig geworden. Dieses hat nunmehr mitgeteilt, daß die Schriftleiitung des „Leo" mit entsprechender Weisung versehen wo r,den ist. Wir hoffen, daß jetzt die antisemitischen, Ausfälle des „Leo" aufhören werden. — Am 20. Mai feiert Herr Rabbiner Tr. Golds chm i d t in Offenbach a. M., der seit nahezu drei Jahrzehnten dort amtiert, seinen 70. Geburtstag. Die Gemeinde rüstet sich», den Tag festlich zu begehen. - Aus Stuttgart wird berichtet: Die Laudesversammlung hat den Bersassurrgsentrvurf in dritter Lesung angenommen. Dabei wurde, was für alle religiösen Kreise vvn höchster Bedeutung ist, Absatz 4 des 8 22, der die Errichtung von Privatschülen von staatlicher Genehmigung abhängig machte, gestrickfen. Das Zentrum ließ durch den Abgeordneten G r ö b e r erklären, daß zwar nicht die Absicht bestehe, Priontschulen in großer Zahl zu errichten, solange die Bestimmungen über den Religionsunterricht vom Staate loyal ausgeführt würden; vielmehr betrachte seine Partei die Möglichkeit, Privatschulen zu errichten, als letztes und äußerstes Hilfsmittel gegen die religionslose Schule. Bon demokratischer Seite versicherte man-, daß grüble Weit Herzigkeit hinsichtlich der Freiheit des Religionsunterrichts geübt werden solle. — In Wien ist der frühere langjährige Chef des österreichlicheungarische11 militärärzrlichen Offizierkorps, Generaloberstabsarzt i. R. Dr. med. Josef U riet, im 80. Lebensjahre gestorben. — Auf dem jüngst in Wien abgehaltenen österreichischen Tuberkulosetag stellte Dr. Hermann v. S eh r o r t e r , der während des Krieges Studien in Palästina machen tonnte, fest, daß erfolgreiche Kuren sowohl in Gebirgshöhen wie an der Aleerestüste im Süden, aber auch in mittleren Lagen möglich sind. — Laut Bericht der Wilnaor jüdischen Zeitung „Unsere Stimme" sind am 1(3. März in den litauischen Städten Borissow und Ziembiu Pogrorrre vorgetormnen, die zrvei Tage dauerten und von 'Rekruten infzeniert waren. Ntilitürabteilungen, die aus Nowo-Borissow ankcrmen, gelang es, die Pogrome zu unterdrücken. Einige der Pogromanführer wurden zum Tode verurteilt. Im März hat auch in Moskau ein blutiger Pogrom stattgefunden. Reguläres Militär svll sich daran beteiligt haben. — Auf die Bekanntmachung der polnischen Behörde in Bmlystock, daß sie Beamten für die städtischen Berwaltirngsstellen suche, meldeten sich auch viele Juden. Es wurde mit den jüdischen Repräsentanten die Vereinbarung getroffen, daß vier Inden in dein Kommissariat Aufnahme finden sollten. Im letzten Augenblick ging jedoch um jüdischen Bewerbern die Mitteilung zu, daß die Anstellung von Inden einer besonderen Erlaubnis des Ministeriums des Innern in Warschau bedürfe. —- Das Jüdische Korrespondenzbureau Zürich Meldet: Täglich werden Juden ohne Grund aus Warschau ausgewiesen. Die polnischen Behörden bezeichnen sämtliche Juden, die nicht in Warschau geboren sind, auch solche, die bereits seit 20 Jahren dort wohnen, als Ausländer. Diese „Ausländer" erhalten die Ausweisung, meist innerhalb 48 Stunden das Land zu verlassen. Fälle sind vorgekommen-, daß Juden gleichzeitig Ausweisungsbefehle und Einberufungen für die militärische Musterung bekamen. Es hat sich sogar ereignet, daß Studenten, die schon für den Militärdienst gemustert waren, den Befehl zum Verlasserl des Landes erhalten haben. — Ein Gesetz zur Beschränknng der Einwanderung irr die Bereinigten Staaten hat der Kongreßabgeordnete B u r n e t t dem amerikanischen Staat vorgelegt. In dem rrenen Gesetzentwurf rvivd für die Dauer von vier Jahren allen Auswanderern, ausgenornrnen aus Kuba. A^exiko, Neufundland und Japan, die Ansiedlung in Amerika verboten. Dieser Gesetzentrvurf wurde dem Abgeordnetenhauje vorn Legislativ ko rnitee zur Annahme vorgelegt. Man nimmt allgemein an, daß Präsident Wilson gegen dieses Gesetz ist und sein Veto einlegen rvird, wie er es auch früheren Gesetzen zur Verhinderung der Eimvanderung gegenüber getan hat; doch wird befürchtet, daß das Gesetz trotz dieses Vetos zur Annahme gelangt. Die Folgen dieses Gesetzes wären für die jüdische Auswanderung aus Osteuropa geradezu katastrophal. Verantwortlicher Redakteur: Albert Satz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.