Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nt. 15 Berlin, 11. Hpril 1919 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 M. — Postscheckkonto 329. Begründet von lluddiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 9H-99, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Non Dr. Willy Cohn, - Die Woche. - Romain Rolland im „Jean Christof" über Juden und Judentum. Don B. K. — Dr. Eduard Neumann, Don Ludwig Blau (Budapest). — Die Dozenten an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin; VI. Eugen Täubler. Don L. G. — Die Thora im Lichte der Agava. Bon Albert Katz. — Feuilleton: Eine Osterkerze. Von I. L. Caragiale — Pessachnacht. Von S. Aschner. — Pefsach 1919. Don Jenny Bergmann. - Büchereinlaus. Der Geureindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin, Polen, Breslau, Glogau, Magdeburg. Leipzig, Nürnberg, Bocholt i. W., Düsseldorf, Stockholm. — Don Nah und Fern. Oskkah. Don Dr. Willy C o h n. ein Fest in der Reihe unserer altehrwürdigen Feiertage ist in so hohem Maße ein Familienfest wie Passah; an keinem anderen Tage tritt der Glanz, den unsere Gebräuche dem Hausherrn zuerkennen, so deutlich in Erscheinung wie gerade heute. Mag er auch sonst noch so ein vom Leben mitgenommener, von Sorgen bedrückter Mensch sein, heut möchte er nicht mit dem Größten der Erde tauschen, wenn er an diesem Abende seine Familie am Sedertisch um sich gesammelt sieht. Verbrannt ist alles Gesäuerte, reinen Herzens und reinen Sinnes finden sich die Mitglieder des Hauses an der festlichen Tafel zusammen, um in Erinnerung an den größten Tag unserer Geschichte das Passahmahl einzun'ehmen. Welch wundersamen Klang haben die alten Melodien, die sogleich in uns die festliche Stimmung erzeugen. Und wie verknüpft sich auch das Heranwachsende Geschlecht mit der Vergangenheit unseres Stammes, wenn der jüngste der Tischgesellschaft die schon Jahrtausenden gestellte Frage wiederholt: „Warum ist diese Nacht ausgezeichnet vor allen anderen Nächten?" — Unsere Gedanken verlieren sich in die Vergangenheit, und vor unseren Augen steht das Bild unserer Vorfahren, wie sie, die Lenden gegürtet und den Stab in der Hand, auf das Zeichen warteten, das sie herausführen sollte aus Mizrajim, dem Lande der Knechtschaft. Wie sie nicht Zeit hatten, das Brot zu Ende zu backen und es ungesäuert mit hinausnehmen mußten. — Wir glauben ihreStimmung fühlen zu können. Vierhundertunddreißig Jahre hatten sie ans die Befreiung gewartet, und Führer waren ihnen erstanden, die das Schicksal des Volkes mit starker Hand lenkten, Moses und Aaron. In feierlichster, gehobenster Stimmung, aber auch voll innerer Ungeduld mögen unsere Vorfahren das Pafsahmahl verzehrt haben und das Bitterkraut, das ihnen noch einmal die Bitternis der langen Jahre der Knechtschaft vor Augen führen sollte- -- Nun aber wurden sie frei und gingen in das ihnen von der Vorsehung bestimmte Land, um ihr eigenes Leben zu leben Jahrtausende sind seitdem vergangen, große Nationen sind gekommen und gegangen; Israel ist geblieben und bewahrt in Treue die Erinnerung an die vergangene Zeit, und ist es auch zerstreut über all« Länder der Erde, so ist ihm doch als köstlichster Besitz diese Erinnerung an die gemeinsame Geschichte geblieben. — Heut aber wissen wir, daß über den ganzen Erdball hinweg, überall da, wo sich Juden zusammenfinden, die Vergangenheit wieder lebendig ist und sie sprechen läßt von dem, was ihnen das Wichtigste auf Erden ist, von ihrem Judentum. Denn auch das empfinden wir immer aufs neue, unser Judentum ist nichts Totes, es ist etwas Lebendiges, das eine stets erneute Kraft aus uns strömen läßt, uns frisch und jung erhält, uns die seelische Widerstandskraft gibt in all den Widerwärtigkeiten des Lebens und dies vor allem durch seine Feste, dem, der sie richtig auffaßt. Zum erstenmal begehen wir diesen Sederabend wieder im Kreise unserer Lieben; viele jüdische junge Leute, die jahrelang draußen im Felde waren, haben in den vergangenen Jahren gerade an diesem Abend am schmerzlichsten empfunden, daß sie ihn nicht in ihrem Familienkreise verleben konnten, sondern fern von d?r Heimat unter fremden Menschen weilen mußten. Immer -wieder hat man es sich draußen ausgemalt, wenn man wieder am Familientisch sitzen und im heimischen Gotteshaus die gewohnte Andacht wird verrichten dürfen. Wohl haben wir uns oft die Heimkehr anders vorgestellt, als sie gekommen ist, aber daß sie überhaupt gekommen ist, dies allein ist schon ein unfaßbares Glück. Unsere Feste aber sind auch alle Feste der Natur. Erst in den Steinwüsten unserer großen Städte haben wir die Berührung mit der Natur verloren; unsere Feste suchen sie uns wiederzugeben. Vor der geöffneten Lade spricht der Rabbiner das Frühlingsgebet und fleht den Segen des Allmächtigen ans die Saat herab, die nun dem Erdboden anvertraut wird. Erwarten wir nicht von diesem Frühling ganz besonders viel? Erhoffen wir nicht, daß er endlich der gequälten Menschheit den Frieden wiedergibt und geordnete Zustände der ganzen Erde wiederkehren läßt?. Zu dem äußeren Frieden aber auch den inneren Frieden, ans daß sich nicht, kaum daß der äußere Krieg verstummt ist, der Zwist des Bruderkrieges erhebt! Frühling und Frieden, welch wundersame Worte; Worte, die uns so ganz gegenwärtig werden, wenn wir den Sinn unseres Passahfestes nur richtig erfassen. Die Sonne, di? nun wieder größere Kraft gibt, möchte auch die rauhen Schalen zum Schmelzen bringen, die sich im Laufe dieser entbehrungsreichen Jahre um das Menschenherz gelegt haben. Nur so kann der Frühling zum Völkerfrühling werden. In diesem Frühling aber soll auch dem durch die Lande verstreuten Judenvolke wieder eine Heimstätte werden, die, wenn sie auch nicht alle Glieder des Volkes vereinigen kann und soll, doch denen eine neue Heimat geben wird, die das Leid der Verbannung in ihrer Seele' am schlimmsten fühlen und die die Sehnsucht nach der Stelle treibt, von der die Ahnen auSgezogen sind. Wie oft haben sie am Sederabend das Wort gesagt: