Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1919)
- Date
- 1919-04-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jabrgsng. Nt. 16 Allgemeine Berlin, 18. April 1919 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Bororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32H. Begründet von Rabbinet vr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-H9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Der Sinn für die Frömmigkeit. Von Bezirksrabbiner Tr. Be er mann (Heilbronn). — Die Woche. — Der Hanshaltsetat der Berliner Jüdischen Gemeinde. Von Benas Levy. — Palästina. Von Rabbiner Dr. F r i e d m a n n in Lublinitz. — Cumberlands „Jude". Von Dr. S. A schner. — Ein Brief Leopold Löws. Mitgeteilt von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Eine Osterkerze. Von I. L. Caragiale. — Jedem das Seinige. Roman von M. Pulver - mann. — Zum Feste der Befreiung. Bon Nathan Cohn (Charlottenburg). — Sprechsaal. Der Geureindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Cöthen, Tübingen, Stuttgart, den Haag, Zürich. — Don Nah undFern. Btx Sinn kür die Frömmigkeit. Eine pessachbetrachtung. Bon Bezirksrabbiner Tr. Beer IN a n n (Heil-bronn). rauhen der junge Lenz, der aus der drückenden Enge in- Wald und $eli> 'lockt und uns dort mit dein Dichter sprechen läßt: „Zufrieden jauchzet groß und klein, hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein." Drinnen in den Häusern und Herzen die beglückende Festbotschaft von dem Erlösergott, der Fesseln bricht und Ketten sprengt und dessen Hauch nicht nur die Natur, sondern auch die Flur-en der Menschheitsgeschichte durchwaltet. Ter Krieg mit den erschütternden Erlebnissen, die ihn begleiteten und ihm folgten, hat uns unmittelbar diesem gewaltigen Gott geschichtlichen Lebens in die leuchtenden A-ugen schallen lassen, und an der Art, wie die Menschen unserer Tage an den großen weltgeschichtlichen Umwälzungen das Wirken ihres Gottes erfahren, lassen sich dieselben Typen beobachten, denen wir auch sonst im Leben in der Stellungnahme zu den Fragen der Frömmigkeit begegnen. Es sind im Grunde genommen -die uns wohlvertrauten vier Gestalten unseres Festbüchleins: der Frevler, der Gleichgültige, der Schlichte und der Weise. Der Frevler steht den Frömmigkeitsdingen fremd und teilnahmlos gegenüber. Er steht jenseits aller Zusammenhänge mit Gott und Göttlichem. Ihm ist Religion rrnd Judentum längst ausgelebte Daseinsform. Er spricht: „Was soll euch dieser Dienst?" Er fragt: „Wann habt ihr eure jüdischen Feiertage?" Er selbst dünkt sich über derlei falsche Gefühlsseligkeit erhaben. Mir geht nichts über mich, ist seine moderne Losung, die freilich von dem Propheten bereits dem brutal selbstischen .Heidenkönige in den Mund gelegt wird: Ich und weiter keiner. Darum fühlt er nicht den sittlichen Zwang, die Lasten und Leiden der Gesamtheit mitzntragen und für ihren Bestand Opfer an Gut und Blut zu bringen. Wie nach der Sage in den Tagen der ägyptischen Finsternis die Frevler in Israel starben, so sterben auch diese jüdischen Antisemiten, sowie das Dunkel des Leids über ihre Stammesgemeinde heraufzieht, vollends ihrem Glauben ab und suchen sich durch schnöde Fahnenflucht aus den Reihen der Stammesbrüder wegziistehlen. Wenn auch der mittelalterliche, so volkstümliche Schristerklürer Raschi in bezug auf abgefallene Israeliten das Wort gebraucht: Sie bleiben Israeliten, wiewohl sie Sünder sind, und wir niemanden aufgeben sollen, vielleicht schlummert in ihm noch ein Funke, der einst zur Flamme des Guten wieder emporlodert, so sollen wir diesen Verrätern doch durch unser Benehmen zum Bewußtsein bringen, daß sie am Heiligsten Treubruch getrieben haben und für unseren gesellschaftlichen Umgang daraus mutig die Folgen ziehen: „Dem Frevler gib eine scharfe Antwort — er hat sich ausgeschlossen von der Gesamtheit und dadurch das Wesen der Religion, die Gemeinschaftssache ist, geleugnet!" * Der Gleichgültige sagt nichts und fragt nichts. Aus der Jugendzeit klingt's wohl wie eine verlorene Melodie von Fröm'migkeitswerten zuweilen hinein in seine Seele, etwa wenn des Todes rauhe Hand ihm ein teures Leben angetastet hat. An Gräbern und bei Totenfeiern wird er sich seines Zusammenhangs mit einer wettüberlegenen Wirklichkeit bewußt. Wir wollen diesen dünnen Faden schonen, der ihn mit seiner Glanbensgemeinde verknüpft; wir wollen Sorge tragen, daß der Keim, der sich in ihm regt, zur Entfaltung gelange, denn „es ist Segen in ihm, .verdirb' ihn nicht"! Darum geht er ins Gotteshaus nur zu Jahrzeit und bei Sterbefällen. Sorgen wir dafür, daß das, was er dort findet, ihm zu Herzen geht, daß Predigt, Gesang und Gebet machtvoll seine Seele ergreifen und für die Schönheiten der Religion gewinnen. Gewiß ist es wahr, die Freiheit und das Himmelreich, die dulden keine Halben, aber die Halben können Ganze werden, und Aufgabe planmäßiger Seclenführung muß es sein, dieses schwere Werk an den Lauen zu vollbringen. Diese Seelsorge - der Prophet Ezechiel hat dafür den Ausdruck des Hirten- und Wächteramtes — muß das Hauptanliegen des rabbinischen Gemeindedienstes sein, sie ist aber nicht auf diesen Stand beschränkt, sondern „alle Israeliten bürgen füreinander und sollen einander im Guten stärken und stählen". * Der Schlichte wurzelt in dem Erbgut der Väter; was er von den Ahnen erhalten hat, sucht er treu zu wahren. Er steht freilich noch auf einer unteren Staffel der Himmelsleiter, denn erst der durch Zweifel hindnrchgegangene und durch persönliches Erleben erworbene und bewahrte Glaube stellt die höchste Stufe dar. Dem, der, ohne die Glaubenswe'rke selbst zu erfahren und zu prüfen, ans Pietät sie wahrt, ist zuzurusen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb eA um es zu besitzen!" Einer unserer gemütvollen Gleichnisprediger erzählt von zwei Söhnen, die vom Vater ein Hans ererbten; der törichte Sohn spottet über den Kalkfleck an der Wand, den der Vater geschmacklos an einer Stelle der Mauer angebracht hatte; der kluge sucht, was dahinter steckt, und findet einen Schatz! In die Tiefen der Religion gilt es einzudringen; die Ewigkeitsgüter wollen in das eigene Ich hineingebaut werden, denn Religion ist zwar auf Gemeinschaft angelegt, sie sucht aber jede Einzelseele mit dem Göttlichen zu verbinden. „Warum", so