Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. 20 Berlin, 16. Mai 1910 ♦ Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 524. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4S-4-, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Menschheilswerte. Von Rabbiner Dr. M. Salomonski y II ♦ (Frankfurt a. O.) — Die Woche. — Friedenskonferenz und Kanonendonner. Von Du I. Eisenberg. — Reform und Religionsschulen. Von einem Schulmann. — Carl Johann Warburg. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von 4)1. P ulve rm ann. - Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des'Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr.. Posen, Würzburg, Frankfurt a. M.,?Stuttgcnt, Prag, Wien. — Bon Nah und Fern. Menlchhritswrrtr. Von Rabbiner Dr. M. Salo nt o n f f i (Frankfurt a. O-). „Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn!" (Faust.) ie Menschheit hat vor dem großen Kriege des 20. Jahr- Hunderts des völkerbeglückenden Strebens nicht erinangelt und eine bedeutsame Entwickelung zu den Zielen einträchtigen Edelsinnes genommen. Wie in den Jahren der Fülle geringwertige Teilernten nicht fehlen und in den Zeiten der Dürre die Himmelsnahrung niemals ganz gebricht, lute selbst bei trübem Wetter und Regenschauer das Tageslicht nicht ausbleibt, so ist auch die Bahn des Guten keineswegs dauernd zerstört; der Straßenbau zum fernen Lande der Liebe schreitet vorwärts, und die störende Muße in der Arbeitsvollendung begünstigt, recht begriffen, nur kommende Kraftentfaltung. Daß die sittlichen Errungenschaften so wenig gesichert sin!d und ihre Anker keinen festen Grund fassen können, ist im Grunde das größere Hindernis, und darum >nuß eine neue Schaffensart die Wege ebenen. Was die Welt für die Zukunft erhofft, hat sie zum guten Teil schon besessen. Die monotheistischen Bekenntnisse sind Allgemeingut und nicht an ein Land oder Volk gebunden; ihr Schrifttum ist jedem zugänglich und wird von keinem als geschütztes Eigentunt beansprucht. Aber ihre Lehren und Segnungen haben nicht Kraft noch Einfluß genug, um den Rückfall auch der gläubigen und' mächtigen Bekenner zu den ursprünglichen Formen von Haß und Selbstsucht zu verhindern. Und weil alle Religionen sich zu schwach erwiesen, die tätliche Feindschaft der Nationen aufzuheben, so haben auch verheißungsvolle Ansätze, die im Falle des Krieges das Leid des einzelnen und der Gesamtheit lindern und mindern sollten, den berechtigten Erwartungen nicht entsprochen. Die Arbeit des Roten Kreuzes ist eine dornige geblieben und noch nach jahrelanger Dauer der Feindseligkeiten nur einem Bruchteil der Kriegsbetroffenen zugute gekommen. Die Beschlüsse der Genfer Konvention wie des Haager Abkommens haben die Verwendung von Zerschellergeschossen und Luftangriffe aus Lazarette und offene Städte nicht restlos verhüten können. So wurde fast überall Stückwerk geleistet oder Raubbau getrieben; Verträge und Errungenschaften waren nicht in treuen Händen. Was hilft eine soziale Gesetzgebung, die an den Grenzschranken haltmacht und den Angehörigen des befehdeten Staates ohne jeden Schutz läßt; was nützen erdumspannende Vereinigungen zur Pflege der Wissenschaft, der Wahrheit und des Wohlturs, wenn die Saat der Zwietracht sie über Nacht vergiften konnte! Der Austausch befähigter Hochschullehrer hat im Ergebnis den Wert einer unnützen Höflichkeit behalten, die Weltsprache Esperanto vermochte keine Verständigung der Völker oder eine Ueberbrückrtng ihrer Gegensätze herbeizuführen, selbst allseitig gepriesene Leistungen galten plötzlich als Barbarentum. Ware es nicht besser, wenn die unleugbare Macht der Zeitung sich für die Förderung dauernder Eintracht einsetzen konnte, wenn wenigstens das früher groß, schön, rein, vorbildlich und unverrückbar Genannte Gemeingut bliebe! Die Helden der Gesittung und der schöpferischen Kraft, die Hohenpriester der Kunst und der Wissenschaft sollten nicht dem Bannstrahle des Hasses erliegen, die Pioniere der Technik neben den Meistern der Schlachten weiter in Ehren stehen! Der wahrhaft große Mensch denkt, plant und strebt universell. Man darf dem Genie des Engländers Stephenson Zutrauen, daß er die breitere russische Schienenspur belächeln und den Stillstand des Welteisenbahnverkehrs im Kriege beklagen ivürde. Und der deutsche Gründer des Weltpostvereins Stephan müßte physischen Schmerz bei der Wahrnehmung empfinden, daß eine offene Karte in dieser Zeit von New Uork nach Berlin Monate zur Beförderung gebraucht hat. Beides vollzieht sich, nachdem die erfolgreiche Ausgestaltung der Erfindung und des Gedankens ungeahnte Möglichkeiten verwirklicht und die Idee weit über das erst erkannte Ziel hinausgehoben hat, die vielachsige Heißdampflokomotive aber muß im Schneckentempo fahren und die Riesendampfer sind in die Häfen gebannt. Die meerverbindenden Kanäle sind gesperrt, von Tunnelplänen ist.es still geworden, Handels- und Zollabmachungen sind tot, Bündnisse gebrochen, Schiedsgerichte graue Theorien, allgemeine Friedenskonferenzen fast undenkbar, internationale Kongresse, auf denen die Blüte der Menschheit beriet und sich einander verwandt fühlte, schattenhafte Erinnerung. Auch die heftig Widerstrebenden fühlen und werden es noch einmal laut aussprechen, daß die Erdenkinder durch diese Energie der Wertezerstörung eine schwere Schuld auf sich geladen haben und doppelt verpflichtet sind, die Neuforsten der Kultur vor Sturm und Feuerbrand besser zu bewahren. Es genügt nicht, die Auslieferungsverträge wieder in Kraft zu setzen, die Verbrecheralben zu ergänzen, die Verbesserung des Bertillonschen Meßverfahrens einzuführen und die Fortschritte des Patentmarktes zu erwerben oder nachzuahmen. Solange nur zeitweilige Zweckmäßigkeit die Völker zu neuem Vertrage schreiten läßt, wird der Friede der Welt der Ruhe des Friedhofes gleichen und das Niederlegen der Schwerter ein Waffenstillstand sein. Ganz anders aber gestaltet sich die Zukunft, wenn die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand